AZ-Interview mit Norbert Haug "Lewis wird nicht aufgeben, bevor die letzte Flagge fällt"

Norbert Haug war bis 2012 Motorsportchef von Mercedes. Foto: dpa

Formel-1-Experte Norbert Haug spricht exklusiv in der AZ über den Titelkampf zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton – sowie über Schumis Pionierarbeit.

 

München - Der gelernte Journalist Norbert Haug war von 1990 bis Ende 2012 Motorsport-Chef von Mercedes-Benz. Heute ist Haug unter anderem als Fernsehexperte für die ARD tätig. Hier äußert er sich im AZ-Interview über das spannende Saisonfinale in der Formel 1.

AZ: Herr Haug, so kurz vor dem Saisonfinale: Wer entscheidet den WM-Kampf für sich – Nico Rosberg oder Lewis Hamilton?
NORBERT HAUG: Rosberg ist in der besseren Position, denn Hamilton muss zweimal gewinnen und Nico würde ein zweiter und ein dritter Platz ausreichen. Aber: Manchmal kommt es anders, zweitens als man denkt und drittens in der Formel 1. Wir lagen 2007 bei zwei noch zu fahrenden Rennen mit Lewis Hamilton bereits 17 Punkte vorne – und nach dem letzten Rennen hatten unsere beiden Fahrer, Hamilton und Fernando Alonso, jeweils einen Punkt weniger auf ihrem Konto als Kimi Räikkönen.

Was spricht denn für Rosberg? Warum ist er stärker als in der Vergangenheit?
Nico fuhr konstant, hat sich immer weiter gesteigert, er hat nur wenige Fehler gemacht – und hatte im Gegensatz zu seinem Teamkollegen kaum ein technisches Problem.

Und Hamilton: Wie stehen seine Chancen?
Lewis wird nicht aufgeben, bevor die letzte Zielflagge fällt. Seinen ersten Titel 2008 holte er in Brasilien mit einem Überholvorgang in der letzten Kurve der letzten Runde. Und niemand im Feld weiß besser als Nico um Lewis’ Stärke.

Was wird aus Rosberg, sollte er es heuer nicht schaffen: Wird er dann überhaupt nochmal Weltmeister?
Hypothetische Fragen treffsicher zu beantworten, ist eine Kunst, die keiner kann, und ich bin dabei nicht die Ausnahme. Nico wird sich über diese Frage vor den letzten beiden Rennen der Saison bestimmt keine Gedanken machen. Er hat Matchball und weiß das ganz genau. Aber wie wir wissen, können Matchbälle abgewehrt und das Spiel gedreht und vom Gegner gewonnen werden – und genau das macht das Finale dieser Formel-1-WM so spannend.

Sie waren selber Motorsport-Chef bei Mercedes, leiteten die Geschicke im gemeinsamen Team mit McLaren und waren schließlich dabei, als Brawn GP übernommen wurde. Welchen Anteil haben Sie am aktuellen Erfolg?
Formel 1 ist Teamarbeit, mich selber hervorzuheben passt dazu nicht. Sicher ist, dass Mercedes den Mut und die Weitsicht hatte, nach 15 erfolgreichen Jahren mit Partner McLaren mit Kundenteam Brawn GP ab 2010 als Silberpfeil-Werksteam in der Formel 1 zu starten, obwohl gerade mit BMW, Toyota und Honda namhafte Werksmannschaften ausgestiegen waren.

Auch Michael Schumacher trug zur Entwicklung des Rennstalls bei. Wie viel von seiner Arbeit steckt noch in diesem Team?
Sehr viel. Michael, Ross Brawn und Nico Rosberg waren elementare Macher und Weichensteller der ersten Stunde, genauso wie Motorenchef Andy Cowell und die Techniker um Aldo Costa, die seit 2010 großartige Arbeit leisten. Unter der Führung von Toto Wolff kam das Team ab 2013 zur vollen Blüte, 2012 hatte Nico Rosberg in China das erste Rennen im neuen Team gewonnen.

Jetzt ist Mercedes das Maß der Dinge. Wird die Formel 1 dank Red Bull und Ferrari in den kommenden Jahren wieder ausgeglichener?
Das Silberpfeil-Team hat die Weltmeisterschaften der letzten drei Jahre mit einer in der Formel 1-Geschichte nie dagewesenen Erfolgsrate gewonnen. Ich bin mittlerweile Außenstehender, sehe aber keinen Grund, warum die Mercedes-Silberpfeile nicht auch künftig das Maß der Dinge in der Formel 1 bleiben sollten. Es freut mich sehr, dass unsere gemeinsame Vision von vor sieben Jahren so konsequent und überaus erfolgreich umgesetzt wurde.

Auch um Nachwuchsfahrer muss man sich bei Mercedes keine Sorgen machen. Wann werden wir Pascal Wehrlein bei den Silberpfeilen sehen?
Pascal wurde bereits vor fünf Jahren von Mercedes im Juniorkader gefördert und in der Folge 2014 vielbeachteter DTM-Meister. 2016 hat er mit seinem WM-Punkt in Spielberg seinem Manor-Team 40 Millionen Dollar Preisgeld eingespielt, wenn es in den letzten beiden Rennen gelingt, Platz zehn in der Teamtabelle zu halten. Pascal ist qualifiziert für den weiteren Aufstieg.

 

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