AZ-Interview mit Ingo Zamperoni Die italienische Politik? "Ein Karussell der Unbeständigkeit"

Am 13. Juni kommt Moderator und Autor Ingo Zamperoni zu einer Lesung ins Literaturhaus München. Foto: dpa/AZ/Daniel Bockwoldt

In Italien kommt nun doch ein Bündnis aus Fünf Sterne und Lega zusammen. Wird das lange halten? Und muss Europa bangen? Die AZ hat Ingo Zamperoni zum Gespräch getroffen.

 

München - Ingo Zamperoni, "Tagesthemen"-Moderator und Buchautor (aktuell: "Anderland. Die USA unter Trump – ein Schadensbericht"), hat italienische Wurzeln. AZ hat sich mit ihm über das politische Chaos im Land seines Vaters getroffen.

AZ: Herr Zamperoni, Ihr Vater ist Italiener. Welche Beziehung haben Sie zu seinem Heimatland?
Ingo Zamperoni: Es ist ein sehr enges Verhältnis. Ich bin gebürtiger Italiener und in den Sommerferien war ich oft bei meinen Großeltern am Lago Maggiore oder an der Adria. Italien ist ein wichtiger Teil von mir.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie das politische Chaos dort momentan sehen?
Es ist die 65. Nachkriegsregierung seit Gründung der Republik vor rund 70 Jahren. Das zeigt das Karussell der Unbeständigkeit und des Wechsels, das aus deutscher Sicht schwer nachzuvollziehen ist. Doch in Italien hat man sich an dieses Chaos auch gewöhnt. Mangelverwaltung, sich arrangieren und irgendwie durchwursteln – das gibt es dort in vielen Bereichen, auch eben in der Politik. Lange lag das an der weit verbreiteten Korruption. Zudem fehlt eine effektive Fünf-Prozent-Hürde im Parlament, es kamen also ständig kleinste Fraktionen und Splitterparteien rein. Unter schwersten Bedingungen ließen sie sich eine Koalition abschwatzen und sobald es nicht mehr lief, ließen sie das Bündnis platzen. Mein Vater sagte einmal: Dieses System ist abscheulich.

Nach langem Hin und Her haben sich Fünf Sterne und Lega jetzt doch noch zusammengerauft. Wird diese Populisten-Regierung stabil sein?
Die Mehrheit dieser Koalition ist eine knappe. Und wenn man sich die Vergangenheit anschaut, dann spricht vieles dafür, dass auch diese Regierung die Legislaturperiode nicht voll macht. Aber so eine Koalition hat es noch nicht gegeben in Italien, vielleicht stellt sie sich als stabiler heraus als gedacht. Ich habe jedoch meine Zweifel, weil die Strömungen hinter Fünf Sterne und Lega mitunter sehr unterschiedlich sind.

Zamperoni: Italiens Wahlergebnis ist eine Zäsur

Was bedeutet diese neue Regierung für Italien?
Für Italien bedeutet es erstmal, dass Neuwahlen abgewendet worden sind. Und das ist zunächst mal gut, weil ein ständiges Hin- und Herwählen Politikverdrossenheit fördert.

Wie wird es sich auf das Verhältnis zu Europa und auch zu Deutschland auswirken?
Ich glaube, wir müssen diese Entwicklung so respektieren, denn es ist ein italienisches Wahlergebnis, eine italienische Regierung. Gleichwohl bedeutet es sicher eine Zäsur, eine Umstellung, wenn populistische, teils extrem rechte und vor allem so dezidiert euro-skeptische Parteien an der Macht sind, da wird es mit Brüssel und den europäischen Partnern wie Deutschland sicher Reibungen geben.

Bei welchen Themen?
Beispielsweise was das EU-Budget, Einwanderung oder auch die Sanktionen gegen Russland betrifft. Vor allem die Defizitgrenzen der Euro-Zone werden Fünf Sterne und Lega auf den Prüfstand stellen, denn wenn das ohnehin enorm verschuldete Italien die Schuldenquote nicht in den Griff bekommt oder nicht bekommen will, dann wird das zur großen Belastungsprobe für die Währungsunion.

