AZ-Interview mit Elite-Student Abi mit 14, Firma mit 16, Bachelor mit 18: Er ist ein Genie

Clemens Hagen.
Links: So berichtete die Abendzeitung im Juni 2010 über Nikolaus Hildebrand (rechts am Brunnen am Geschwister-Scholl-Platz). Inzwischen lebt und arbeitet der Teenager in den USA. Foto: Daniel von Loeper

Nächste Woche beginnt (leider) wieder die Schule. Eine gute Gelegenheit, mal mit einem jungen Mann zu sprechen, dem das alles eher leicht gefallen ist. Das Abi besteht er mit 14, die eigene Firma gründet er mit 16, den Bachelor macht er mit 18. Jetzt wird Nikolaus Hildebrand Elite-Student in den USA.

 

Fünf Jahre ist es her, da berichtete die AZ mit folgender Schlagzeile über ihn: „Bayerns schlauster Schüler – Einser-Abi mit 14 Jahren.“ Heute ist Nikolaus Hildebrand, das ehemalige Wunderkind aus Pöcking am Starnberger See 19 und – na klar – ein junger Wundermann.

Kurzer Rückblick: Nach seinem Abi (Note 1,1) studiert der Höchstbegabte ein Semester gleichzeitig Chemie und Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität, nur um zu erkennen, dass Volkswirtschaftslehre, diese Verbindung aus Ökonomie, Naturwissenschaften, Politik und Geschichte „genau mein Ding“ ist, wie Nikolaus Hildebrand heute sagt.

Nachdem er im zarten Alter von 18 Jahren seinen Bachelor in der Tasche hat, kommt der nächste Schritt. Nikolaus Hildebrand geht in die USA, denn nur dort sei „absolute Spitzenforschung“ möglich, wie er erklärt. Alle Top-Unis Amerikas, von Harvard über Princeton, Stanford, Yale und Berkeley bis hin zum renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) boten dem akademischen Überflieger aus Germany einen Platz im Doktorandenprogramm an.

Am Ende entscheidet sich Nikolaus Hildebrand für das MIT, jene von vielen Mythen umwobene Technische Hochschule bei Boston (siehe Kasten), die Jahr für Jahr bloß die Klügsten der Klugen aufnimmt und ausbildet.

Nur 15 Kommilitonen aus aller Welt sind es, die dort, auf diesem Olymp des Wissens, neben Nikolaus Hildebrand im kommenden Semester ihr Economics-Studium beginnen dürfen. Die AZ sprach mit dem Teenager.

AZ: Nikolaus Hildebrand, darf man ein Genie überhaupt duzen?

NIKOLAUS HILDEBRAND: Gerne!

Gut, dann gleich mal ganz platt gefragt: Wie lebt sich’s so, wenn man schlauer ist als alle anderen – so wie du?

Bestens. Mir fehlt außerdem der Vergleich. Ich war ja schon immer so, wie ich bin.

Ganz konfliktfrei und harmonisch verliefen deine Kindheit und Ausbildung aber nicht, oder?

Nein, ich habe meinen Eltern als Erstklässler, ich glaube sogar schon nach dem zweiten Schultag, gesagt: „Ihr könnt machen, was ihr wollt, aber zurück in die Schule gehe ich nie wieder. Da verschwende ich mein Leben.“

Aber deine Eltern überzeugten dich noch vom Gegenteil.

Mit den Jahren wurde es auch besser, erst auf dem Gymnasium und jetzt natürlich auf der Uni. An den Hochschulen herrscht eine große Weltoffenheit. Den Schritt dorthin habe ich als sehr befreiend wahrgenommen. Die Konflikte zu Schulzeiten hatte ich auch nie mit Lehrern oder Klassenkameraden, sondern immer mit der Institution, die mich unterforderte.

Das hat sich auf der Uni geändert?

