AZ-Interview Martina Ertl-Renz: "Vonn ist die Größte – und eine Kämpfernatur"

"Sie ist sicher jemand, der gerne im Rampenlicht steht, das auch richtig auskostet und genießt", sagt Deutschlands einstige Ski-Queen Martina Ertl-Renz über Lindsey Vonn, die mit WM-Bronze die Karriere beendet. Foto: dpa

In der AZ spricht Deutschlands einstige Ski-Königin Martina Ertl-Renz über den Abschied von "Drama-Queen" Vonn und Norwegens Svindal, über Rebensburgs Pech – und was sie Neureuther zutraut.

 

München - Martina Ertl-Renz im AZ-Interview. Die jetzt 45-jährige ehemalige deutsche Ski-Queen holte zwei Mal Silber und einmal Bronze bei Olympischen Spielen und zwei Mal Gold, zwei Mal Bronze bei Weltmeisterschaften.

AZ: Frau Ertl-Renz, Ski-Queen Lindsey Vonn hat im letzten Rennen ihrer illustren Karriere noch einmal WM-Bronze in der Abfahrt geholt. Eine Medaille, die sich nach all den Schwierigkeiten zuletzt eher wie Gold anfühlen dürfte.
MARTINA ERTL-RENZ: Für Lindsey ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen, das ist ein wirklich mehr als würdiger Abschied. Ich muss zugeben, sie hat mich mit dem Lauf auch ganz persönlich noch einmal positiv überrascht. Man darf ja nicht vergessen, dass es für Vonn in der letzten Zeit alles andere als geflutscht ist. Mit all den Verletzungen, den Stürzen, den Operationen und den damit einhergehenden psychischen Belastungen. Man muss einfach anerkennen, dass Lindsey eine absolute Ausnahmesportlerin ist und auch eine gewaltige Kämpfernatur. Nicht viele hätten nach all dem, was sie zuletzt durchlebt hat, weitergemacht. Bronze ist der Lohn für diese unglaubliche Willensleistung.

Mit ihren Triumphen - Olympiasiegerin, Weltmeisterin, mit 82 Weltcup-Erfolgen siegreichste Skifahrerin der Geschichte - gehört sie zu den ganz Großen des Skisports.
Ich würde noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass Vonn die Größte im Skisport ist, die wir momentan haben. Wobei mit Mikaela Shiffrin ja schon das nächste US-Girl am Start ist, das die Geschichte umschreiben kann. Was die mit ihren 23 Jahren schon gewonnen hat, sie kann wirklich alle Rekorde pulverisieren. Shiffrin ist einfach unglaublich. Es ist witzig, eine meiner Töchter sollte in Englisch ein Referat über Shiffrin halten, das wurde dann aber verschoben. Und jetzt muss sie es dauernd aktualisieren, weil wieder ein Weltcup-Sieg hinzugekommen ist, wieder ein WM-Titel.

Tränen-Auftritte, Rücktritte, dann der Rücktritt vom Rücktritt, beim Abschied jetzt hatte sie alle Medaillen, die Sie in ihrer Karriere gewonnen hat, für das Foto dabei: Vonn hat sich in den letzten Jahren zur Drama-Queen entwickelt.
Dem kann ich nicht widersprechen. Sie ist sicher jemand, der gerne im Rampenlicht steht, das auch richtig auskostet und genießt. Damit macht sie sich nicht nur Freunde, aber für mich stehen einfach ihre sportlichen Erfolge über allem – und da ist sie einzigartig. Wie sie sich in der Öffentlichkeit verkauft, ist ihre Sache. Ich kenne sie ja noch vom Anfang ihrer Karriere, als ich noch selber gefahren bin. Das ist schon ihr Charakter, dass sie gerne die ist, um die sich alles dreht. Aber da ist jeder anders. Wenn man sich dann zum Beispiel die schwedische Ski-Legende Ingemar Stenmark anschaut, dessen Siegrekord Vonn ja unbedingt brechen wollte, der ist wirklich das absolute Gegenteil, der meidet die Öffentlichkeit, wo es nur geht.

Nicht nur Vonn hat die Karriere beendet, sondern auch Norwegens Superstar: Aksel Lund Svindal. Auch er tritt mit einer Medaille - nämlich WM-Silber in der Abfahrt - ab.
Ich hätte es ihm gegönnt, wenn es sogar zu Gold gereicht hätte, aber Kjetil Jansrud war eben einen Hauch...

... zwei Hundertstel...
...genau, zwei Hundertstel schneller. Svindal hat wirklich nur Freunde im Skizirkus. Er ist so eine ruhige, offene, positive Person – überhaupt macht es mit den Norwegern immer sehr viel Spaß. Und er ist auf jeden Fall auch einer der ganz Großen des Skisports.

Für die deutschen Athleten lief es bisher noch nicht so toll – bisher gab es keine Medaille und Viktoria Rebensburg hatte gleich zu Beginn das große Pech, Vierte zu werden.
Das war sehr bitter, denn sie ist sehr gut gefahren. Ich bin mir sogar sicher, wenn die Sicht bei ihr besser gewesen wäre, dann hätte sie das Ding gewonnen, dann hätte Deutschland gleich eine Goldene, und danach läuft es immer leichter. Ich weiß selber, wie hart es ist, Vierte bei einem Großereignis zu werden. Das ist bitter, das ist traurig, das tut weh. Ich hoffe jetzt, dass sie im Riesenslalom, was ja weiterhin ihre Herzensdisziplin ist, richtig was raushaut und sich eine Medaille holt.

Und Felix Neureuther?
Er hat ja nach den Verletzungen nicht den leichtesten Winter gehabt, die Vorbereitung war sicher nicht optimal.

Was Neureuther aber eigentlich nie gestört hat.
Genau. Er gehört nicht zu den ganz großen Favoriten, ist frei von Druck. Ich wünsche ihm, dass er jetzt zwei starke Läufe abliefert und alle überrascht. Das hat er sich verdient.

 

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