Was sind die wichtigsten Baustellen Italiens, an denen unbedingt etwas passieren muss?
In meinen Augen sind die zwei wichtigsten Punkte eine höhere Prozent-Hürde für ein stabileres Parlament und die Italiener müssen diese gewaltige Staatsverschuldung in den Griff bekommen.

Die Wirtschaft hat sehr sensibel auf die politische Hängepartie in der vergangenen Woche reagiert. Es wird eine neue Euro-Krise befürchtet.
Die Gefahr besteht. Aber die Italiener gehören trotzdem zum G7-Gipfel, sie sind trotz allem eine wichtige Volkswirtschaft, die drittgrößte der Euro-Zone. Es gibt durchaus viel Eigeninitiative, viel Mittelstand. Sie können das schaffen, positive Anzeichen gibt es.

Eine Festanstellung für Jugendliche? Utopisch!

Ein großes Problem für das Land sind die ankommenden Flüchtlinge übers Mittelmeer. Was hat das mit Italien gemacht?
Das ist ein Grund für den Erfolg der Lega. Die Italiener stehen seit Jahren in der ersten Reihe. Doch das ist kein italienisches Problem, sondern ein europäisches. Europa muss hier Solidarität mit den Italienern, Griechen, Spaniern und Türken zeigen und die Ursachen für Flucht bekämpfen. Wenn ich als USA-Korrespondent eins gelernt habe an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, ist es das: Man kann zehn Meter hohe Mauern bauen, sie werden elf Meter hohe Leitern finden. Die Leute kommen nicht, weil Deutschland so toll oder weil Europa so schön ist. Sie kommen, weil das, wovor sie fliehen, so schrecklich ist und sie nichts zu verlieren haben. Sie denken: Entweder ich sterbe in meiner Heimat oder ich versuche zumindest, zu entkommen.

Europa sollte mehr zusammenhalten. Dabei haben viele Italiener die eurokritischen Parteien gewählt. Wie stehen die Italiener denn nun wirklich zu Europa?
Mir ist aufgefallen, dass es dort kaum ein öffentliches Gebäude gibt, an dem nicht die Tricolore hängt und daneben die Europa-Flagge. Europa wird sehr hervorgehoben und auch sichtbar gemacht. Ich glaube, dass es an sich eine große Akzeptanz gibt. Die Wähler der Fünf Sterne und Lega sind in meinen Augen nicht wirklich gegen Europa. Vielmehr sind sie gegen das Verwischen. Sie wollen eine italienische Identität innerhalb eines europäischen Umfelds haben.

Was wünschen Sie dem Land für die Zukunft?
Dass die Wirtschaft mehr anzieht, und mehr Jugendliche Arbeit finden. Die Jugendarbeitslosigkeit ist ein riesiges Problem. Eine Festanstellung ist utopisch, außer man hat Beziehungen. Der nächsten Generation wünsche ich, dass sie mehr Chancen und Aussichten hat. Ich glaube, dass diese Perspektivlosigkeit auch dazu führt, dass die Italiener viel weniger Kinder bekommen. Ich höre oft von Freunden und Bekannten, dass sie nur ein Kind haben, weil sie so schon nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Dabei ist Italien doch so kinder- und familienfreundlich. Wenn so ein Land eine der niedrigsten Geburtenquoten in Europa hat, ist das schon ein Zeichen.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten, würden Sie gern Donald Trump interviewen – und den italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella. Was würden Sie ihn aktuell fragen?
Ob die Personalie des euro-kritischen Paolo Savona als Finanzminister, an der Mattarella die Regierung ja zunächst platzen ließ, wirklich den Unterschied zwischen Ja und Nein zu dieser Regierungskoalition ausmacht? Denn die Grundausrichtung der beiden Parteien ist unverändert und Savona ist ja weiterhin im Kabinett – und das ausgerechnet jetzt als Minister für EU-Angelegenheiten...

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