AZ-Interview mit Nahost-Expertin Kampf in Saudi-Arabien: "So ein Event wird für Propaganda missbraucht"

Am 2. Juni 2019 standen sich Anthony Joshua (r.) und Andy Ruiz erstmals gegenüber, damals in New York. Ruiz siegte durch K.o. Foto: Nick Potts/dpa

Am Samstag findet in Saudi-Arabien der Rückkampf zwischen Ruiz und Joshua statt. In der AZ spricht die Nahost-Expertin von Amnesty International über die Lage im Land: "Menschen werden gefoltert".

 

AZ: Frau Spöttl, am Samstag findet in Saudi-Arabien der Schwergewichts-WM-Kampf zwischen Anthony Joshua und Andy Ruiz statt. Der Sport zieht sich gerne auf die Position zurück, dass man sich aus der Politik raushalte – aber geht das in Ihren Augen als Nahost-Expertin bei Amnesty International überhaupt?
REGINA SPÖTTL: Jedes Land hat natürlich das Recht, sich für so eine Veranstaltung zu bewerben. Wir hatten jetzt auch die Leichtathletik-WM in Katar, dort findet in zwei Jahren auch die Fußball-WM statt. Aber: Sport und Politik lassen sich überhaupt nicht auseinanderdividieren. Es wäre besser, wenn sich die Veranstalter im Vorfeld über die Situation der Menschenrechte in den Ländern informieren, als später zu sagen: Politik geht uns nichts an. Gerade so ein Event wird ja bewusst von Regierungen für politische Propaganda missbraucht, etwa um das Thema der Menschenrechte in den Hintergrund zu schieben.

Amnesty: Nutzt Sport, um auf Menschrechte aufmerksam zu machen

Diktatoren schmücken sich gerne mit diesen Events.
Das ist auch unsere Erfahrung. Denken Sie an die Olympischen Spiele in Peking. Das sind alles Dinge, die den Sport ein bisschen in Misskredit bringen, und das sollte nicht sein. Aber wir können den Sport nutzen, um in Dialog mit diesen Ländern zu treten oder eben, um auf die Situation der Menschenrechte aufmerksam zu machen.

Amnesty International hat die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien umfassend dokumentiert.
Alles wird von diesem verheerenden Konflikt im Jemen überschattet, in dem Saudi-Arabien die Führungsrolle übernommen hat. Es gibt dort Tausende zivile Opfer. Es werden nicht nur die Stellungen von Huthi-Rebellen angegriffen, nein, es geht gegen Schulen, gegen Krankenhäuser. Und immer noch werden Waffen an Saudi-Arabien geliefert. Von der Europäischen Union, auch von Deutschland, da müsste man ansetzen und sagen: Jetzt ist Schluss, wir müssen alle Beteiligten für Verhandlungen an einen Tisch bekommen und das ewige Leid der Menschen dort beenden.

In Saudi-Arabien wurden vergangenes Jahr 149 Personen hingerichtet

Der Jemen-Krieg ist nur ein Teilaspekt in Saudi-Arabien.
Innerhalb des Landes haben wir die gesamte Palette an Menschenrechtsverletzungen, die wir bei Amnesty bearbeiten. Journalisten, Akademiker, Menschenrechtsverteidiger werden von der Straße weg festgenommen und ohne Anklage lange inhaftiert. Sie werden gefoltert, misshandelt und in unfairen Gerichtsverfahren zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Saudi-Arabien gehört auch zu den Ländern, in denen die meisten Menschen hingerichtet werden. Vergangenes Jahr waren es 149 Personen. Zudem steht Homosexualität weiter unter Strafe.

Kronprinz Mohammed bin Salman wird schwer belastet, er soll hinter der Ermordung des regierungskritischen Journalisten Jamal Kashoggi im Oktober 2018 stehen. Hätten Sie da einen größeren Aufschrei und echte Sanktionen des Westens erwartet?
Das hat uns auch sehr gewundert, denn die Beweislage ist erdrückend. Wir haben von Anfang an die Türkei aufgefordert, einen Antrag beim UN-Menschenrechtsrat zu stellen, weil die Tat auf türkischem Boden passiert ist. Es wurden elf oder zwölf Männer in Saudi-Arabien vor Gericht gestellt. Über den Stand des Verfahrens ist allerdings nicht viel bekannt.

Man hat das Gefühl, dass die westlichen Regierungen eine große Doppelmoral an den Tag legen, wenn es um den Umgang mit Öl-Gigant Saudi-Arabien geht.
Man will es sich nicht verscherzen mit der saudischen Regierung, denn die Lage im Nahen Osten ist schwierig. Der Kronprinz präsentiert sich ja gerne als Reformer. Es gibt einige Themen in Saudi-Arabien, die positiv zu bewerten sind, aber leider ist in die Lage der Menschenrechte wenig Bewegung gekommen.

Würden Sie sich wünschen, dass die Veranstalter des Boxkampfes oder sogar die Fighter selbst ein Zeichen setzen?
Das wäre traumhaft. Warten wir es ab.

 

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