AZ-Interview mit Peter Guttmann 1986: Häftling mit Sprengsatz nimmt Anwalt als Geisel

Rechtsanwalt Peter Guttmann wurde am 22. August 1986 in Stadelheim als Geisel gehalten. Foto: Daniel von Loeper

Der dramatischste "Zwischenfall" in der JVA war die Geiselnahme eines Strafverteidigers. Peter Guttmann erinnert sich für die AZ an den 22. August 1986.

 

München - Seitdem es Gefängnisse gibt, versuchen Gefangene, daraus auszubrechen. In einem kleinen Museum im Keller der JVA zeugen zusammengeknotete Bettlaken mit Wurfankern und selbstgebastelte Waffen von Ausbruchsversuchen.

22.8.1986: Häftling mit Sprengsatz nimmt Anwalt als Geisel

1986 gelang es einem Schwerverbrecher (damals 52), der wegen Mordverdachts im Gefängnis saß, einen Sprengsatz zu bauen.

Das führte zu einem der dramatischsten Ereignisse in der 125-jährigen Geschichte von Stadelheim: Der Gefangene nahm am 22. August 1986 einen Rechtsanwalt als Geisel. Peter Guttmann war damals 33 Jahre alt und erst seit drei Jahren Strafverteidiger. Fünf Stunden war er in der Gewalt des Verbrechers. Bei der Befreiung wurde er schwer verletzt. Für die AZ erinnert er sich.

AZ: Herr Guttmann, denken Sie oft an den 22. August 1986?
PETER GUTTMANN: Oft nicht, aber immer wieder. Auch mit meiner Frau ist es immer wieder ein Thema.

Wie hat alles begonnen?
Ich hatte einen Mandanten besucht, der nach unserem Gespräch den Besucherraum wieder verließ. Die Tür blieb einen Spalt offen stehen – erst später wurden die Vorschriften alle geändert und verschärft. Ein Mann – der kein Mandant von mir war – ging vorbei, sah hinein und kam zu mir. Er suchte nach einer Geisel. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wie ging es weiter?
Er legte einen Zettel auf den Tisch und sagte: "Lesen Sie mal!"

"Sie sind jetzt meine Geisel"

Was stand darauf?
"Sie sind meine Geisel". Während ich las, holte er ein Messer hervor. Er hatte es zugespitzt wie einen Dolch. Ich habe mich gewehrt, was mir natürlich ein paar blutende Wunden eingebracht. Doch dann habe ich lieber aufgegeben. Ich dachte: Bevor er mich absticht... Ich war mir auch sicher, dass er mit einem Messer nie aus der JVA rauskommt. Er hat mir dann einen Gürtel mit einem Sprengsatz um den Hals gelegt, dass der wirklich scharf war, erfuhr ich erst später. Die Bombe hatte er aus Radio-Drähten und dem Brennstoff von Zündhölzern gebastelt. Von dem Gürtel ging ein Kabel zu einem Kugelschreiber, der zum Zünder umgebaut war. Er hielt ihn die ganze Zeit in der Hand und drohte immer damit, dass der Sprengsatz hochgehen würde, wenn er den Kugelschreiber loslässt.

Hatten Sie Todesangst?
Nein, der Typ wirkte eher harmlos. Und ich bin ein Mensch, der immer versucht, alles positiv zu sehen. Meine größte Angst war, dass meine Frau eine Fehlgeburt erleidet, wenn sie davon erfährt. Sie war damals im siebten Monat schwanger mit unseren Zwillingen. Glücklicherweise ist alles gut gegangen. Sie sind zwei Monate später gesund auf die Welt gekommen.

Guttmann: "Hab nicht geglaubt, dass die Bombe scharf ist"

Hat Sie der Sprengsatz am Hals nicht beunruhigt?
Ich habe die ganz Zeit nicht wirklich daran geglaubt, dass die Bombe scharf ist. Ich habe vier Stunden lang überlegt, ob ich den Draht zum Kugelschreiber wegreißen soll. Er erkannte meine Absicht und sagte immer wieder: "Machen Sie es nicht! Sonst sind wir beide tot."

Hat die Polizei versucht, mit ihm zu verhandeln?
Ja. Die Tür war von JVA-Beamten geöffnet worden, nachdem ich nicht rausgekommen bin, als die Besuchszeit vorbei war. Jeder hat versucht, ihn zur Aufgabe zu überreden. Ein JVA-Beamter, zu dem ich heute noch Kontakt habe, hat sich als Austausch-Geisel angeboten. Er war die ganze Zeit in der Zelle, er wirkte unheimlich beruhigend! Die Polizei hat seinen Anwalt und auch seine Tochter geholt. Aber er hat sich auf nichts eingelassen. Er hat immer wiederholt, dass die Bombe nach fünf Stunden automatisch hochgehen würde.

