AZ-Interview mit Mediencoach Iren Schulz Momo-Challenge ist fake - Expertin warnt trotzdem

Mit hervorstehenden Augen und gruseligem Lächeln versetzt "Momo" Kinder und Jugendliche angeblich in Angst und Schrecken. Foto: Screenshot Facebook/Momo Momo

Hype um gefährliche Internet-"Challenges": Was im Netz kursiert und was man tun kann. Mediencoach Iren Schulz im Interview mit der AZ.

 

München - Diverse Medien hatten in den letzten Tagen über die "Momo-Challenge" berichtet: Ein Web-Monster soll Kinder über Kettenbriefe in Nachrichtendiensten oder in Youtube- Videos zur Selbstverletzung oder gar zum Suizid aufgefordert haben.

Im Internet und bei besorgten Eltern hatte sich ein regelrechter Hype um "Momo" entwickelt. Sogar die Polizei hatte zunächst behauptet, in München habe eine 13-Jährige versucht, sich das Leben zu nehmen, weil "Momo" sie verängstigt habe. Am Freitag erklärte die Polizei, der Fall habe nichts mit der Horrorfigur zu tun. Tatsächlich konnten in Deutschland bisher keine Vorfälle bestätigt werden.

Laut "SZ" sind die Kettenbriefe nicht mehr als ein Gerücht. Laut dem Branchendienst "Meedia" haben Trittbrettfahrer Videos hochgeladen, die beweisen sollten, dass "Momos" Botschaften existieren. Die AZ hat mit einer Expertin über solche "Challenges" gesprochen.

AZ: Frau Schulz, sind "Schau hin!" Fälle in Deutschland bekannt, in denen das Phänomen "Momo" auftrat?
Es ist ganz schön diffus, ehrlich gesagt. Aus meinem persönlichem Umfeld habe ich gehört, dass es WhatsApp-Profile gibt, die sich als "Momo" melden – wobei ich aber davon ausgehe, dass es tatsächlich eine Vielzahl an Trittbrettfahrern gibt, die auf dieses Phänomen aufgesprungen sind. Ich bin da vorsichtig. Denn ich kann von keinem Fall berichten, wo sich jemand gemeldet hat und Anweisungen gegeben hätte.

Wie verbreiten sich solche Phänomene überhaupt?
Erstens, weil es die Kinder weiterschicken – eben, weil sie daran glauben, dass, wenn sie es nicht tun, ihrer Familie etwas zustößt. Dann, weil es in den Sozialen Medien von Youtubern und Influencern in ihren Beiträgen zum Thema gemacht wird. Und dann werden die klassischen Medien darauf aufmerksam, berichten im Fernsehen oder im Printbereich.

Würden Sie als Konsequenz raten, Kindern den Zugang zu Internet-Plattformen zu verbieten?
Wir von "Schau hin!" meinen, dass man über Verbote keinen guten Umgang lernen kann. Wenn etwas verboten wird, dann lernt man ja nicht, damit umzugehen, sondern es wird noch reizvoller. Sinnvoller ist es natürlich, klare Regeln und Grenzen der Nutzung zu vereinbaren, und da auch einen Blick darauf zu haben.

Internet-Challenges: Kinder aufklären und Fälle melden

Was sollte man tun, wenn man mit gefährlichen Internet-Phänomenen konfrontiert wird?
Das Wichtigste ist, das nicht weiterzuverbreiten und dem Ganzen über Aufklärung den Schrecken zu nehmen. Wenn Kinder Kettenbriefe untereinander weiterschicken, dann hört das ja nie auf. Und man kann zum Beispiel ein Notfallsystem etablieren. Man sollte dem Kind sagen: Wenn du etwas Komisches siehst, sag mir Bescheid. Und ihm klarmachen, dass der Familie nichts passieren wird, dass das nur eine komische Geschichte ist, und jemand Kindern Angst machen möchte.

Außerdem kann man problematische Inhalte auf den jeweiligen Seiten dem Anbieter melden. Und letztlich kann man auch zur Polizei gehen, die Strafanzeige erstatten kann. Das ist eine Ermessensfrage. Aber ich finde es wichtig, das nicht nur für sich im privaten Kämmerlein zu bearbeiten, sondern es auch zu melden.

Welche "Challenges" – also Mutproben – im Netz gefährden Kinder und Jugendliche?
Mutproben und kleinere Grenzüberschreitungen gehören zum Jugendalter dazu. Aber es gibt sogenannte "Challenges", die das bei weitem überschreiten – zum Beispiel die Suizid-Challenge "Blue Whale". Auch so ein merkwürdiger Mythos, bei dem man nicht weiß, ob sich wirklich schon Kinder etwas angetan haben. Oder Mutproben wie die "Tide Pod-Challenge", bei der man auf Waschmittel-Kapseln beißt. In den letzten Monaten war es aktuell, aus einem fahrenden Auto auszusteigen und nebenher zu tanzen. Letzten Sommer gab es diese "Challenge", bei der Jugendliche vom Hotelzimmer-Balkon aus in den Pool gesprungen sind. Dann gibt es Hunger- und Abnehm-"Challenges".

Wir lehnen so etwas ab. Es kann nachhaltig gesundheitsschädigend bis tödlich sein. Jugendliche meinen, wenn ich da jetzt mitmache, bin ich cool – aber das geht völlig in die falsche Richtung.

Lesen Sie hier: Gruselfratze "Momo" bedroht Kinder auf WhatsApp

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