AZ-Interview mit Quantenphysiker Traumberuf Wellness-Tester: ein außergewöhnlicher Karriereweg

Wellness analytisch: Dort, wo andere sich von der Arbeit entspannen, fängt die Arbeit des Wellness-Testers an. 500 Kriterien werden auf Wellness-Heaven bewertet. Foto: gms/pa

Ob eine Massage auf einer Waldlichtung im Salzburger Land oder Entspannung in der Wasservilla auf einer tropischen Insel – Tassilo Keilmann führt ein herrliches Leben, gerade so, wie es sich manch anderer auch im Urlaub wünscht. Im Urlaub?

Der Münchner Quantenphysiker erlebt seine Abenteuer zwischen Dampfbad und Whirlpool rein beruflich. Als Gründer des Portals „Wellness Heaven“ macht der promovierte Quantenphysiker mit einem außergewöhnlichen Karriere-Weg vor, wie man auch das Wissen eines trockenen Studiums nutzen kann, um seinen Traumberuf zu verwirklichen.

AZ: Wie wird man vom Büromenschen und Quantenphysiker zum Weltreisenden und Wellnesstester?

Tassilo Keilmann: Das ist schnell erzählt. Im Jahr 2006 war ich mit meiner Freundin in einem sehr schlechten Hotel im Zillertal in Hintertux. Das war die Initialzündung. Damals gab es noch kein Hotelbewertungsportal mit dem Schwerpunkt Wellness. Da ich als Quantenphysiker auch Grundlagen des Programmierens gelernt hatte, begann ich, die Plattform erst mal nebenberuflich aufzubauen.

Wie sah Ihre Karriere bis dahin aus?

Ich habe in München, Cambridge und Paris Quantenphysik studiert. Anschließend habe ich in Garching am Max-Planck-Institut für Quantenphysik fünf Jahre promoviert. Von 2004 bis 2009 habe ich in der Gruppe des Nobelpreisträgers Professor Hänsch als Wissenschaftler die Zustände ultrakalter Atome in optischen Gittern erforscht.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, aus der Festanstellung in die Selbstständigkeit zu wechseln?

Die Perspektiven in der Quantenphysik fand ich nicht berauschend. Außer in einer Unternehmensberatung oder bei einer Versicherung zu arbeiten – was mir aber nicht gefallen hätte – bleibt in der Regel nur eine wissenschaftliche Karriere. Doch um die wenigen Professuren gibt es ein unheimlich starkes Gerangel.

Haben Sie gekniffen?

Nein, ich fand es schon immer verlockend, mein eigener Chef zu sein. Und weil ich nebenberuflich mit dem Portal gestartet bin, war der Wechsel erträglich. Und ich habe ihn nicht bereut: Ich bin mein eigener Herr, kann flexibel meine Zeit einteilen, kann mich um meinen kleinen Sohn kümmern, lerne mit meiner Frau zusammen die schönsten Hotels der Welt kennen und werde für diesen Spaß sogar bezahlt.

Welche Ihrer im Physikstudium erworbenen Fähigkeiten nutzen Sie als Wellness-Tester?

Vieles, dass mir den Aufbau des Portals erleichtert oder erstmöglich gemacht hat: Programmieren, genaues Beobachten, Sammeln und Auswerten von Daten, Entwerfen von Studien und Publizieren. All das gehörte für mich auch schon zum Handwerkszeug als Naturwissenschaftler.

Was ist die Kernidee, mit der Sie sich selbstständig gemacht haben?

Wir bewerten nach 500 Kriterien, die ich selber entwickelt habe, in ausgewählten Hotels die Bereich Wellness & Spa, Zimmer & Suiten, Kulinarik, Service und Lage. Nutzer unseres Portals können durch eine Suchmaske die besten Wellness-Hotels in einer bestimmten Kategorie finden. Damit haben wir viele eigene Inhalte, was optimal für die Google-Suchmaschinen-Bewertung ist. Weil 80 Prozent der Zugriffe über Google kommen, haben wir 700 000 Keyword- Kombinationen wie „Wellness-Hotel“ und „Südtirol“ über einen Algorithmus optimiert, den ich auch selber programmiert habe.

Welche Details testen Sie genau?

Zum Beispiel den Ausblick vom Whirlpool – liegt der im Keller oder gibt es eine Badelandschaft mit 180-Grad-Blick auf die Berge. Oder die Einrichtung des Behandlungszimmers: Schaut man durch das Loch auf der Massageliege auf den Fußboden oder auf eine schöne Blume. Ich versuche, als Physiker das etwas analytisch anzugehen und nicht nur emotional. Wir belegen die weichen und harten Fakten mit Zahlen, es gibt unterschiedliche Gewichtungen.

Was war Ihr beeindruckendstes Wellness-Erlebnis?

Das Hotel Hohenwart oberhalb von Meran hat einen Spa-Tower mit mehreren Stockwerken. Im obersten Geschoss gibt es ein schönes Solebad. Von dem hat man einen 360-Grad-Blick über die Südtiroler Berge – ein richtiger „Wow-Effekt“ für den Gast.

Welche wichtigen Erfahrungen als Selbstständiger können Sie weitergeben?

Ich habe zum Beispiel für ein Projekt mit sehr guten indischen Programmierern zusammengearbeitet. Das hat aber so viel Zeit gekostet, dass ich alleine schneller gewesen wäre.

Wie können Sie Ihr Unternehmen weiterentwickeln?

Indem wir neue Märkte erschließen: Erstens werden wir in anderen Sprachen erscheinen. Zweitens wollen wir die Region der getesteten Hotels ausweiten. Bisher sind wir in Deutschland, Österreich, Italien, Schweiz und auf den Malediven vertreten. in Kürze wollen wir auch die klassischen Wellness-Inseln wie Bali und Mauritius angehen.

Außerdem habe ich genügend Ideen, um mein Know how weiter zu vermarkten, wie etwa mit meinem neuen Unternehmen für Suchmaschinen-Optimierung namens Linkavow. Ich habe eine Methode entwickelt, um die Qualität von Links zu analysieren. Die hilft meinen künftigen Kunden, Zeit zu sparen, da diese Analyse bislang meist manuell vorgenommen wird.

Offenbar habe Sie sich doch noch nicht endgültig von der Physik verabschiedet?

Ein wenig bin ich der Materie tatsächlich noch verbunden: Mit drei Physiker-Kollegen habe ich auch eine Firma für Aktienprognosen gegründet: aktien-prognose.com. Da haben wir statistische Methoden aus der Physik auf die Aktienwelt übertragen, kurz: es geht darum, kurzfristige Aktienkursprognosen bereitzustellen, Wir wurden sogar mit einem Gründerstipendium gefördert.

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