In München habe ich zwar die meiste Zeit für mich gelernt. In einem Semester habe ich zum Beispiel nur sechs Vorlesungen besucht. Trotzdem war ich gerne Student an der LMU. Mir hat’s dort gut gefallen.

Warum dann der Schritt nach Amerika?

Weil es in Deutschland keine Uni mit vergleichbaren Möglichkeiten für die Forschung oder vergleichbarer Qualität der Professoren gibt (das MIT verfügt über ein Vermögen von elf Milliarden, d. Red.). Möchte man bestmöglich ausgebildet werden, gibt es keine Alternative zu den USA.

Verrate mal ein Beispiel: Was funktioniert in den USA besser als hier?

Naja, wenn ich ein bestimmtes exotisches Buch brauche, sagen wir, eines, das 1915 von einem australischen Gelehrten über die Entwicklung des Finanzwesens geschrieben wurde, dann kriege ich das in Deutschland vielleicht nach drei Wochen zugeschickt.

Und in Amerika?

Harvard hat da nicht nur eine Bibliothek, die vielleicht fünf Mal so groß ist wie die Staatsbibliothek, sondern bietet auch einen besonderen Service an: Da scannt mir jemand die Seiten ein, die ich brauche, und schickt sie mir dann per Mail. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Du hast dich trotzdem gegen Harvard und für das MIT entschieden.

Das fiel mir am Ende ganz leicht. Nicht nur, weil es sich um das beste Promotionsprogramm der Welt für Volkswirtschaftler handelt, sondern das MIT auch dafür bekannt ist, viel Zeit und Betreuung in seine Doktoranden zu investieren.

Beachtlich. Wie luxuriös muss man sich dein Leben in den USA vorstellen?

Ich richte mir gerade mithilfe meiner Mutter eine kleine Wohnung in der Innenstadt von Boston ein. Ich bin ja am Starnberger See aufgewachsen und wollte endlich mal richtig in der Stadt wohnen. Jetzt habe ich dort ein schönes Ein-Zimmer-Apartment. Aber Luxus? Nein, luxuriös ist die Wohnung nicht.

Wie muss man sich das vorstellen? Kommst du abends von der Uni nach Hause und machst dir Abendessen?

Nein, ich habe zwar eine riesige Küche, so wie es in Amerika üblich ist, werde die aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht oft benutzen.

Schade. Warum?

Das rechnet sich nicht für mich allein. Zum einen sind Lebensmittel in den USA sehr teuer, zum anderen gehe ich gerne in Restaurants mit Freunden. Die amerikanischen Restaurants bieten für wenig Geld sehr gutes Essen. Wo liegt denn der Anreiz, selber zu kochen, wenn das Gericht am Ende 9,50 Dollar kostet, man gleichzeitig aber für einen Restaurant-Besuch nur zehn Dollar ausgibt?

In welche Restaurants gehst du am liebsten?

Besonders gerne besuche ich Steakhäuser und wirklich gute Burger-Lokale. Davon gibt’s in Amerika glücklicherweise ein paar. Nur Fast Food mag ich nicht. Obwohl: Wenn das Geld knapp ist, darf’s auch ruhig mal was Mexikanisches sein, ein schöner Burrito zum Beispiel.

Und nach dem Restaurant sitzt du dann in Deiner Wohnung vor dem Fernseher?

Wenn ich Zeit dafür habe, was eher selten der Fall ist, dann tue ich das sehr gerne. Ich bin totaler „How I Met Your Mother“-Fan. Ich sehe mir gerade alle Staffeln zum zweiten Mal an. Und „House of Cards“ finde ich auch toll.

Die Serie über den intriganten Politikbetrieb in Washington. Politik scheint dich zu interessieren. Du hast in einem Interview mal gesagt, dass du gerne Bundeskanzler werden würdest.

Diese Aussage wurde aus dem Kontext gerissen. Aber politisches Interesse ist bei mir – wie bei wahrscheinlich jedem VWLer – vorhanden. Sollte sich die Möglichkeit ergeben, eines Tages politische Verantwortung zu übernehmen, würde ich mein Bestes tun, um den Menschen zu dienen.

