AZ-Interview mit Münchner Oberarzt Professor Stefan Kääb über Corona: "Alarm bei Luftnot!"

Clemens Hagen.
Ein Patient liegt in Großhadern an einem Beatmungsgerät und einem Dialysegerät (Vordergrund). Laut Auskunft des LMU-Klinkums stehen in Großhadern für Erwachsene mehr als 140 Intensivbetten zur Verfügung, wovon 75 für die Aufnahme von Covid-19-Patienten genutzt werden. Foto: Peter Kneffel/dpa

Der Münchner Professor Stefan Kääb behandelt im Klinikum Großhadern derzeit fast nur Patienten, die an Covid erkrankt sind – hier erklärt er, worauf man achtgeben muss.

 

AZ-Interview mit Professor Stefan Kääb: Der 57-jährige Münchner Kardiologe ist leitender Oberarzt der Medizinischen Klinik und Poliklinik 1 am Klinikum Großhadern.

AZ: Herr Professor Kääb, Ihre Fachrichtung ist die Kardiologie, Sie sind Herzspezialist. In diesen Wochen kümmern Sie sich vor allem um die Covid-19-Patienten in Großhadern. Wie ist die Arbeit an der Corona-Front?
PROFESSOR STEFAN KÄÄB: Aufgrund der Notsituation wurden vor mehr als drei Wochen diverse Stationen, die sich für Isolationen eignen, in Stationen für Covid-Patienten umgewandelt. In unserem Fall war es die Privatstation der Kardiologie, die wir in einer beispiellosen Gemeinschaftsaktion mit Hilfe der Verwaltung und des Medizinisch-Technischen Dienstes umgerüstet haben.

Wie viele Betten haben Sie?
Wir haben 24 Betten. Auch Verdachtsfälle, bei denen der Befund noch nicht vorliegt, müssen ja isoliert werden.

Professor Stefan Kääb: Es gibt drei Eskalationsstufen

Beatmungsgeräte haben Sie aber nicht?
Nein. Hier im Krankenhaus gibt es drei Eskalationsstufen: einmal die Notaufnahme, die die Patienten sichtet. Eine Intermediate-Care-Station oder Intensivüberwachungspflege, wo bei Patienten die Blutdruckmessung invasiv, also über ein Blutgefäß, erfolgt. Hier gibt es zwar keine Beatmungsgeräte, aber die Möglichkeit, kreislaufunterstützende Medikamente zu geben. Und dann gibt es die Intensivstation, auf die die Leute beatmet hinkommen. Daneben gibt es natürlich auch noch die Allgemeinstation, auf der man alles machen kann, bis hin zur Sauerstoffgabe über eine Maske und eine Nasenbrille.

Was die medikamentöse Behandlung von Covid betrifft, schwirren viele Halbwahrheiten in der Bevölkerung herum. Zum Beispiel Antibiotika, von denen es heißt, sie würden das Immunsystem angreifen und die Menschen besonders anfällig machen für das Coronavirus. Stimmt das?
Nein, per se kann man das sicher nicht sagen. Antibiotika schwächen das Immunsystem nicht, auch wenn sie gewisse Auswirkungen auf die Darmbesiedelung haben. Generell gilt: Man sollte Antibiotika nur bei schweren bakteriellen Entzündungen nehmen, etwa einer eitrigen Mandelentzündung oder einer bakteriellen Lungenentzündung. Und man sollte unbedingt vorher den Arzt konsultieren. Von einer Selbstmedikation mithilfe der Hausapotheke muss ich abraten.

"Antibiotika prophylaktisch zu nehmen, macht überhaupt keinen Sinn"

Covid ist eine Virenerkrankung, aber mitunter kommen Antibiotika auch hier zum Einsatz. Warum?
Was passieren kann: Durch die Viruserkrankung kommt es zu einer Entzündung des Lungengewebes, so dass dann sekundär eine bakterielle Superinfektion entsteht. In manchen Fällen ist das so, was durch Laborbefunde oder bakterielle Untersuchungen ersichtlich wird. Da ist dann eine Behandlung mit Antibiotika sinnvoll. Entscheiden muss das aber immer der Arzt nach Laborwerten, keinesfalls sollte dies der Patient selbst tun. Antibiotika prophylaktisch zu nehmen, macht überhaupt keinen Sinn.