Was wollte er erpressen?
Er wollte ein Auto – raus – und seine Frau umbringen. Sie hatte ihn verraten, weil sie Angst vor ihm bekommen hatte. Er wollte sich an ihr rächen. Zuvor hatte er einen Autohändler in Garmisch umgebracht, Kaufhof mit vergiftetem Obst erpresst und auch schon jemand anders als Geisel genommen. Er wollte mit 50 reich werden. Das habe ich aber alles erst später erfahren.

Guttmann: "Ich brannte lichterloh"

Wie ging die Geiselnahme zu Ende?
Das Ganze dauerte von 15 bis 20 Uhr. Nach vier Stunden und 50 Minuten, also kurz vor Ablauf der Frist, war der Zugriff. Das SEK stürmte die Zelle, der Einsatzleiter wollte seine Faust fixieren, was aber misslang. Dadurch wurde der Zünder ausgelöst, es gab eine Implosion. Ich hatte das Glück, dass das Gas, das aus dem Feuerzeug strömte, zwar eine Feuersäule auslöste, aber keine wirkliche Explosion. Ich brannte lichterloh – meine Kleidung, meine Brille... Der Einsatzleiter warf sich auf mich, um die Flammen zu löschen. Die nachfolgenden Einsatzkräfte konnten im dichten Rauch nur zwei Personen am Boden erkennen. Sie kugelten mir mit einem Polizeigriff die Schulter aus und schlugen mir die Nase ein.

Wie bitte?
Sie hielten mich für den Täter. Das war ja alles in einem winzigen Raum, 1,5 mal zwei Meter. Alles war voller Rauch. Der Täter stand daneben und wusste nicht, was da vorging, wie er später aussagte.

Was ging in Ihnen vor, als es zum Showdown kam?
Es gab einen Knall und dann kam ich erst liegend auf dem Flur der JVA wieder zu Bewusstsein. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Gedanken: Ich kann sehen! Ich bin nicht blind!

Polizei verwechselt Anwalt mit Häftling

Wie haben Sie den Polizeieinsatz im Nachhinein beurteilt?
Ich habe sehr lange damit gehadert, wie das abgelaufen ist. Mich hat sehr lange die Frage beschäftigt, warum sie uns nicht rausgelassen haben. Die Chance für einen erfolgreichen Befreiungsversuch stand meiner Meinung nach nur bei 1:1000. Heute sehe ich einiges anders. Die Verantwortlichen wollten die Gefahr nicht nach draußen verlagern. In der Zelle wäre einer gestorben – draußen möglicherweise viele.

Haben Sie Stadelheim danach erst mal gemieden?
Ich war erst mal einen Monat im Krankenhaus. Ich hatte schwere Verbrennungen und eine ausgekugelte Schulter. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus dachte ich: Da musst du durch, ich geh’ rein! Aber ich hatte auch den Gedanken, mit dem Strafrecht aufzuhören. Das hat allerdings nicht lange angehalten. Dafür war ich zu sehr überzeugter Strafverteidiger.

Waren Sie mal wieder in der Besucherzelle, in der Sie fünf Stunden als Geisel gefangen waren?
Es war die Zelle 14. Ich habe sie jahrzehntelang nicht mehr zugewiesen bekommen und das war mir auch lieber so. Erst vor ein paar Jahren ist sie mir mal zufällig zugeteilt worden. Manche Details sahen anders aus als in meiner Erinnerung.

"Fällt was runter, geht es mir durch wie ein Stromschlag"

Wissen Sie, ob der Geiselnehmer noch lebt?
Er hat ja damals lebenslänglich bekommen. 20 Jahre später hatte ich eine kleine Feier mit vielen Beteiligten der Geiselnahme in meiner Kanzlei. Damals fragte mich ein Journalist, ob sich der Täter jemals entschuldigt hätte. Das hatte er nicht. Ich erfuhr dann, dass er eigentlich wenig später entlassen werden sollte. Aber nachdem das bekanntgeworden ist, musste er noch zwei Jahre länger sitzen. 2008 oder 2009 wurde er in seine Heimat nach Serbien abgeschoben. Vorher hat er sich dann tatsächlich noch in einem Brief bei mir entschuldigt.

Ist bei Ihnen was zurückgeblieben von dem Erlebnis?
Es gibt drei Dinge, die geblieben sind: Narben im Halsbereich, ich mag keine Personen direkt hinter mir haben. Und wenn etwas runterfällt, dann geht es mir durch wie ein Stromschlag.

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