AZ-Interview mit Psychiater Corona-Ausgehbeschränkungen: So verhindern Sie den Lagerkoller

Autorenprofil Ruth Schormann
Auch das Kuscheltier im Arm kann helfen. Der Psychiater Dr. Sascha Hunner (r) gibt Tipps, wie man mit dem Drinnenbleiben besser klar kommt. Foto: imago images / ho

Isolation macht vielen Angst, stellt einige vor große Sorgen. Von Lagerkoller, Vitamin D und einem Spaziergeh-Plan: Das rät ein Psychiater in der Corona-Krise – und sagt, welche Möglichkeiten für Kontakt und Hilfe es gibt.

 

AZ-Interview mit Dr. Sascha Hunner: Der 43-Jährige ist psychotherapeutischer Facharzt und Psychiater sowie Chefarzt der Panorama Fachklinik Scheidegg im Allgäu.

AZ: Herr Hunner, seit Samstag ist es offiziell: In Bayern gibt es Ausgangsbeschränkungen. Was macht das mit uns?
SASCHA HUNNER: Die Angst vor Freiheitsverlust ist zutiefst im Menschen verinnerlicht und ein großes Problem. Wir werden uns immer wieder in einen inneren Dialog begeben müssen: Geht es mir um den Wert der Freiheit oder geht es mir um den Wert der Gesundheit? Da schaltet sich dann der Kopf dazu. Viele Menschen werden das Problem für sich lösen können und sich sagen, es geht nicht anders, es hilft jetzt nicht, aber danach wird es – das sagen beispielsweise auch die Menschen in Italien – eine Explosion der Lebensfreude geben. Aber davon sind wir halt jetzt noch weit weg.

Es gibt Menschen, die verbinden mit der Situation ganz andere Ängste.
Ja, zum Beispiel die, die eine enge Wohnsituation haben oder eine schlechte Beziehung zum Partner oder zu den Kindern. Ich habe auch Patienten in der Klinik, die nicht nach Hause wollen, sondern lieber bleiben, weil sie hier mehr Bewegungsfreiheit haben.

Sie haben die enge Wohnsituation angesprochen: Was bedeutet es für die Seele, wenn man sich körperlich nicht mehr so viel bewegt?
Das ist extrem schlecht. Sitzen ist bekanntlich das neue Rauchen und jetzt sind wir dazu verdonnert. Klar ist aber auch, es gibt die guten, alten Gymnastikübungen, die jeder machen kann, von Kniebeugen, Liegestützen bis zu Treppenläufen. Das kann ich drinnen machen.

Spazierengehen - wann ist die beste Zeit?

Es ist ja immerhin erlaubt, spazieren zu gehen.
Diese Spaziergänge sollte man bewusst nutzen, tief die Luft einatmen, die ja zur Zeit besonders gut ist – das ist die positive Seite an der Sache.

Ist es besser, gleich morgens raus zu gehen – oder als Belohnung am Abend?
Da muss jeder auf seine Bedürfnisse hören – wer schlecht geschlafen hat, geht vielleicht besser morgens raus, um einen guten Start in den Tag zu haben, andere brauchen frische Luft und Bewegung zum Tagesausklang.

Soll man da also nur auf sich hören?
Das ist vielleicht sogar gut, wenn innerhalb der Familie oder der Partnerschaft getrennt spaziert wird, um abzuschalten.

Was kann ich beim Spazieren noch beachten?
Unbedingt Sonnenlicht an die Haut lassen. Gut, das Wetter ist schlechter, aber Sonnenlicht kommt ja noch durch. Lieber frieren wir mal ein bisserl an den Armen, aber dafür kommt ein bisserl Sonne, also Vitamin D, an die Haut. Wir müssen uns einfach bewusster um unsere Grundbedürfnisse kümmern in dieser Situation.

Sonne und Bewegung gehören zu den Grundbedürfnissen des Menschen

Was gehört zu diesen Grundbedürfnissen?
Dazu zählen eben Sonne und auch Bewegung, auch innerhalb der eigenen Wohnung. Ich weiß, mit vielen Leuten auf engem Raum wird das schwer.