Wie denn konkret?

Zum Beispiel mehr Geld in unsere Hochschulen zu investieren und die Strukturen zu schaffen, die dies ermöglichen, wäre, denke ich, eine Initiative, die die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung unterstützen würde. Und fiskalisch gesehen könnte sich Deutschland das ohne Probleme leisten.

Warum ist da bisher so wenig passiert?

Sobald eine Interessengruppe, zum Beispiel die führenden Universitäten, mehr Mittel einfordert, wird diese gegen alle anderen ausgespielt. Nach dem Motto: Sollen dann etwa die Fachhochschulen weniger bekommen? So gibt es nie eine Mehrheit. Was wir benötigen, ist ein großer Schluck aus der Pulle für unser gesamtes Bildungssystem.

Apropos großer Schluck: Kannst du dir vorstellen, auch mal in die Wirtschaft zu wechseln? Würde dich die Finanzwelt reizen? Wall Street?

Vielversprechender als die Finanzbranche sehe ich momentan das Silicon Valley. Für einen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler ist „Big Data“ ein wirklich extrem spannendes Thema.

Du hast seit Jahren eine eigene Software-Firma, die Apps programmiert und auf den Markt bringt. Wie geht es der heute?

Unsere Apps wurden bisher rund 14 Millionen Mal heruntergeladen. Der Umsatz letztes Jahr betrug etwas über 500 000 Dollar. Zum Glück machen wir fast alles selbst, so dass praktisch keine Personalkosten anfallen.

Was genau sind das für Apps?

Es handelt sich um Apps, die den Nutzern das iPhone erklären. Unsere App „Guide for iCloud“ erklärt zum Beispiel, wie man iCloud einrichtet, seine Daten sichert und sich vor ungewünschten Zugriffen schützt. „Update Guide for iPhone“ erklärt, wie man sein iPhone leicht auf das neueste Betriebssystem aktualisiert.

Würdest du unseren Lesern verraten, was genau dein Erfolgsrezept im Leben ist?

Erfolg halte ich prinzipiell für vergleichbar mit Leistungssport. Sowohl das Talent als auch die Menge eingesetzter Übungsstunden spielen eine Rolle. So wie ein Sportler das Laufen trainieren kann, kann man zum Beispiel auch Mathe trainieren.

Wie wichtig ist Talent?

Auch ohne das entsprechende Talent wird man schlussendlich ein sehr guter Läufer werden, aber wahrscheinlich nicht Weltrekordhalter im 100-Meter-Lauf. Das muss aber auch nicht sein, um ein erfülltes Leben zu führen.

Zu einem erfüllten Leben gehört vielleicht auch die passende Begleitung. Wie müsste deine Traumfrau aussehen?

Puh, da habe ich gar keine feste Vorstellung. Ganz normale Beziehungen habe ich ja schon, so wie jeder andere junge Mann in meinem Alter auch. Aber mit 19 muss ich noch nicht die Frau fürs Leben suchen.

Wie sieht denn deine weitere akademische Planung aus?

Das ist ganz schwer vorherzusagen. Wenn alles glatt läuft, bin ich in fünf Jahren so etwas wie ein Juniorprofessor und darf neben der Forschungsarbeit auch selber vor Studenten dozieren.

Also mit 24?

Ja, hoffentlich. Dann beginnt am MIT normalerweise ein wiederum fünf Jahre dauerndes Monitoring-System, bei dem die Leistungen der Dozenten immer wieder bewertet werden. Die besten fünf Prozent haben die Chance auf eine ordentliche Professur an einer der amerikanischen Spitzen-Unis wie Harvard, Stanford oder Yale. Aber so weit im Voraus zu planen oder gar damit zu rechnen, das wäre heute wirklich vermessen.

 

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