AZ-Interview Seenotretter Reisch: "Auf einen Geretteten kommen drei Tote"

September 2019: Über 100 Migranten harren mit wärmenden Rettungsdecken sowie -westen auf dem Deck der "Eleonore" aus. Foto: Johannes Filous/dpa

Im AZ-Interview spricht Kapitän Claus-Peter Reisch über die Seenotrettung im Mittelmeer. Am Mittwoch erscheint sein neues Buch "Das Meer der Tränen".

 

München - "Auf einen Geretteten kommen drei Tote" - so hoch schätzt Claus-Peter Reisch die Dunkelziffer der im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlinge. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch festgehalten, das am Mittwoch erscheint.

AZ: Herr Reisch, Sie sind einer der bekanntesten Seenotretter Deutschlands. In Ihrem neuen Buch "Das Meer der Tränen" schreiben Sie auch über Ihren letzten Einsatz Anfang September, als Sie acht Tage lang mit 104 Flüchtlingen an Bord Ihres Rettungsschiffes "Eleonore" auf See ausharren mussten. Seitdem ist in der Politik einiges in Bewegung. Haben die jüngsten Rettungsmissionen dazu beigetragen?
Claus-Peter Reisch:
Es hat ja irgendwas passieren müssen. Das konnte so nicht weitergehen. Ich hatte Horst Seehofer, Markus Söder und Europaminister Michael Roth bereits eindringlich erklärt, dass es keinen Sinn macht, die Schiffe so lang festzuhalten. Es ist ja ohnehin ein Wunder, dass noch nie irgendetwas passiert ist. Solange die Fluchtursachen nicht bekämpft werden – das hat mit Waffen, mit Ausbeutung auch durch Europa und mit der Klimaveränderung zu tun –, wird man mit diesen Flüchtlingen leben müssen.

Widerstand der EU-Kollegen sei "erbärmlich"

Deutschland, Frankreich, Italien und Malta hatten sich auf eine Übergangslösung zur Verteilung Geretteter geeinigt. Bei den anderen EU-Kollegen – ausgenommen Luxemburg – stieß Innenminister Horst Seehofer (CSU) letzte Woche größtenteils auf Widerstand. Was sagen Sie dazu?
Dass die Länder nicht solidarisch sind, sondern lieber zuschauen, wie die Menschen vor der Küste ertrinken, ist erbärmlich. Wie stellt man sich das denn vor? Man tut nichts gegen die Fluchtursachen, tut aber auch nichts gegen die Folgen der Fluchtursachen. Vielleicht sollte die EU ihren Friedensnobelpreis, den sie mal bekommen hat, doch besser wieder zurückgeben. Ich muss aber auch sagen, dass ich es klasse finde, wie Seehofer sich im letzten halben Jahr gewandelt hat. Dabei kriegt er ja auch aus der eigenen Partei Gegenwind. Da habe ich Respekt vor.

Wie erklären Sie sich denn Seehofers unerwarteten Sinneswandel? Warum prescht der plötzlich so voraus?
Ich weiß es nicht. Ich habe, als ich zum Gespräch bei ihm war, schon den Eindruck gehabt, dass es ihn interessiert und berührt, was ich ihm erzählt habe. Er meinte: "So, wie Sie mir das erklären, hat mir das noch keiner erklärt."

Wann war das?
Am 28. März.

Das ist aber doch schon ziemlich lange her?
Ja, aber Politik ist halt auch nichts, was wie ein Lichtschalter funktioniert. Ich glaube, dass viele Gespräche im Hintergrund, auch mit anderen Ländern, laufen, die man so gar nicht mitbekommt. Das sehe ich ja auch im Kontakt mit der Bundesregierung: Die fragen viel, aber sagen dir wenig. Aber du merkst trotzdem: Da passiert was im Hintergrund.

Auf einen Geretteten folgen drei Tote

Woran machen Sie das fest?
Man hat ja so seine Vorstellungen von Politikern – von wegen: Die tun nix und hocken nur rum. Aber das stimmt so nicht. Ich habe meine Meinung tatsächlich ein Stück weit revidieren müssen. Und ich glaube, dass sowohl die Politik für die Seenotrettung ein gewisses Verständnis gewonnen hat, als auch ich für deren Situation und Handeln.

