AZ-Interview mit Krav-Maga-Experten "Wenn die Deeskalation versagt hat, wird es kritisch"

Trainer Sebastian Tomiatti übt mit Teilnehmerinnen, wie man Schläge abblockt. Foto: Aicher Ambulanz Union

Die Rettungskräfte von Aicher Ambulanz vertrauen in der Selbstverteidigung auf eine Trainingsmethode, die in Israel entwickelt wurde.

 

München - Seit mehr als einem Jahr trainiert Sebastian Tomiatti in München die Rettungskräfte von Aicher Ambulanz in einer speziellen Selbstverteidigungstechnik. Die AZ sprach mit ihm.

AZ: Herr Tomiatti, was ist Krav Maga?
SEBASTIAN TOMIATTI: Krav Maga kommt aus Israel und wird als Selbstverteidigung in mehr als 80 Ländern durch qualifizierte Instruktoren gelehrt. Viele Behörden, darunter Polizei, Feuerwehr und Militär wenden es an.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Aicher Ambulanz?
Eine Mitarbeiterin hatte schlechte Erfahrungen gemacht. Der Kontakt kam in einem Sportverein zustande, in dem ich mit Kampfsportlern Selbstverteidigung trainierte.

Innere Haltung und Verteidigung, nicht zuschlagen

Der Basiskurs und der Aufbaukurs dauern jeweils drei Stunden. Was können Sie den Mitarbeitern in dieser doch recht kurzen Zeit beibringen?
Es geht darum, einfache Lösungen anzubieten, die schnell abrufbar sind und bei denen man sich selbst nicht verletzen kann. Ich vermittle den Teilnehmern Selbstvertrauen. Das macht sie widerstandsfähiger. Der Teilnehmer verlässt meinen Kurs als eine neue Person.

Bringen Sie den Rettungskräften auch bei, zuzuschlagen?
Oft reicht die innere Haltung, um in einer Bedrohungslage deeskalieren zu können. Es gibt aber auch Situationen, in denen Gewalt nicht mehr zu vermeiden ist. Wenn die Deeskalation versagt hat, wird es kritisch. Dann muss man Schläge blocken können, sonst bekommt man was ab.

Sind Retter schwieriger zu trainieren als andere Teilnehmer?
In der Regel sind Rettungsdienstmitarbeiter empathische Menschen, die kein Interesse daran haben, gewalttätig zu werden. Sie müssen erst lernen ihr Aggressionspotenzial, das jeder Mensch in sich trägt, zu aktivieren und zu nutzen. Dazu muss man wissen, dass viele Täter Opfer suchen – nicht Gegner.

Krav Maga ist reine Selbstverteidigung

Was unterscheidet Krav Maga von anderen Trainings?
Ganz entscheidend ist, dass es keine Wettkampfsportart ist wie Kickboxen oder Taekwondo und auch keine olympische Sportdisziplin wie Judo oder Ringen. Es ist eine reine Selbstverteidigung. Wettbewerbe gibt es nicht.

Benutzen Sie auch Gegenstände, um sich zu verteidigen?
Wenn ich etwas in der Hand habe, ist es besser, als wenn ich nichts in der Hand habe. Ein Rettungssanitäter kann bei der Selbstverteidigung beispielsweise seinen schweren Rucksack als Hilfsmittel einsetzen.

Wie sind Sie selbst auf Krav Maga gekommen?
Ich habe immer Handball gespielt. Mit Ende 20 wollte ich mal etwas anderes machen. Nach einem Wochenendseminar war mir klar: Das ist es. Seitdem trainiere ich fünf Tage in der Woche. Vor vier Jahren habe ich meinen bisherigen Beruf als Betriebswirt an den Nagel gehängt. Seitdem arbeite ich nur noch als Trainer und Ausbilder. Seit 2017 bin ich als Krav Maga Experte der IKMF zertifiziert. Diese Qualifikation haben in Deutschland nur rund 20 Trainer.

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