AZ-Interview mit Bayerns Landesbischof Evangelische Kirche will Rettungsschiffe ins Mittelmeer schicken

Anfang Juni vor Sizilien: Heinrich Bedford-Strohm ist auf einem Schlauchboot unterwegs zur "Sea-Watch 3". Auf das Schiff darf er damals nicht. Es ist beschlagnahmt. Foto: Annette Reuther/dpa

Weil Europa die staatliche Seenotrettung eingestellt hat und immer wieder private Helfer festgenommen werden, will die Evangelische Kirche ein eigenes Schiff ins Mittelmeer schicken. Bayerns Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm über die Hintergründe.

 

Der Theologe Heinrich Bedford-Strohm (59) aus Memmingen ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

AZ: Herr Bedford-Strohm, auf dem Kirchentag wurde beschlossen, dass die Evangelische Kirche ein Schiff zur Seenotrettung ins Mittelmeer schickt. Sie selbst klangen zuletzt eher verhalten. Die Kirche sei weder Reederei noch NGO, haben Sie gesagt. Was hat das zu bedeuten?
HEINRICH BEDFORD-STROHM: Ich unterstütze die Seenotrettung uneingeschränkt, genau wie das Besorgen des Schiffes. Es geht nur um die Frage, wie breit das Bündnis ist, auf dem die Trägerschaft beruht. Ich hoffe, dass sich auch die katholische Seite beteiligt. Auch Kardinal Marx unterstützt jedenfalls grundsätzlich das Anliegen der Seenotrettung. Es ist jedoch völlig klar, dass das eine Notmaßnahme ist, solange die Staaten ihre Aufgabe nicht erfüllen: nämlich selbst dafür zu sorgen, dass niemand im Mittelmeer ertrinkt.

Sie unterstützen aber doch bereits zivile Seenotrettungs-Organisationen, oder?
Ja, das Flugzeug "Moonbird" bekommt pro Jahr 100.000 Euro von der EKD. Seine Mission ist es, Menschen aufzuspüren, die in gefährlichen Booten auf dem Mittelmeer treiben und so die Voraussetzung für die Rettung zu schaffen.

Menschen in Not müssen gerettet werden

Sven Giegold, der nicht nur EU-Abgeordneter der Grünen ist, sondern auch Mitglied des Kirchentags-Präsidiums, argumentiert, ein kirchliches Schiff an die Kette zu legen, dürfte Italiens Innenminister Matteo Salvini schwerer fallen, als es bei der "Sea-Watch 3" der Fall war. Spielt diese Überlegung eine Rolle dabei, ein "eigenes" Schiff loszuschicken?
Es ist auf jeden Fall richtig, dass die Kirche ihre Autorität bei diesem Thema über nationale Grenzen hinweg deutlich macht. Es geht schließlich auch um die moralische Frage, ob sich der Grundkonsens in Europa verschiebt. Der lautete bisher stets: Wenn Menschen in Gefahr sind, werden sie gerettet. So soll es auch bleiben. All die politischen Fragen – etwa wie man Flüchtlingsbewegungen steuern oder verhindern kann, dass Menschen überhaupt fliehen –, müssen natürlich diskutiert werden. Sie können aber nicht ersetzen, dass Menschen in unmittelbarer Not gerettet werden.

Etliche deutsche Kommunen haben sich zu "sicheren Häfen" erklärt, als die "Sea-Watch 3" noch auf dem Mittelmeer unterwegs war. Trotzdem ging die Odyssee des Schiffes wochenlang weiter. Wie enttäuscht waren Sie da?
Ich wurde mit jedem Tag enttäuschter. Dass es trotz des Bemühens der Bundesregierung und der EU-Kommission nicht möglich war, dass diese Menschen an Land gehen können, habe ich als Bankrotterklärung Europas empfunden.