Glauben Sie denn, dass sich die harte Haltung Italiens den privaten Seenotrettern gegenüber jetzt wesentlich ändern wird?
Ich hoffe es sehr. Und man muss eines ganz klar sagen: Es ersaufen da vor der Küste massig Leute. Diese Statistik über die Toten in diesem Jahr, das sind ja nur die gezählten Toten! Also jene, von denen man ein Foto, eine Position und einen Tag hat.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer?
Bei unserem letzten Einsatz haben wir ein Schlauchboot gefunden, das nur noch durch eine einzige Luftkammer oben gehalten wurde. Es war nicht als gerettet markiert. Das heißt, da sind unter Umständen über 100 Leute ums Leben gekommen. In der Folgenacht haben wir vergeblich ein gemeldetes Schlauchboot mit über 80 Personen gesucht. Am nächsten Tag haben wir ein weiteres gemeldetes Boot mit 64 Personen vergeblich gesucht – und auf dem Weg dorthin ein anderes gefunden: mit diesen 104 Leuten drin.

Die Sie dann an Bord genommen haben.
Wir haben also von insgesamt vier Flüchtlingsbooten nur eines abbergen können . Den Rest kann man sich ganz einfach zusammenaddieren: Auf einen Geretteten kommen aller Wahrscheinlichkeit nach drei Tote – in nur zweieinhalb Tagen. Das Schlauchboot mit den 104 Leuten war übrigens auch bereits am Absaufen. Eine halbe Stunde später, und von denen würde jetzt wahrscheinlich auch keiner mehr leben.

Notstand: Es drohte lebensgefährliche Unterkühlung

Sie sollen jetzt an Italien 300 000 Euro Bußgeld zahlen, weil Sie trotz eines Verbots – ein Dekret von Ex-Innenminister Matteo Salvini – in italienische Territorialgewässer gefahren sind. Was gibt’s dazu Neues?
Ich habe eine konkrete Rechnung, die ich innerhalb von 60 Tagen zu bezahlen habe. Das hat nach wie vor gegen mich Bestand. Wir haben natürlich Widerspruch eingelegt.

Konkret geht es nur um die Frage, ob es sich um einen Notstand handelt, oder nicht?
"Nur" ist gut. Wir waren acht Tage und acht Nächte mit diesen Leute auf engstem Raum unterwegs, bis dann ein Gewittersturm über das Schiff fegte. Ich habe angekündigt, dass ich aufgrund dieser Situation einen Notstand erkläre und mein Recht auf einen Nothafen in Anspruch nehme.

Warum handelte es sich um eine Notsituation?
Die Leute waren alle völlig durchnässt ...

... es drohte also eine lebensbedrohliche Unterkühlung?
Ja. Und einen Tag später wäre sowieso Schluss gewesen. Da kam schlechtes Wetter mit bis zu 50 Stundenkilometer Wind. Das Schiff wäre bei so einem Seegang nicht mehr sicher zu bewegen gewesen.

"Wir können nicht einfach sagen: 'Wir lassen Italien allein'"

Schon zuvor hatte sich die Situation sehr zugespitzt. Ein Teil Ihrer Crew wollte schon früher den Notstand erklären.
Das war schon sehr grenzwertig. Wir waren nur zu neunt, und für die 104 Geflüchteten standen nur 46 Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Also weniger als ein halber Quadratmeter pro Person. Solange die Leute saßen, ging das ja noch. Aber nachts, wenn die sich zum Schlafen ausstreckten, trat man auf Füße, Hände und Finger.

Wie wird die Sache in Italien für Sie ausgehen?
Das weiß ich nicht.

Wie kommt es, dass die Ausländerfeindlichkeit in Italien ein solches Gewicht bekommen hat? Hat die Flüchtlingspolitik der EU mit Schuld?
Ja, durchaus. Dieses Dublin-Abkommen hat dazu geführt, dass die Menschen in dem Land, in dem sie ankommen, festhängen, und dass die Regierung die Leute nicht mehr loswird. Man kann in einer solchen Solidargemeinschaft, wie wir sie in Europa haben, nicht einfach sagen: "Wir lassen Italien jetzt allein". Und der Salvini hat es geschickt verstanden, mit seinem populistischen Geschwätz die Leute gegen Migranten aufzuwiegeln.

Nach Ihrem ersten Rettungsschiff ist ja nun auch die "Eleonore" beschlagnahmt worden. Haben Sie die Hoffnung, dass Sie zumindest die "Lifeline" bald zurückbekommen?
Ich habe ja gegen dieses schwachsinnige Urteil vom 14. Mai auf Malta Revision eingelegt. Da ist am Dienstag jetzt dieerste  Anhörung dazu. Es kann also noch dauern, bis wir das Schiff wieder haben.

Lesen Sie hier: Seenotrettung - niemand will helfen

 

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