AZ-Interview mit Anja Fritzsche "Meine Oma ist 107 und schneller als der Tod"

Anja Fritzsche mit ihrer Oma im Jahr 2015 bei der Love Parade in München. Damals ist sie schon 105 Jahre alt. Foto: privat

Anja Fritzsches Großmutter ist 1909 geboren. Diabetes? Cholesterin? Bluthochdruck? Die Rosenheimerin hat nichts davon – dafür ganz viel Lebenswillen. Ihre Enkelin hat ein Buch über sie geschrieben.

 

"Wer weiß, wie lange Oma noch lebt!" An diesen Spruch von früher erinnert sich Anja Fritzsche noch sehr gut. Ihr Vater pflegte dies zu sagen, als ihre Großmutter Maria Mitte achtzig war.

"Irgendwann hat ihm das keiner mehr geglaubt", lacht Anja Fritzsche heute. Kein Wunder: Ihre Oma aus Rosenheim ist mittlerweile 107 Jahre alt – und immer noch voller Lebensmut. Ein guter Grund, ein Buch über ihre "lustige Oma" zu schreiben. Ein sehr amüsantes und aufmunterndes.

AZ: Frau Fritzsche, Ihre Oma Maria ist schon 107 Jahre alt und dank Ihrer Facebook-Seite eine kleine Internet-Bekanntheit. Wie geht’s ihr denn?
Anja Fritzsche: Meine Oma ist an sich gesund – sie nimmt keinerlei Tabletten, hat weder Diabetes noch Bluthochdruck oder Cholesterin. Sie hat auch einen sehr wachen Geist. Das Schreiben unseres Buches hat sie nochmal aufblühen lassen. Aber leider hatte sie im September einen Unfall.

Oh nein. Was ist passiert?
Mein Vater und sie sind in einen Stau geraten. Der Fahrer hinter ihnen hat das übersehen und ist ihnen drauf gefahren. Dadurch hat meine Oma Rippen- und Brustprellungen erlitten. Sie wusste erst einmal gar nicht, was passiert ist. Dann hat sie Infusionen und Schmerzmittel bekommen und das ist in diesem Alter wirklich problematisch. Deswegen ist sie momentan leider etwas verwirrt und hat auch Schmerzen.

Aber den Lebensmut hat sie dennoch nicht verloren, oder?
In der Zeit nach dem Unfall hat sie nicht mehr gegessen und wir haben befürchtet, dass ihr Leben nun doch zu Ende gehen würde. Ich dachte mir: Jetzt hat sie bislang alles überlebt und dann müsste sie ausgerechnet wegen eines Unfalls sterben. Was wäre das für ein eigenartiger Tod gewesen.

Was ist dann passiert?
Nach etwa drei Wochen hat sie die ganze Familie zusammengerufen, weil sie noch einmal alle sehen wollte. Und dann ist das eingetreten, was immer passiert, wenn meine Oma in Gesellschaft ist und sie Unterhaltung hat: Plötzlich sagte sie – obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon drei Wochen nichts mehr gegessen hatte: "Ich will jetzt ein Stück Kuchen." Da wussten wir: Nein, es ist nicht vorbei. Seither ist sie in Kurzzeitpflege und muss dort auch erstmal bleiben.

Ihre Oma lag nach einer Operation schon einmal im Koma, hatte sich auch schon den Oberschenkelhals gebrochen. Sie hat alles überstanden. Was ist ihr Geheimrezept?
Wir sagen immer: Meine Oma ist schneller als der Tod (lacht).
Nein, bei ihr macht es wirklich die Gesellschaft und die Unterhaltung aus – mein Vater, der auch schon in Rente ist, wohnt wieder bei ihr. Man braucht einfach jemanden, der sich mit Liebe um einen kümmert. Das ist schon mal die halbe Miete. Und sie hat auch einen unglaublichen Bewegungsdrang: Bis zum Alter von 100 Jahren ist sie geschwommen, hat Yoga gemacht und ist auch gern in die Sauna gegangen.

Und sonst?
Meine Oma ist zudem immer viel gereist – wir sind zuletzt sehr viel zu dritt unterwegs gewesen. Dadurch hatte sie immer wieder ein Ziel vor Augen, was ihr Energie gegeben hat. Früher war sie jedes Jahr drei Monate in Spanien. Den Winter hat sie dort verbracht, den Sommer in Bayern. Die Luft und die Sonne im Süden haben ihr sehr gut getan.

Und wie schaut es mit der richtigen Ernährung aus?
Meine Oma hat immer sehr gerne selbst gekocht und es gab nie Fertigerichte. Sie hat zwar viel mit Butter gekocht, aber ihre Speisen wie Reis, Kartoffeln und Nudeln gab es immer in Verbindung mit Salat und Gemüse. Fleisch dagegen hat sie selten gegessen. Am liebsten mag sie mittlerweile Chinesisch (lacht).

Chinesisch? Durchaus ausgefallen für eine 107-Jährige ...
Sie hat in den vergangenen Jahren auch Pizza für sich entdeckt. Wir haben irgendwann gesagt: Ab 100 ist alles erlaubt. Wir setzen ihr da keine Grenzen. Das zeigt aber auch, dass sie sehr offen und neugierig ist. Ich denke, auch das gibt Kraft im Alter, wenn man sich nicht zurücklehnt, sondern immer Neues entdecken möchte. Sie wollte zum Beispiel auch immer ein eigenes Handy und interessiert sich für Computer und Facebook.