Haben Sie einen Tipp, wie man die Ausgangsbeschränkung in so einer Situation praktisch angeht?
Ich plädiere dafür, klare Regeln aufzustellen. Dass es etwa ein Zimmer gibt, das als Erholungsraum dient. Das jeder mal alleine benutzen darf. Dort kann der eine seine Musik hören, der andere einfach mal durchschnaufen. Das braucht es jetzt.

In China soll ja die Scheidungsrate gestiegen sein.
Wichtig ist, dass man sich zusammensetzt und Abmachungen trifft, damit jeder die Balance zwischen Nähe und Distanz findet. Das ist mir als Psychotherapeut natürlich immer wichtig.

Das heißt, es geht jetzt viel ums Miteinanderreden?
Ja, über Bedürfnisse und auch über die Ängste an sich in dieser Situation. Keiner muss den Starken markieren, den Ruhepol – der dann irgendwann explodiert, weil er alles in sich hineinfrisst. Man muss sagen können: Mir wird das zu viel, ich packe es gerade nicht mehr. Dazu kommt: Bislang haben viele die Ängste weggeschoben, ignoriert oder in Verschwörungstheorien aufgelöst. Jetzt ist aber wichtig zu akzeptieren: Wir haben doch alle Angst – auch ich. Es geht schließlich um etwas, was diese Generation so noch nie erlebt hat.

Kann man zu viel über die Corona-Krise sprechen?

Kann man zu viel darüber sprechen, dreht man sich da nicht irgendwann im Kreis?
Auch hier geht es um eine gesunde Balance. Man muss in der Situation natürlich auch mal dem Partner eine Pause gönnen oder sich selbst auf andere Gedanken bringen. Jetzt ist es wichtiger denn je, zu sagen, was man braucht und sich Pausen zu schaffen, sowohl räumlich als auch inhaltlich.

Wie geht das?
Indem man sagt, jetzt reden wir mal nicht über die Sorgen, sondern tun so, als wäre das ein normaler Abend.

Und soll dann an so einem normalen Abend auch gekuschelt werden? RKI-Präsident Lothar Wieler sagt ja, man soll auch innerhalb der Familie Abstand halten.
Ja, ich bin selbst Arzt und muss daher diese grundsätzliche Empfehlung für den eigenen Haushalt unterstützen, aber als Psychotherapeut und Psychiater sage ich: Dann würde es seelisch wirklich haarig – und es ist auch kaum praktikabel. Da sollte man lieber auf seine Psyche schauen und darauf, dass der Oxytocinspiegel hoch bleibt. Das Kuschelhormon verschafft uns viel Ruhe und fährt unser Angstsystem runter. Das wird durch Berührungen ausgelöst und das ist momentan sehr wichtig. Zur Problematik des Kontakts mit den älteren oder anderweitig einem höheren Risiko ausgesetzten Familienangehörigen muss ich als Arzt schweren Herzens das strikte körperliche Kontaktverbot unterstreichen.

Was machen dann Menschen, die alleine wohnen?
Die wärmen ihr Kuscheltier auf. Das ist kein Witz, ich verordne meinen Patienten, etwa welchen mit posttraumatischer Belastung, sehr gerne ein Kuscheltier zum Einschlafen. Auch sich selbst zu umarmen, ist erlaubt. Damit kann man das Gehirn überlisten. Und natürlich Video-Kontakte und dergleichen, um zumindest auf der optisch-akustischen Ebene das Gefühl von Bindung herzustellen.

Können Sie der Situation etwas Gutes abgewinnen?
Die Welt danach wird eine andere sein. Man bekommt die Chance, selbstverständlich gewordene Werte mehr zu schätzen. Es wird danach vermutlich ein Anpacken geben, ein kollektives Bewusstsein, das Land wieder aufzubauen und sich des Lebens zu freuen. Das kann auch alles ein sehr positives Ende nehmen.

Lesen Sie hier alle Entwicklungen zur Corona-Krise in unserem Newsblog!

 

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