AZ-Interview mit Michael Kerkloh Flughafenchef: Alkohol im Flieger? "In Maßen gerne"

Clemens Hagen.
Ein Faible für Exoten am Himmel: Michael Kerkloh mit zwei russischen Flugzeugen, einer Iljuschin Il-96-400T (l.) und einer Antonow AN-124, dem legendären Flieger für Schwerlasten. Kerkloh: "Russische Flugzeuge sind nicht kaputtzukriegen." Foto: Bernd Wackerbauer

Seit bald 17 Jahren steht Michael Kerkloh an der Spitze des Münchner Flughafens. Hier gibt er Auskunft über ganz alltägliche Fragen des Fliegens – und anderes.

München - Besuch beim Überflieger: Michael Kerkloh ist bald 17 Jahre lang Flughafen-Chef in München. Sein Büro in der Verwaltung am Besucherpark ist verglast. Beinahe im Minutentakt sieht man Flugzeuge starten und landen. Kerkloh hat neben einer riesigen alten Hammondorgel eine stattliche Sammlung von Flugzeugmodellen, im Ganzen etwa 30 Stück, im Zimmer stehen, darunter viele Exoten wie das monströse russische Transportflugzeug Antonow AN-124, auf das er von seinem Schreibtisch aus blickt.

AZ: Herr Kerkloh, Gang oder Fenster?
MICHAEL KERKLOH: Fenster! Immer Fenster rechts. Da bei den Flugzeugen Fracht und Gepäck immer auf der rechten Seite verladen werden, kann ich so feststellen, ob die Bodencrews alles richtig machen. Nach einer Landung kann ich an der Art und Weise ihrer Arbeit sehen, wie lange es dauern wird, bis der Koffer da ist. Zumindest ungefähr weiß ich, ob ich mich beeilen sollte, um ans Gepäckband zu kommen.

Tomatensaft?
Ja, absolut. Ich bin Tomatensaft-Fan.

Nur im Flieger?
Ja, eigentlich nur da. Ich habe mal gehört, es liegt an der Luft. Aber egal, mir schmeckt’s prima da oben. Und falls Sie’s wissen wollen: immer ohne Pfeffer und Salz.

Nackenkissen?
Nein! Was soll der Blödsinn? Ich bin Baujahr ’53, da braucht man kein Nackenkissen.

Alkohol im Flieger nur in Maßen

Wer packt Ihre Koffer?
Ich selber. Ich habe verschiedene Koffer für verschiedene Strecken. Wenn ich irgendwo länger bin, nehme ich immer einen gepackten Koffer und einen leeren mit. Man bringt immer etwas mit von Reisen – und seien es Geschenke.

Wie viele Bonusmeilen haben Sie?
So um die 100.000. Das ist ein durchschnittlicher Wert für einen Vielflieger. Um bei Lufthansa den höchsten Vielfliegerstatus "Hon" zu erreiche, braucht man 600 000 Meilen.

Alkohol im Flieger?
In Maßen gerne. Aber das hängt von vielen Dingen ab: In welche Richtung fliege ich? Wie lange? Will ich gleich schlafen? Ich esse auch häufig im Flieger nicht. Mein Flugverhalten würden viele als nicht normal bezeichnen, ausgenommen andere Geschäftsflieger. Sobald ich aus dem Flugzeug steige, muss ich ja arbeiten – egal, wo das ist. Bei Alkohol im Flugzeug darf man auch nie vergessen, dass man sich vom Luftdruck her etwa auf 3000 Meter Höhe befindet, da wirkt er viel schneller. Deshalb höchstens ein, zwei Glas Rotwein oder einen Gin Tonic. Den trinke ich besonders gerne.

Verliebt in eine Flugbegleiterin? Kerkloh antwortet vehement

Wie finden Sie das Flugzeugessen – einmal abgesehen von der Ersten Klasse?
Da gibt es spürbare Unterschiede bei den Airlines. In der Economy – innereuropäisch fliege ich immer Economy – ist das natürlich Massenabfertigung. Was soll man erwarten, wenn da hinten 300 Menschen sitzen? Trotzdem gibt es Fluggesellschaften, die sich auch hier Mühe geben.

