AZ-Interview mit Pfarrer Strack Leben mit Demenz: "Die Betroffenen gehen ihren eigenen Weg"

Im Zusammensein lebt die Beziehung trotz Demenz: Hans Dieter und Annelene Strack. Foto: privat

Die Frau von Pfarrer Hans Dieter Strack ist an Demenz erkrankt. Ein Gespräch über das Leben mit der Krankheit – und über Geduld und Liebe.

 

Der evangelische Pfarrer Hans Dieter Strack ist mit einer Demenz-Patientin verheiratet - ein AZ-Interview.

AZ: Herr Pfarrer Strack, wie geht es Ihrer Frau?
HANS DIETER STRACK: Seit drei Monaten wird sie fürsorglich betreut in einem Pflegeheim der Diakonie. Wir haben die Diagnose im August 2017 bekommen, die Krankheit war aber sicher schon früher da. Leider ging der Verlauf sehr rasch.

Was haben Sie gefühlt, als Sie die Diagnose bekommen haben?
Das war ein sehr bewegender, trauriger und beklemmender Moment für mich. Es war aber auch eine Nachricht, der ich mich dann eben stellen musste.

Ihre Frau ist selbst Ärztin. Was hat sie gesagt?
Das weiß ich heute nicht mehr. Aber wir haben natürlich viel darüber gesprochen und über die Empfehlungen, was nun zu tun sei.

Strack: "Kommunikation wird zunehmend schwerer"

Das klingt sehr pragmatisch. Ist das so ihre Art?
Ja, es ist unser beider Art, Dinge pragmatisch anzugehen und uns den Herausforderungen, die da kommen, zu stellen.

Welche Herausforderungen waren das für Ihre Frau?
Für sie waren es viele Momente, wenn Sie sich nicht an Dinge erinnern konnte oder etwas verlegt hatte. Das Suchen und Finden ist zu einem großen Thema für uns geworden.

Und für Sie?
Die Kommunikation wird zunehmend schwerer, weil man sich immer weniger logisch unterhalten kann. Man muss immer mehr herausfinden, was der Partner mit dem Gesagten meint. Und sie hat immer länger gebraucht, um sich auszudrücken oder um im Alltag zurechtzukommen. Das geht dann nur ohne Druck, man muss viel Geduld und Gelassenheit mitbringen.

Strack: "Der Humor darf nicht verloren gehen"

Woher nimmt man diese Geduld?
Aus einer möglichst positiven Einstellung. Es geht um ein sehr liebevolles Entgegenkommen.

Welche Rolle spielt für Sie dabei der Glaube?
Der hat schon immer eine große Rolle gespielt. Aus dem Glauben nehme ich den Grundsatz, "Ja" zu sagen, auch wenn es schwer wird.

Hat Ihr Glauben sich mit der Krankheit verändert?
Mein Glaube hat sich nicht verändert. Wir haben vielleicht mehr gebetet als vorher, um Geduld, Gelassenheit und die Kraft, um mit der Krankheit umzugehen. Und der Humor darf nicht verloren gehen.

Was gibt es da für humorvolle Momente?
Wie im Leben sonst auch sind das viele kleine Momente. Missverständnisse und auch Aha-Erlebnisse.

Strack: "Es ist wichtig, zu lernen"

Können Sie sich an ein Aha-Erlebnis erinnern?
So aus dem Stand nicht. Diese Momente finden immer wieder im Alltag statt. Dinge, die einem vorher selbstverständlich vorkommen, bekommen dann eine Bedeutung. Beispielsweise, wenn meine Frau plötzlich einen Baum an einem alten Spazierweg erkannt hat oder andere helle Momente.

Wie war der Umgang damit in Ihrer Familie?
Abwartend, fragend, ungläubig und zunehmend akzeptierend.

Was würden Sie sich wünschen, das über die Krankheit Demenz verstanden wird?
Es ist wichtig, zu lernen. Jeder verbindet etwas damit, auch Ängste. Wer hätte gedacht, dass dieses Schicksal uns ereilen würde? Es gibt verschiedene Formen der Demenz, bei der Alzheimer-Demenz gehen eben zunehmend die Sinnzusammenhänge verloren. Die Bezugspersonen müssen dann verstehen lernen, dass die Betroffenen ihren eigenen Weg gehen, der für uns intellektuell nicht nachvollziehbar ist. Man braucht Geduld.

Strack: "Sie hat den Umzug gut gemeistert"

Man muss irgendwann auch Entscheidungen für die betroffene Person treffen – beispielsweise bei der Unterbringung in einem Heim.
Wie lange jemand zuhause bleiben kann, welche Hilfe nötig ist, diese Fragen stellen sich in jedem Haus, in dem diese Krankheit einkehrt. Das war eine Entscheidung, die ich auf mich nehmen musste. Dann stellt man sich auch die Frage nach dem Richtig und dem Falsch. Trifft man die Entscheidung, bleibt nur zu hoffen, dass sie richtig ist.

Wie haben Sie versucht, es Ihrer Frau leichter zu machen?
Schrittweise. Wir hatten zuerst Hilfe im Haus, später gibt es dann auch die Möglichkeit der Kurzzeitpflege. Die Plätze in Pflegeheimen sind ja auch nicht gerade breit gestreut, als uns einer angeboten wurde, haben wir uns dann natürlich gefreut.

Sie sagen "Wir" – wie ging es Ihrer Frau damit?
Ja, wenn man das wüsste. Es ging ihr jedenfalls nicht schlecht, sie hat den Umzug auch gut gemeistert. Und natürlich besuche ich sie regelmäßig – unsere Beziehung ist ja noch vorhanden.

Wo spüren Sie Ihre Beziehung heute noch?
Einfach im Zusammensein.

Haben Sie noch vor etwas Angst?
Nein. Ich habe keine Angst. Ich habe eine Grundeinstellung des Vertrauens und bleibe positiv.

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Die VHS veranstaltet am kommenden Montag, 3. Februar, ein Podiumsgespräch mit dem Titel "Gegen das Vergessen: Demenz und Alzheimer-Demenz". Auch Pfarrer Strack wird anwesend sein, außerdem Prof. Dr. Janine Diehl-Schmid, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Beginn ist um 19 Uhr, Einsteinstraße 28. Anmeldung unter der Kurs-Nr. J340020, www.mvhs.de

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