Und Ihre Großmutter braucht wirklich keine Medikamente?
Nein, gar keine. Als wir im Krankenhaus standen und der Arzt nach der Medikamentenliste gefragt hat, haben wir geantwortet: "Es gibt keine Medikamentenliste".

Wie geht das?
In unserer Familie achtet jeder sehr stark auf seinen Körper, wir nehmen nicht sofort Tabletten. Medikamente sind Chemie und belasten den Körper. Wir Kinder haben auch nie Antibiotika genommen. Meine Mutter hat immer gesagt: Jede Krankheit geht auf natürlichem Weg wieder weg. Es braucht nur Zeit.

Geht Ihre Oma überhaupt regelmäßig zum Arzt?
Nur wenn ihr etwas weh tut. Wie damals, als sie 101 Jahre alt war. Damals hat sie über Schwindel geklagt und der Arzt hat eine verengte Arterie festgestellt. Sie hätte nur noch drei bis vier Monate leben können, deswegen hat sie sich für die Operation entschieden. Die Ärzte waren damals schon baff, wie gut sie das weggesteckt hat. Mal ehrlich: Wir würden alle gerne wissen, wie sie das macht (lacht).

Mit 107 Jahren sind sicher viele ihrer Freunde schon gestorben. Wie geht sie damit um?
Mit meinem Vater hat sie guten Ersatz gefunden, dadurch ist es nicht mehr ganz so schlimm. Aber das macht sie schon traurig, dass sich zum Beispiel ihr Freundeskreis in Spanien auflöst.

Sprechen Sie mit Ihr über den Tod?
Wir können ganz offen darüber reden. Für sie gehört das einfach dazu, sie hat keine Angst. Aber meine Oma hat noch keinen Bock auf Sterben (lacht). Sie äußert allerdings ihre Wünsche, wenn es einmal so weit sein sollte. Zum Beispiel, dass sie einfach einschlafen möchte oder dass mein Vater und ich ihr die Hand halten sollen.

Was würde sie gerne noch machen? Was wünscht man sich mit 107 Jahren?
Nach ihrem Unfall meinte sie, sie würde schon nochmal gerne zum Gardasee oder nach Spanien fahren.

Erzählt sie viel von früher?
Das haben wir alles schon vor Jahren besprochen. Sie hat ihren Mann im Krieg verloren, das macht sie schon immer noch traurig. Jetzt aber lebt sie im Hier und Jetzt. Davon handelt auch das Buch, das ich als Dankeschön für meinen Vater geschrieben habe, der sich so um sie kümmert. Durch ihn muss sie sich um nichts Sorgen machen. Viele Krankheiten entstehen ja auch durch Sorgen. Daher hat sie auch in dieser Hinsicht Glück.

Ihr Vater ist immer an ihrer Seite. Führt das manchmal zu Verwechslungen?
Oh ja, es ist schon öfter vorgekommen, dass mein Vater für ihren Ehemann gehalten wurde. Er ist dann immer etwas pikiert und sagt: "Einen von uns beiden haben sie jetzt beleidigt." (lacht)

Warum schaut sie noch so jung aus?
Sie setzt einfach ihr Lächeln auf und wickelt mit ihrem Charme jeden um den Finger. Sie ist übrigens auch Flirtmeisterin. Sie flirtet, das ist unglaublich.

Mit wem?
Mit Kellnern, Pflegern, Kassierern ...

Die sind aber vermutlich nicht in ihrem Alter ...
Nein, das Alter spielt bei uns generell keine Rolle.

Ihre Großmutter kokettiert aber gerne mit ihrem hohen Alter, stimmt’s?
Ja, das ist Balsam für ihre Seele und sie ist stolz drauf, wenn andere sie dafür bewundern. Als meine andere Oma 100 Jahre alt geworden ist, hat sie gesagt: "Ich bin aber noch die Ältere." (lacht)

Moment. Sie haben noch eine Oma mit 100 Jahren?
Meine jüngere Oma ist jetzt 100 Jahre alt geworden. Keiner von uns hätte gedacht, dass sie so alt wird. Denn sie hing sehr an ihrem Mann, der ist aber schon vor 20 Jahren gestorben. Meine Mutter hat sich ihrer angenommen und kümmert sich sehr.

Wie weit planen Sie mit Ihrer älteren Oma noch voraus?
Wir planen gerade ihren 108. Geburtstag im Dezember und auch Weihnachten. In Kurzzeitpflege fühlt sie sich mittlerweile total wohl und lernt dort neue Menschen kennen. Einmal hat sie einem anderen Patienten gut zugeredet und seine Hand getätschelt, dass er doch noch einen Löffel essen solle. Sie selbst hofft jetzt einfach, dass sie bald wieder allein gehen kann.

Ihr Tipp: Wie kann man seinen Großeltern den Lebensabend verschönern?
Man sollte auf ihre Wünsche eingehen, ihnen Gesellschaft leisten und ihnen auch einfach zuhören. Die gemeinsame Zeit ist unwiederbringbar. Jeder wohnt natürlich nicht in der Nähe seiner Großeltern, aber man sollte sich Fixpunkte suchen, wie etwa Weihnachten.


"Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige" erscheint am Freitag im Ullstein Verlag.

 

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