"Man darf das Handeln in dieser Zeit nicht unterlassen"

Was fordern Sie von der EU?
Dass man nicht weiter darauf wartet, bis alle Staaten hinter einem Verteilmechanismus stehen. Es ist inzwischen bekannt, dass eine ganze Reihe von Ländern das grundsätzlich ablehnt. Das muss man weiterhin kritisieren. Man darf aber das Handeln in dieser Zeit nicht unterlassen, sondern muss eine Koalition der Willigen bilden, die dafür sorgt, dass Menschen, die gerettet werden, ein Asylverfahren bekommen. Am besten wäre es, wenn es dafür legale Wege gäbe und sich die Menschen nicht in Lebensgefahr und in die Hände von Schleppern begeben müssten.

Die EU hat es zuletzt vorgezogen, die Sophia-Mission auszusetzen und sich aus der staatlichen Seenotrettung zurückzuziehen. Stattdessen verlässt man sich darauf, dass die libysche Marine die Menschen aus dem Meer birgt – und zurück nach Libyen bringt.
Das ist empörend! Es ist ein Skandal, dass man die Sophia-Mission, durch die Tausende Menschen gerettet worden sind, ersatzlos eingestellt und das Thema verdrängt hat. Das darf nicht mehr sein. Es gibt viele Berichte darüber, dass Flüchtlinge in Libyen nicht sicher leben können. Wir wissen von schweren Menschenrechtsverletzungen in den libyschen Lagern. Wir haben aktuell erlebt, dass viele Flüchtlinge durch einen Bombenangriff ihr Leben verloren haben. Spätestens jetzt müssen die Stimmen verstummen, die fordern, dass Mittelmeer-Flüchtlinge nach Libyen zurückgebracht werden. Man kann keine Lösung weiterpraktizieren, die mit den Menschenrechtsstandards, für die Europa steht, komplett unvereinbar ist.

"Das ist eine Frage der Selbstachtung und der Würde Europas"

Welche Lösung müsste langfristig angestrebt werden?
Man muss die Fluchtursachen beseitigen. Die Kirchen tun das seit Jahrzehnten über Brot für die Welt und viele andere Entwicklungsprojekte, mit denen man versucht, den Leuten vor Ort Perspektiven zu eröffnen. Flucht hat auch politische Ursachen, die angegangen werden müssen: Wenn man europäische Tomaten oder Hähnchenteile zu Dumping-Preisen in afrikanische Länder exportiert und damit die Existenzgrundlage der Kleinbauern vor Ort zerstört, muss man sich nicht wundern, wenn die Wirtschaft dort nicht auf die Beine kommt. Gleichzeitig muss man über die falschen Versprechungen der Schlepper aufklären.

Inwiefern?
Der vermeintliche Weg nach Europa führt über Libyen. Dort landen die Menschen in Lagern, versuchen, sich durch Sklavenarbeit oder Zwangsprostitution das Geld zu verdienen, um weiterzukommen. Dann werden sie auf dem Mittelmeer von der libyschen Küstenwache aufgegriffen, zurückgebracht und der ganze schlimme Kreislauf beginnt von vorne. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist es notwendig, dass alle Länder teilhaben an der Bewältigung der Flüchtlingsbewegungen. Weltweit sind 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Sie werden zum größten Teil von sehr armen Ländern versorgt. Europa trägt nur einen kleinen Anteil an der Bewältigung dieser Not. Deshalb ist es eine Frage der Selbstachtung und der Würde Europas, dass es bereit ist, seinen Beitrag zu leisten, die Menschen aufzunehmen und ihnen Asylverfahren zu ermöglichen.

"Nächstenliebe ist etwas, das jedem Menschen gilt"

Sie sagen "Europa verliert seine Seele, wenn es jetzt nicht handelt." Manche Menschen, auch in Deutschland, befürchten, das christliche Abendland würde seine Seele verlieren, wenn weiterhin Zehntausende Muslime hier Zuflucht finden.
Diese Angst wird jetzt gerade geschürt. Aber wir müssen uns klarmachen, dass wir weit unter der sogenannten Obergrenze von 200.000 sind, die der Bundesinnenminister einmal festgelegt hat. Es handelt sich um Hunderte, vielleicht Tausende Menschen, über die wir beim Thema Seenotrettung sprechen. Und christlicher Glaube bewährt sich, indem er gelebt wird. Nächstenliebe ist etwas, das jedem Menschen gilt, der von Gott zu seinem Bilde geschaffen ist. Das ist, was wir Christen glauben – und deswegen kann es nicht sein, dass unser Verantwortungshorizont vor unserer Haustür endet. Für uns gilt, dass wir uns dafür engagieren, dass alle Menschen auf dieser Welt in Würde leben können. Die Bekenntnisse nur vor sich herzutragen, sie aber nicht zu leben, ist ein falsches Verständnis christlicher Mission.