Wie ist es mit Cortison? Auch hier heißt es, das sei schlecht für das Immunsystem.
Cortison ist ja eine imunsuppressive Therapie, die man bei verschiedenen Entzündungserkrankungen einsetzt – auch in bestimmten Situationen bei schweren Lungenentzündungen, wenn es zu fibrotischen Umbauten kommt. Das liegt aber immer in der Hand der behandelnden Ärzte. Generell gilt: keinesfalls vorsorglich Cortison nehmen, weil das Medikament die Abwehrkräfte schwächen kann.

Was halten Sie von Chloroquin, einem Mittel, das bei Malariaerkrankungen eingesetzt wird und von dem besonders der amerikanische Präsident Donald Trump schwärmt? Hilft es gegen Covid-19?
Es gibt keine überzeugenden Daten, die belegen, dass die Behandlung mit Hydroxychloroquin, eine dem Chloroquin verwandte Substanz, effektiv ist – das heißt, dass sich die Überlebenschancen der Patienten verbessern. Es existieren nur einige kleinere Studien vor allem aus China, und aus Frankreich, die teilweise zu kontroversen Ergebnissen führen. Es laufen weltweit Anstrengungen, um durch kontrollierte Studien die Wirksamkeit dieser Therapie zu belegen – oder zu widerlegen. Bisher liegen gesicherte Erkenntnisse nur bei der Behandlung von Malaria, rheumatoider Arthritis und einer Autoimmunkrankheit namens Systemischer Lupus vor. Würde man Hydroxychloroquin im breiten Stil in dieser Pandemie einsetzen, ginge das Medikament außerdem gleich aus.

"Luftnot ist ein Alarmsignal"

Bei der Verabreichung von Chloroquin sollen mitunter gefährliche Nebenwirkungen auftreten. Ist das so?
Ja, eine Studie, bei der Chloroquin in hohen Dosen verabreicht wurde, musste gerade abgebrochen werden, weil es zu karidalen Nebenwirkungen kam. Genauer: Es kam zu Herzrhythmusstörungen, die auch lebensbedrohlich waren. Der Einsatz von Chloroquin sollte durch EKG-Kontrollen überwacht werden.

Viele Covid-Erkrankte versuchen, leichte Symptome mit besseren Hausmittelchen wie Paracetamol zu bekämpfen – meist mit geringem Erfolg.
Ja, Covid-Patienten müssen zum Glück nicht alle stationär behandelt werden. Sie stehen das wie einen schweren grippalen Infekt ambulant durch. Hier gelten alle normalen Empfehlungen: viel trinken, bewegen, vor allem Atemübungen, damit es nicht zu einer Verschleimung der Lunge kommt, fiebersenkende Maßnahmen wie Wadenwickel oder die Einnahme von Paracetamol oder Ibuprofen. Wichtig ist: Wer jung ist, keine Vorerkrankungen hat und eine solche Covid-Erkrankung ambulant erträgt, sollte trotzdem immer wieder seinen Hausarzt kontaktieren.

Warum?
Ein Warnhinweis, der sehr ernst zu nehmen ist, ist Luftnot. Das heißt: Beim Sprechen, bei Belastung spürt man, dass man schlechter Luft kriegt, die Luft nicht reicht. Von diesem Zustand bis zur Notwendigkeit von Beatmung kann es innerhalb weniger Stunden gehen. Luftnot ist ein Alarmsignal.

Zur Vorbeugung: Hilft es, wenn man sich jeden Tag einen Orangensaft frisch auspresst, also dem Körper genügend Vitamin C zuführt?
Das sind Fragen, die derzeit alle bewegen – mich eingeschlossen. Die Erfahrung zeigt, dass Leute mit stabilem Immunsystem weniger empfänglich sind. Wie bekommt man ein gutes Immunsystem? Es ist eine Summe aus gesundem Lebenswandel und gesunder Ernährung. Also: an die frische Luft gehen, Sport machen, ausreichend schlafen, nicht zu viel Alkohol, nicht rauchen. Die Psyche spielt eine Rolle. Nicht grundlos Sorgen machen. Wenn man welche hat, mit jemand darüber reden, damit man in keine Angststarre fällt.

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