AZ-Interview mit Ex-Boxerin Halmich: "Arthur schuldet den Fans einen glänzenden Fight"

Die frühere Boxerin Regina Halmich (Mitte) mit den Brüdern Arthur (rechts) und Alexander Abraham. Foto: Britta Pedersen/dpa

Am Samstag gibt Abraham gegen Patrick Nielsen sein Comeback nach der Pleite gegen Eubank. Die AZ spricht mit der früheren Box-Queen Regina Halmich, die den Kampf für Sport1 als Expertin begleitet.

 

Regina Halmich (41) war von 1995 bis zu ihrem Rücktritt 2007 Box-Weltmeisterin im Fliegengewicht. Sie arbeitet jetzt als Expertin für den Sender Sport1, der den Kampf von Arthur Abraham gegen Patrick Nielsen (Samstag, 22:25 Uhr) überträgt.

AZ: Frau Halmich, am Samstag steigt Ihr guter Bekannter und ehemalige Stallkollege Arthur Abraham erstmals nach seiner verheerenden Niederlage gegen Chris Eubank jr. wieder in den Ring. Was erwarten Sie denn vom einstigen König Arthur gegen Patrick Nielsen?
REGINA HALMICH: Das ist schwer zu prognostizieren. Arthur ist seit einiger Zeit ein bisschen eine Wundertüte, man kann schwer voraussagen, welchen Arthur wir im Ring sehen werden. Aber Nielsen wurde als Gegner gut ausgewählt. Er ist ein guter Mann, der aber nicht zur absoluten Weltklasse zählt. Ich denke, dass Arthur sich zurückmelden kann mit einen glänzenden Kampf, dass er sich nach der letzten Leistung gegen Eubank wieder anders präsentiert. Und so einen glänzenden Fight schuldet er den Fans auch!

Arthurs erster Kampf ist, überhaupt das Gewichtslimit zu schaffen.
(lacht) Ja, Arthur, den ich ja sehr gut kenne, hasst es, Gewicht zu machen. Er isst viel lieber bei seiner Mama Bratkartoffeln. Schon beim Wiegen wird man sehen, wie motiviert er für den Kampf ist. Aber zum Teufel noch mal, nach der Vorstellung gegen Eubank wäre ich an seiner Stelle froh, eine weitere Chance zu bekommen, beweisen zu können, dass ich es besser kann.

Halmich: "Abrahams Karriere neigt sich dem Ende zu" 

Wirklich gefährlich werden dürfte Nielsen Abraham nicht.
Nielsen kommt von einer K.o.-Niederlage, hat bewiesen, dass er verwundbar ist. Daher denke ich, dass für Arthur ein K.o.-Sieg drin ist. Endlich wieder. Was er auf keinen Fall machen darf, ist, sich Ewigkeiten hinter der Doppeldeckung zu verstecken. Nielsen hat die größere Reichweite, die wird er versuchen auszunutzen. Das darf Arthur nicht zulassen. In dem Kampf kann Arthur sich nur selber schlagen. Wenn er glänzt und danach seine WM-Chance erhält, sollte er es mit der Karriere auch lassen. Oder anders gesagt: Ich glaube nicht, dass wir Abraham noch sehr oft im Ring sehen werden. Die Karriere neigt sich dem Ende zu.

Sie sprachen Weltklasse an. Ist Abraham selber überhaupt noch Weltklasse?
Das wird er zeigen müssen. Man hat bei seinen Vorstellungen gegen Gilberto Ramirez und Eubank gesehen, dass er da nicht mithalten kann. Es gibt ja nicht wenige, die sagen, dass Arthur durch ist. Ich sehe es als seine große Chance. Er will sicher nicht, dass der Eubank-Kampf das Letzte ist, woran sich die Leute erinnern, wenn sie an Arthur Abraham denken.

Halmich: "Finanziell mache ich mir um Arthur keine Sorgen"

Es war ein Fehler, dass Abraham aus dem Mittelgewicht ins Supermittelgewicht gewechselt ist.
Für mich war das Mittelgewicht die Gewichtsklasse, in der er Weltklasse war. Bei den schwereren Jungs konnte er nicht so dominieren. Aber es gehört sehr viel Disziplin dazu, sein Gewichtslimit immer zu schaffen. Das macht keinen Spaß, aber das Mittelgewicht war für Arthur immer besser.

Warum tun sich so viele Boxer so schwer, in den Ruhestand zu gehen? Sie selber haben es hingegen geschafft.
Im Ring zu stehen, wenn die Massen einem zujubeln – und Arthur ist ja weiter ein absoluter Publikumsliebling –, kann eine Art Droge sein. Das Gefühl hat man nach der Karriere nicht mehr. Die Gefahr, in ein Loch zu fallen, ist riesig. Ich habe mich zwei Jahre auf das Karriereende vorbereitet, um nicht in dieses Loch zu fallen. Finanziell mache ich mir um Arthur keine Sorgen, er macht ja viel mit Immobilien. Aber man sollte sich auf die Zeit, wenn man nicht mehr im Rampenlicht steht, vorbereiten.

Sie werden den Kampf für Sport1 als Expertin begleiten.
Diese Aufgabe macht mir viel Spaß. Ich genieße es, dass ich weiter dem Boxen, das mein Leben so geprägt hat, verbunden bin, dass ich über etwas reden kann, von dem ich glaube, die größte Ahnung zu haben.

Halmich über Metoo: "Habe mir auch nie was gefallen lassen"

Wie steht es um den deutschen Boxsport? Jürgen Brähmer hat sich vom Boxstall Sauerland getrennt, auch sonst sieht man Zerfallserscheinungen.
Ich mache mir Sorgen. Zum einen sehen wir ja bei Sport1, dass es gute Nachwuchsboxer gibt, die Potenzial haben. Auf der anderen Seite sind Entwicklungen bei Sauerland erkennbar, die mir nicht gefallen. Es gab früher die Boxställe Universum und Sauerland, die das Boxen in Deutschland groß gemacht haben. Universum gibt es nicht mehr – und ich sehe ähnliche Anzeichen bei Sauerland. Bei Universum ging es bergab, als sich Klaus-Peter Kohl aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat. Das macht Wilfried Sauerland nun auch. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber da zerbröckelt einiges. Es wäre fatal, wenn die nächste Säule im deutschen Boxen wegbrechen würde.

Auch im Boxsport gab es die Metoo-Debatte über sexuelle Belästigungen. Haben Sie, die Vorreiterin des Frauenboxens in Deutschland, zu Ihrer Zeit derartiges erleben müssen?
Glücklicherweise nie. Ich habe mir auch nie was gefallen lassen, klare Grenzen gezogen. Aber es ist sicher typabhängig. Ich kann auch nur allen Frauen sagen, dass sie sie sich Belästigungen nie bieten lassen dürfen. Ich bin froh, dass diese Debatte angestoßen wurde, dass darüber diskutiert wird. Und man muss wirklich sehr hellhörig sein, weil viele Opfer sich nicht trauen, direkt darüber zu reden, sondern eher über Andeutungen kommen. Es ist ein großer Schritt, dass dieses gesellschaftliche Thema öffentlich wurde. Auf der anderen Seite muss man auch aufpassen, dass nicht alles miteinander vermengt wird. In der Debatte geht es zum Teil um Vergewaltigungen und Missbrauch durch Vorgesetzte – und andererseits um blöde Sprüche. Das muss sehr sauber diskutiert und getrennt werden.

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