Sie selbst waren im Juni auf Sizilien und haben dort die Crew der "Sea-Watch 3” besucht.
Ja, ich wollte ein Zeichen der Solidarität setzen mit Menschen, vor denen ich höchsten Respekt habe – und die etwas tun, was aus meiner Sicht auch aus dem christlichen Glauben heraus getan werden muss: nämlich Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Und ich wollte ein Zeichen setzen gegen die Kriminalisierung dieser Menschen. Dass wir jetzt gemeinsam zu Ehrenbürgern von Palermo ernannt worden sind, hat mich riesig gefreut.

War Carola Rackete damals dabei?
Nein, noch nicht. Sie hat die Nachfolge-Mission der "Sea-Watch 3" als Kapitänin begleitet. Damals war Arturo Centore der Kapitän, ein ganz bescheidener, sanfter, sensibler Mann, der mich sehr beeindruckt hat und der jetzt unter Strafverfolgung steht.

Was haben Sie gedacht, als auch Carola Rackete festgenommen wurde?
Es hat mich traurig und auch zornig gemacht, dass jemand verhaftet wird, dessen Vergehen darin besteht, gerettete Flüchtlinge an Land zu bringen. Das war eine Notmaßnahme. Carola Rackete hat zwei Wochen auf eine Erlaubnis gewartet. Malta hat abgelehnt. In Tunesien anzulanden, wäre, selbst wenn man es gewollt hätte, unmöglich gewesen. Die Fahrt nach Marseille hätte dreieinhalb Tage gedauert – und Libyen kommt nicht in Frage. Am Ende war für die Kapitänin die einzige Möglichkeit, verantwortlich mit den Flüchtlingen umzugehen, sie in Italien an Land zu bringen. Und auch, wenn Matteo Salvini etwas anderes behauptet: Es gab lange vor der Einfahrt in den Hafen – schon während des Kirchentages – Staaten, die bereit waren, diese Flüchtlinge aufzunehmen. Aber es scheiterte an bestimmten Bedingungen der italienischen Behörden und auch daran, dass Holland als Flaggenstaat des Schiffes keine Offenheit zeigte.

"Ein Schiff kauft man nicht mal so eben im Kaufhaus"

Was halten Sie von Salvini?
Ich nehme wahr, dass das, was er in dieser Sache sagt und tut, in tiefem Widerspruch zu den grundlegenden Orientierungen des Christentums steht – auch, wenn er sich gerne mit Gebetskette zeigt. Aber man darf auf keinen Fall Deutschland und Italien gegeneinander ausspielen. Ich habe viele Italiener kennengelernt, die genau die gleichen Ziele haben wie wir. Es geht jetzt darum, als Zivilgesellschaft, als Kirchen, aber auch in der Politik, die Werte Europas zu verteidigen. Die stellen nun einmal die Menschenwürde ins Zentrum und die gilt für jeden.

Wann wird Ihr Schiff im Mittelmeer kreuzen?
Ein Schiff kauft man nicht mal so eben im Kaufhaus. Außerdem brauchen wir ein konkretes Konzept für die Trägerorganisation, das bis September entwickelt wird. An dem Schiff sollen sich ja ganz viele beteiligen können. Das ist mein Wunsch. Aber ich bin froh, dass jetzt endlich Aufmerksamkeit für das Thema Seenotrettung da ist. Es ist berührend, wie breit die Solidarität ist. 70 Prozent der Deutschen sagen, Seenotrettung muss sein – und ich selbst erhalte viel mehr positive Rückmeldung als negative. Das heißt: Der Druck auf die Politik ist groß.

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