AZ-Interview mit Martin Schmitt Favorit bei Olympia? "Der Richard macht's!"

Martin Schmitt traut Richard Freitag Gold zu. Foto: dpa

Vor den Olympischen Spielen spricht Ex-Skispringer Martin Schmitt über Medaillen-Kandidat Freitag, die Chancen der anderen Deutschen und die Vergabe nach Südkorea. "München wäre mir lieber gewesen"

Der 40-jährige ehemalige Skispringer Martin Schmitt gewann bei Olympischen Spielen mit der Mannschaft einmal Gold und zweimal Silber. Im AZ-Interview spricht er über die Chancen der Deutschen und die Bedeutung von Olympia.

AZ: Herr Schmitt, zu Beginn der Saison gab‘s große Begeisterung, danach etwas Ernüchterung. Wo steht das deutsche Skispringen wirklich – und was ist möglich bei Olympia?
MARTIN SCHMITT: Ich glaube, dass vieles möglich ist. Diese Ernüchterung ist ja nur dadurch eingetreten, weil Richard (Freitag, d.Red.) bei der Vierschanzentournee gestürzt ist. Wäre das nicht passiert, hätte er die Tournee und das Rennen mit Kamil Stoch weiter spannend gemacht. Und er ist ja auch nach der Pause gut zurückgekommen. Von daher ist Freitag sicher sehr gut gerüstet. Und ich denke, dass es auch mit dem Team wieder bergauf geht.

Aber die anfängliche Euphorie um das Duo Freitag/Andreas Wellinger, die ja fast schon an Ihre Glanzzeit zusammen mit Sven Hannawald erinnerte, ist zuletzt doch etwas abgeflaut. Wie wichtig wären nun gute Leistungen bei den Spielen
Natürlich wäre das wichtig. Bei Olympia bekommt man nun erneut die große öffentliche Aufmerksamkeit, von daher wäre es toll, wenn sich dort Erfolge einstellen würden. Und wenn ein paar Einzelmedaillen dazukommen, wäre das noch besser für das Skispringen in Deutschland.

"Man hat lange auf seinen Durchbruch gewartet"

Bei der Skiflug-WM ist Freitag endlich seine erste Einzel-Medaille bei einem großen Event gelungen, gibt ihm das mehr Selbstvertrauen?
Das wird ihn sicher motivieren. Man hat ja bei ihm lange auf den Durchbruch gewartet, darauf, dass er auch mal gute Springen in Serie zeigt. Die Medaille und auch die Tatsache, dass er das Gelbe Trikot getragen hat, wird ihm viel Selbstvertrauen geben. Ich schätze ihn jetzt noch stärker ein.

Sie selbst haben drei Olympische Medaillen im Teamspringen geholt. Auch diesmal wäre das deutsche Team gut aufgestellt. Markus Eisenbichler liefert schließlich auch gute Ergebnisse. Liegen im Team die größten Medaillenchancen?
Auf jeden Fall. Aber Markus war zuletzt auch noch nicht ganz in Topform, hat seinen Sprung noch nicht gefunden und viel probiert. Trotzdem springt er regelmäßig in die Top Ten. Das lässt hoffen. Karl Geiger kann mit seinem starken Absprung gerade von der Kleinschanze interessant werden. Mit Stephan Leyhe hat man einen weiteren soliden Springer. Deswegen glaube ich, wir sind mit den fünf gut gerüstet. Eine Team-Medaille gibt es auf jeden Fall – welche Farbe, das wird man sehen.

Wer zuletzt etwas Sorgen machte, ist Andreas Wellinger. Er wirkt etwas außer Tritt. Woran kann das liegen?
Das ist schwierig zu erklären. Andi wollte den letzten kleinen Schritt nach vorne machen. Und wie es im Skispringen oft ist – willst du einen Schritt vorwärts machen, gehst du plötzlich zwei zurück. Man kann einfach nichts erzwingen. Aus so einem Loch rauszukommen, ist eine mühsame Kleinarbeit. Aber ich hab’ das Gefühl, dass er schon dicht dran ist.

