AZ-Interview mit Peter Stangel Taschenphilharmonie: Wie tickt Beethoven?

Peter Stangel, umringt von seinen Musikern. Foto: Taschenphilharmonie

Zehn Jahre gibt es die Taschenphilharmonie. Der Gründer und Leiter Peter Stangel erzählt, was an seiner Art, Klassik aufzuführen, so anders ist.

München - Es ist ein Kammerorchester mit bis zu 20 Spitzenmusikern, die sich intim auch an große symphonische Werke machen. Aber die Taschenphilharmonie macht noch viel mehr, wie man gleich am Sonntag wieder mitbekommen kann.

AZ: Herr Stangel, wie begeistern Sie die Menschen – schon seit 10 Jahren.

PETER STANGEL: Ich hatte mal eine Uraufführung eines Stückes des Briten Michael Nyman. Ich habe dem Publikum zuvor gesagt: Wer hier auf eine schöne Melodie wartet, geht enttäuscht nach Hause. Aber wenn Sie sich darauf einlassen können, dass das wie Wellensurfen ist – von einer Welle auf die nächste und dann noch eine und noch eine – dann haben Sie vielleicht Spaß daran. Es gab Standing Ovations. Und wenn man dann wie vor Kurzem eine E-Mail bekommt, „so toll habe ich Beethoven noch nie gehört“, dann ist man glücklich. Und wir haben ja auch ein CD-Label gegründet, die ersten fünf Neuerscheinungen stellen wir am Sonntag vor – darunter ist zum Beispiel Beethovens Siebte, sogar mit einer kurzen „Hörakademie“ drauf. Wir werden bis 2017 alle Neune einspielen. Und neben einer CD mit Stücken von mir, ist auch eine Kinder-CD dabei: „Eine kleine Nachtmusik“. Was haben Sie denn für ein Publikum in den Konzerten vor sich? Wir haben große Umfragen gemacht unter unseren Besuchern. Ein Ergebnis ist, unser Publikum ist signifikant jünger als bei anderen Klassikkonzerten. Das liegt auch daran, weil zu uns vor allem neugierige und abenteuerlustige Leute kommen. Keiner will bei uns sein neues Kleid vorführen.

Was kann an Klassik abenteuerlich sein?

Nehmen wir unsere Reihe „Hörakademie“: Da wird ein klassisches Werk vor der Pause von uns auseinander genommen, erklärt, Teile in verschiedenen Variationen vorgeführt. Und nach der Pause dann als Konzert aufgeführt. Das begeistert.

Und klingt „pädagogisch“.

Genau das ist es nicht! Es geht nicht um Unterricht, sondern um Bildung. Es ist doch auch schöner, wenn mir ein Schuster erklärt, wie er den Schuh macht und ich ihn dann trage. Das schafft ein größeres Bewusstsein. Und ich erkläre eben aufgrund meiner Ausbildung und Erfahrung das „Handwerk“ der Komposition – und die Kunst der Klassik.

Wird es bei Ihren Kinderprogrammen „pädagogisch“?

Wissen Sie, was mich immer aufregt? Dass sich die meisten Erwachsenen im Umgang mit Kindern selbst infantilisieren. Dabei sind Kinder eigentlich ja 24 Stunden der Erwachsenenwelt ausgesetzt und wollen an dieser Welt auf ihre Weise teilnehmen. Deshalb stellen wir bei „Große Musik für kleine Hörer“ ja auch keine Kinderstücke vor, sondern klassische Klassik. Ich mache erwachsene Musik für Kinder und keine Kindermusik, die man schnell runterspielen kann! Ich gebe meinem Kind, wenn ich es ernst nehme, ja auch kein anderes Essen, sondern nur kleinere Portionen. Die einzige „Pädagogik“ sehe ich darin, Kinder daran zu gewöhnen, dass man einfach mal über eine etwas größere Strecke aufmerksam sein muss, um etwas zu erleben. Aber ich verspreche den Eltern immer: Wenn es spannend ist, klappt das.

Seit zehn Jahren machen Sie solche und ähnliche Programme. Was fällt Ihnen auf?

Dass viele meinen, Arbeiten mit Kindern muss immer „interaktiv“ sein. Wenn ein Kind auf die Pauke hauen darf, ist das „förderungswert“. Ich sehe das anders.

Was ist das Anstrengende an Ihrem Beruf?

Das Drumherum, die Organisation, der Kampf um Geld. Alles das, was man braucht, um überhaupt öffentlich Musik machen zu können. Und bei mir persönlich ist es auch der Ehrgeiz und die Angst, wie und ob ich dem Stück gerecht werde, das wir spielen. Nur Noten gut zu spielen, kostet Profimusiker 20 Prozent ihrer Energie. 80 Prozent ist herauszufinden und auszuspielen, was in einem Stück alles steckt.

Konzerte und CDs

Sonntag, 24.1., 18.30 Uhr, Allerheiligen Hofkirche, Residenz, „Abenteuer für die Ohren“ mit kurzen Werkseinführungen:

Weill: Sinfonie Nr. 2; Wagner: Vorspiel und Liebestod „Tristan“; Ravel: „Bolero“, Karten noch zu 27 und 40 Euro,% 54 81 81 81

Ausblick:

Große Musik für kleine Hörer: Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“: 21.2., 15 & 16.30 Uhr, Allerheiligen Hofkirche

Hörakademie IV: Mendelssohn-Bartoldys Sinfonie Nr. 4 A-Dur „Italienische“: 3.3., 20 Uhr, Kleiner Konzertsaal, Gasteig

Abenteuer für die Ohren IV: Mendelssohn-Bartholdys Sinfonie Nr. 4, Peter Stangels Lilith-Concerto, Angelika Lichtenstern, Violine: 6.3., 18.30 Uhr, Allerheiligen Hofkirche

CDs (ab 29.1.): Beethoven: Sinfonie Nr. 7; Mozart: Sinfonien Nr. 40 & 41; Mahler: Sinfonie Nr. 7, Stangel: Kompositionen. Für Kinder: „Eine kleine Nachtmusik“

 

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