AZ-Interview mit Professor Nassehi "Sieben Wochen ohne Lügen": Wie soll das gehen?

Pinocchio (hier in einer Theaterszene) kann man buchstäblich von der Nasenspitze ablesen, ob er lügt. Foto: Peter Endig/dpa

Die evangelische Kirche stellt ihre Fastenaktion 2019 unter das Motto: "Sieben Wochen ohne Lügen". Was es über das Flunkern zu wissen gibt - das AZ-Interview.

 

Sieben Wochen lang die Wahrheit sagen – die evangelische Kirche hält sich in ihrer diesjährigen Fastenaktion an das achte Gebot: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!" und ruft zum Lügenfasten auf. Die AZ hat Armin Nassehi zum Thema befragt - der Professor (59) leitet den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der LMU. Warum flunkern wir überhaupt – und was versteht man eigentlich unter Lüge?

AZ: Herr Nassehi, glaubt man der Wissenschaft, lügen Menschen im Durchschnitt ziemlich häufig – bis zu 200 Mal am Tag. Wieso lügen wir so oft?
ARMIN NASSEHI: Vielleicht muss man zunächst klären, was unter einer Lüge zu verstehen ist. Was der Andere für die Unwahrheit hält, muss noch keine Lüge sein – siehe die Diskussion um die sogenannte "Lügenpresse". Unter einer Lüge würde ich einen Sprechakt verstehen, der bewusst die Unwahrheit sagt, der also ganz explizit das, was der Sprecher für eine Wahrheit hält, verfälscht, um damit etwas zu erreichen.

Ist Lügen immer nur schlecht? Oder gibt es Situationen, in denen es sogar moralisch richtig ist, zu lügen?
Zunächst muss man sagen, dass Kommunikation stets darauf verweist, dass das, was jemand sagt, nicht identisch damit ist, was der Sprecher meint oder denkt. Es ist vielleicht sogar eine evolutionäre Errungenschaft, dass wir etwas sagen können, was in unserem Kopf ganz anders aussieht. Freiheit, auch die Freiheit der Gedanken, geht auf denselben Mechanismus zurück, der auch das Lügen ermöglicht. Im Übrigen würden wir an soziale Grenzen stoßen, wenn wir stets sagen würden, was wir vom Anderen denken, wie wir sein Handeln einschätzen, sein Äußeres oder auch nur, dass er oder sie da ist. Dass wir das für uns behalten und im Alltag womöglich das Gegenteil behaupten, ist ein geradezu lebenswichtiger sozialer Schmierstoff. Probleme bekommen wir sicher, wenn das permanent mit Personen stattfindet, mit denen wir zusammenleben oder wenn unser Handeln oder unsere Gesten nicht zu dem passen, was wir sagen. Vielleicht ist das bessere Wort für diese Art von kleinen Lügen Takt. Wer taktvoll ist, beschönigt die Situation zugunsten des Gegenübers.

Nassehi: "Eine Lüge ist im Alltagsleben kaum vermeidbar"

Sieben Wochen ohne Lügen – ist das realistisch?
Ganz abgesehen davon, dass nach dem, was ich gerade gesagt habe, so etwas wie vollständige Transparenz weder wünschenswert noch möglich ist, wäre etwa das fünfte Gebot (Du sollst nicht töten) einfacher, sieben Wochen lang durchzuhalten.

In welchen Situationen könnte man mit dem Lügenfasten an Grenzen stoßen?
Die Frage kann man zweifach beantworten: Man muss gar nicht an Grenzen stoßen, wenn es darum geht, die offenkundige Lüge zu vermeiden. Wenn man die Sache aber ganz eng sieht, ist eine Lüge im Alltagsleben kaum vermeidbar. Nur würde ich den Begriff der Lüge dabei eher vorsichtig behandeln.

Was würden Sie sagen, sind die häufigsten Lügen – und was ist ihre Funktion?
Bewusst eingesetzte Lügen sind diejenigen, mit denen man sich bewusst in eine bessere Position versetzen will – etwa einem Konkurrenten im Arbeitsleben gegenüber oder auch im privaten Bereich, um etwas zu verschleiern, was der Partner oder die Partnerin nicht erfahren soll. Aber am meisten verbreitet sind sicher die kleinen Unwahrheiten des Alltags, die Sozialverträglichkeit herstellen.

Nassehi: "Es kann viele Lügen geben – aber nur eine Wahrheit?"

Was könnten Effekte eines erfolgreichen Lügenfastens sein?
Wenn es einen Effekt haben kann, dann nur in dem Sinne, dass man sich dessen bewusst wird, wie schwierig es ist, die Wahrheit zu sagen. Die Lüge ist relativ einfach, weil sie eine Wahrheit voraussetzt – die Wahrheit zu sagen, ist schon schwieriger, weil voraussetzungsreicher. Es kann viele Lügen geben – aber nur eine Wahrheit? Darüber nachzudenken ist sicher nicht schlecht. Es als Fasten zu simulieren, halte ich aber für mindestens merkwürdig – sollte das Fasten doch auf bewussten Verzicht beziehungsweise aufs Maßhalten aufmerksam machen. Lügenfasten macht die Lüge fast zu einem potenziellen Vergnügen.

Wie sieht es aus mit Situationen, in denen man sich selbst belügt? Ist hier auch ein Lügenfasten möglich?
Das ist ein weites Feld. Genau genommen kann man sich nicht wirklich belügen, zumindest nicht nach der Definition, die ich schon formuliert habe. Aber dass wir uns bisweilen etwas vormachen, das kennen wir alle. Gemeint ist wohl eher die sehr protestantische Idee der Gewissenserforschung.


Wer wie oft schwindelt

Unehrlichkeit ist meist männlich: Das zeigt die Auswertung von 565 Studien rund ums Thema Lügen und Unwahrheit, die das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung mit dem Technion Israel dieses Jahr vorgestellt hat. Demnach haben bei den Experimenten 42 Prozent aller Männer und 38 Prozent der Frauen gelogen. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Außerdem hätten Jüngere öfter gelogen als Ältere. Insgesamt, so schätzen Wissenschaftler, lügen Menschen bis zu 200 Mal am Tag.

 

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