"Der Richard macht's"

Mit welchen Konkurrenten müssen die deutschen Springer rechnen?
Natürlich mit Kamil Stoch aus Polen und dem Norweger Daniel Andre Tande. Zusammen mit Freitag heben sich die drei Springer derzeit von allen anderen ab. Stoch hat die Tournee dominiert, Tande die Skiflug-WM. Auf der kleineren Schanze muss man vielleicht auch mit Kubacki aus Polen rechnen.

Und wer ist Ihr größter Gold-Kandidat?
Ich sage: Der Richard macht’s!

Beschreiben Sie uns doch einmal die spezielle Situation bei Olympia. Sie waren ja bei vier Winterspielen mit dabei.
Für einen Skispringer ist die mediale Aufmerksamkeit und der Druck bei einer Vierschanzentournee deutlich größer. Dagegen sind die Spiele fast etwas steril. Nichtsdestotrotz weiß man natürlich, dass sich diese Chance, dort zu gewinnen, nur alle vier Jahre bietet. Dieses Wissen erzeugt natürlich einen gewissen Druck. Wie jeder einzelne dann damit umgeht, das ist eben die große Kunst, die letztlich den Unterschied ausmacht.

Fehlt dem deutschen Team dann nicht eine Führungsfigur wie Severin Freund?
Severin fehlt natürlich. Aber Richard und Andi sind auch schon lange im Weltcup. Die haben schon Erfahrung. Für beide sind es auch die zweiten Spiele. Die wissen, was auf sie zukommt.

"Kritik steht ihm ja zu"

Wie war es denn zu Ihrer Zeit, wer hatte da das Sagen?
Das kommt drauf an. 1998, bei meinen ersten Spielen, war Dieter Thoma der klare Anführer. Da haben wir Jungen uns nichts getraut (lacht). Aber Dieter hat da nichts raushängen lassen, ist uns auf Augenhöhe begegnet. Später standen Sven (Hannawald, d.Red.) und ich weiter vorne. Aber die Stimmung im Team war so oder so immer hervorragend – wie jetzt auch.

Bundestrainer Werner Schuster hat sein Team nach der Skiflug-WM aber stark kritisiert. Er meinte, das Leistungsgefälle sei ihm zu groß. Bringt das keine Unruhe?
Nein, die Kritik steht ihm ja zu. Ein Bundestrainer muss keine Kuschelatmosphäre schaffen. Es geht hier um Leistungssport. Und der Trainer sagt damit auch aus, dass er jedem einzelnen mehr zutraut. Schlimmer wäre es, wenn er sagt, dass er nicht mehr erwartet. Wenn man das richtig bewertet, ist das auch ein positives Signal.

Zum Gastgeber: Was erwarten Sie von Südkorea?
Was man hört, ist die Wintersportbegeisterung dort nicht so groß wie etwa in Japan. Aber trotzdem, es sind Olympische Spiele, deshalb werden wir tolle Wettkämpfe erleben und eine tolle Atmosphäre. Aber es wird sicher auch nicht so sein wie in Lillehammer 1994.

"München und Garmisch wäre mir lieber gewesen"

Sie werden als Eurosport-Experte vor Ort sein. Wäre Ihnen ein Traditionsort in Europa lieber gewesen?
Man darf jetzt nicht sagen, nur die Traditionsstandorte haben das Recht, solche Veranstaltungen auszurichten. Es ist ja auch schön, wenn der Wintersport auch anderswo auf Interesse stößt. Aber wir müssen auch hoffen, dass es dann dort entsprechend angenommen wird. Sollte es nicht so sein, wäre das sehr schade.

Aber Pyeongchang nach Sotschi ist zumindest eine unglückliche Entscheidung, oder?
Naja, München und Garmisch wären mir lieber gewesen. Aber es hat nicht sollen sein. Ich freu mich trotzdem.

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