AZ-Interview mit Polizist Stefan Pfeiffer: "Das ist kein Spiel. Das ist bittere Realität"

"Wollen Sie den Toten sehen?" Ein Gaffer bekommt es dann doch mit dem Gewissen zu tun. Kleinlaut winkt er ab. Foto: NEWS5 / Grundmann

Stefan Pfeiffer, Chef der Verkehrspolizei Feucht, ist durch eine drastische Gaffer-Ansprache bekannt geworden. Die AZ hat ihn getroffen.

 

München - Sogar in Kuwait waren die Aufnahmen von dem Polizisten aus Franken zu sehen – mit arabischen Untertiteln. Hochemotional hatte Polizeidirektor Stefan Pfeiffer vergangene Woche auf der A 6 nach einem Unfall Gaffer zur Rede gestellt, sie provokant gefragt: "Wollen Sie die Leiche sehen?".

Nachdem sich die Bilder weltweit verbreitet hatten, ging Pfeiffer auf Tauchstation. Er musste den Trubel um seine Person erst einmal verdauen.

Interviews gab er keine – bis zum Mittwoch. Da sprach der 54-jährige, nicht social-media-affine Beamte und Vater von zwei Töchtern, als Mitglied der Verkehrskommission bei der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in München. Danach gab er der AZ ein Interview.

Stefan Pfeiffer würde wieder so reagieren

AZ: Herr Pfeiffer, haben Sie damit gerechnet, dass Ihre Gaffer-Ansprache so Furore macht?
STEFAN PFEIFFER: Nein, ich war ein bisschen geschockt, dass das so eine Wirkung erzielt hat. Wir erleben sowas ja tagtäglich auf den Autobahnen. Das ist richtig über mich hereingebrochen.

Würden Sie es wieder so tun?
In dem Moment war es die richtige Entscheidung. Ja, ich würde es wieder so machen. Aber das war nichts für einen Lehrfilm.

Viele sehen in Ihnen einen Helden.
Wenn man hier überhaupt von Helden sprechen will, gilt das sicher nicht mir, sondern denjenigen, die tagtäglich ihren Dienst auf den Autobahnen verrichten. Ich würde das Thema gern wieder von meiner Person wegbringen.

"Manchmal braucht es Emotionen"

Was denken Sie, warum Sie so viel Zuspruch bekommen haben?
Vielleicht war es einfach die Authentizität. Ich habe halt emotional versucht, Schaulustige davon abzuhalten, hemmungslos Schamgrenzen zu überschreiten. Das war keine Standardansprache. Manchmal braucht es Emotionen – in dem Moment war es richtig, welche zu zeigen.

Hätten Sie tatsächlich jemanden zur Leiche geführt?
Nein, das war nie beabsichtigt. Die Reaktion ist immer die gleiche: Wenn man Menschen damit konfrontiert, dass ein tragisches Ereignis passiert ist, wenn man sie aus diesem Schutzraum rausholt, ist es ihnen hochgradig unangenehm. Sie merken dann, dass sie eine Grenze überschritten haben.

Warum verhalten sich Gaffer so?
Das ist die reine Neugier. Das ist menschlich. Das gab es ja auch früher schon mit Löwen- und Gladiatorenkämpfen.

Es gibt immer mehr Gaffer

Gaffer gefährden Menschenleben ...
Ja. Unsere vorrangige Aufgabe ist es ja eigentlich, den Verkehr wieder zum Fließen zu bringen. Aber durch das Gaffen entstehen Staus und am Ende fährt vielleicht wieder einer auf und verursacht einen neuen Unfall. Ich war selbst schon dabei, als drei tote Kinder aus einem Auto geholt wurden. Das möchte ich nicht noch einmal erleben.

Gibt es immer mehr Gaffer?
Ja, leider. Das ist der Fluch der heutigen Kommunikation. Ich bin seit 35 Jahren bei der Polizei und im zwölften Jahr bei der Autobahnpolizei. Mit den technischen Entwicklungen ist es schlimmer geworden. Wenn ein Bus mit einer Reisegruppe an einer Unfallstelle vorbeifährt, filmen alle. Als wäre es eine touristische Veranstaltung! Man fragt sich, machen die sich klar, was sie selbst in solch einer Situation empfinden würden?

Es kommt immer wieder vor, dass wir es nicht einmal mehr schaffen, die Angehörigen zu verständigen. Sie erfahren es zuerst über die Sozialen Medien, weil dort Unfallbilder verbreitet werden. Die Menschen erkennen dann das Auto ihres Sohnes, ihrer Tochter ... In den vergangenen Tagen haben sich bei mir Menschen gemeldet, die selbst erlebt haben, dass sie verletzt fotografiert oder gefilmt wurden. Das hat die Situation für sie massiv verschlimmert. Man möchte den Schaulustigen zurufen: Rebootet Euch, Leute! Das ist kein Spiel da draußen. Das ist bitterere Realität!

Was fordern Sie von der Politik?
Eine einheitliche Regelung der Rettungsgasse wäre wünschenswert. Bislang haben überhaupt erst sieben Länder solch eine Regelung. Auch muss geahndet werden können, wenn jemand unberechtigt eine Rettungsgasse befährt. Und wir müssen bei Straftaten Smartphones und Tablets für mehrere Wochen beschlagnahmen dürfen, um den Gaffern einen Denkzettel zu verpassen.


Was meinen Sie, liebe Leser? Wie sollen Gaffer bestraft werden, die an Unfallorten fotografieren oder filmen? Schreiben Sie an: leserforum@az-muenchen.de

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