Wie verbringen Sie die Zeit im Flugzeug?
Zuerst einmal: Ich fliege gerne allein, weil ich sonst praktisch immer Menschen um mich herum habe. Bei der richtigen Musik und in Kombination mit diesem Glas Rotwein kommen mir dann oft gute Ideen.

Haben Sie sich mal in eine Stewardess, Pardon: Flugbegleiterin, verliebt?
Nein.

Nein?
Nein!

Liebeserklärung an den Flughafen München

Gibt es ein Traumflugziel, wo Sie noch nie gewesen sind?
Ich habe viele Ecken der Welt kennengelernt, auch vermeintliche Traumländer. Dabei habe ich Europa und im Besonderen Deutschland schätzen gelernt. Gerade in der Ferne bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie großartig dieses Land in allen seinen Facetten ist. Und Bayern ist da natürlich Champions League.

Eine schöne Liebeserklärung. Was mögen Sie besonders?
Beispielsweise die Stabilität. Gut, das liegt vielleicht an meinem Alter. Man lernt zu schätzen, wenn Versprechen gehalten werden. Deutschland ist ein maximal verlässliches Land. Das ist schön.

Was noch?
Deutschland ist vielfältig. Nehmen sie die Kulturszene, wie ausdifferenziert die ist. Man muss mal schauen, was es an einem x-beliebigen Abend in München alles gibt. Diese Regelmäßigkeit, mit der hier Theater gespielt wird, diese Bandbreite des Angebots, das hat man sonst nirgendwo.

Schluss nach 17 Jahren

Zurück zum Flughafen, Ihrem Flughafen.
Ja, der ist auch Ausdruck dieses großartigen Landes, der Flughafen ist großartig. Ein Produkt eines riesigen Teamworks. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr – der Flughafen schläft nie.

Bei aller Großartigkeit Ihres Flughafens ...
... Sie schreiben doch keinen Nachruf?

Nein. Es wurde ja sogar darüber diskutiert, ob Sie noch ein Jahr dranhängen, also bis Ende 2020 bleiben.
Wenn es mit der dritten Startbahn geklappt hätte, wäre das sinnvoll gewesen, weil ich das Projekt von Anfang an begleitet habe. Jetzt ist die Entscheidung aber auf Hold, wie es im Fliegerdeutsch heißt, also in der Warteschleife. Deshalb ist es ein guter Zeitpunkt, um zu sagen, das war’s.

Wie schwer fällt es Ihnen?
Am Ende werden es siebzehneinhalb Jahre gewesen sein. Da wächst einem natürlich vieles ans Herz. Das ist auch so ein bisschen mein Airport, in aller Bescheidenheit. Auch wenn hier 35 000 Menschen arbeiten. Ich hatte eine herausragende Stellung an einem einmaligen Arbeitsplatz. Hier spürt man auch alles, was in der Welt gerade so los ist.

Kerkloh über Fußball: Der Westfale gewinnt

Zum Beispiel?
Die großen politischen Fragen. Falls man sich beim Brexit nicht einigt, haben wir hier ein praktisches Problem. Oder die Iran-Sanktionen, in deren Folge die Mahan Air bei uns nicht mehr fliegen darf. Oder falls Bayern die Champions League gewinnen sollte, dann haben wir den großen Bahnhof, wenn die Mannschaft ankommt.

Bei so viel Optimismus: Sie sind sicher Bayern-Fan, oder?
Nein, nicht so richtig. Wenn ich mich zwischen dem FC Bayern und dem BVB entscheiden muss, gewinnt der Westfale in mir. Die Saison ist zwar noch lang, aber Bayern muss sich womöglich damit abfinden, dieses Jahr Zweiter zu werden.

Abwarten!
Beruflich ist das kein Problem für mich, ich kenne die Verantwortlichen bei Bayern gut. Kalle Rummenigge ist außerdem Westfale wie ich, er kommt aus dem Nachbardorf. In Westfalen hatte man eine ziemlich einfache Entscheidungslage: entweder Schalke oder Dortmund.

Arminia Bielefeld?
Die fallen schon stark ab. Bei mir wurde es Dortmund, nachdem ich die Borussia 1969 im Stadion Rote Erde im Europapokal gesehen hatte. In dieser Saison freue ich mich, aber es ist mehr eine stille Freude. Zu laut darf ich hier nicht jubeln.

Harter Brexit und die Folgen

Nochmal zum Brexit: Welche Auswirkungen hätte ein harter Brexit für den Flughafen?
Wenn es hart auf hart kommt, dann würde das Vereinigte Königreich ein Drittland werden wie Indien oder die Türkei. Das müsste dann mit der Bundesrepublik ein bilaterales Luftverkehrsabkommen schließen. Alle Prognosen besagen allerdings, dass die Auswirkungen für Großbritannien viel größer wären als für Deutschland.

Wie sähen die aus?
Die ganzen Briten, die auf Mallorca Urlaub machen, würden ebenfalls in ein Drittland reisen. Da wäre ein ganz anderes Einreiseprozedere nötig, eventuell zusätzliche Sicherheitskontrollen. Außerdem hätten die britischen Fluggesellschaften möglicherweise gar nicht die entsprechenden Flugrechte. Also, formal wäre das alles höchstkompliziert.

Sie sind der dienstälteste Flughafenchef in Deutschland – eine Art Helmut Kohl der Branche ...
... eher eine Angela Merkel! Da gibt es eine Parallelität der Amtszeiten.

Flughafenchef weiter überzeugt von der Dritten Startbahn

Sie haben – neben den vielen erfolgreichen Projekten – zwei große Baustellen, die Sie Ihrem Nachfolger hinterlassen: die dritte Startbahn und die geradezu unwürdig schlechte Anbindung des Flughafens an die Stadt München durch den öffentlichen Nahverkehr.
Da habe ich zwei deftige Niederlagen einstecken müssen, richtig, das sehe ich nüchtern. Die fehlende Anbindung war ein Planungsfehler, ist aber auch historisch begründbar.

Wie?
Die Planungen für den Flughafen begannen Ende der 60er Jahre, das war die Hochzeit des Automobilzeitalters, da hat man nicht mehr an Bahninfrastruktur gedacht.

Glauben Sie ernsthaft, dass die dritte Startbahn noch kommt?
Natürlich. Die ist ja nicht tot. Nur: Die Bedingungen für den Bau sind möglicherweise in fünf Jahren nicht mehr so gut wie heute. Die Nachfrage im Luftverkehr wächst weiter, egal was die Startbahn-Kritiker den Menschen einreden wollen. Wenn ich daran denke, was ich mit 25 gemacht habe und was die Menschen heute mit 25 machen – da liegen Welten dazwischen. Den Skeptikern sage ich immer: Ich lege dir hier ein Blatt Papier hin, das musst du unterschreiben. Damit verpflichtest du dich, in den nächsten 40, 50 Jahren, in denen du noch mobil bist, nicht mehr zu fliegen als heute. Dann brauchen wir die Startbahn nicht. Aber das musst du mir schriftlich geben.

Müssen die Menschen fliegen?

Es gibt Flughäfen in Europa, wesentlich größere Flughäfen als München wie Heathrow in London, die mit zwei Bahnen auskommen.
Das tun sie eben nicht. Die haben gerade eine dritte Bahn beschlossen, weil die Situation im Luftraum so unmöglich ist, so klimafeindlich. Das verstehen viele Menschen ja nicht: Eine dritte Startbahn ist ein Beitrag zum klimafreundlichen Fliegen, weil diese endlosen Warteschleifen nicht mehr geflogen werden müssen.

Die große Frage ist doch eigentlich: Müssen die Menschen überhaupt immer mehr fliegen?
Das ist eine gesamtgesellschaftliche Frage. Letztlich entscheidet jeder für sich über sein Flugverhalten. Wer das Fliegen begrenzen will, muss dann aber auch deutlich machen, was die Konsequenzen sind. Den jungen Menschen muss man sagen, dass es eben nicht unbedingt das College in New Jersey sein muss, sondern dass es in Deggendorf auch sehr schön sein kann.

* * * Nach 50 Minuten öffnet Barbara Giese, Kerklohs Assistentin, die Bürotür und nickt dem Chef zu: "Sie müssen, die borden." Kerkloh steht auf, zieht den Mantel über und nimmt den – selbstverständlich selbst gepackten – Koffer. Es geht nach Wien an diesem Abend.

 

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