AZ-Interview Marianne Sägebrecht: "Keine Angst vor dem Tod!"

Urbayerisch: Marianne Sägebrecht. Foto: Margaretha Olschewski

Marianne Sägebrecht spielt am Mittwoch im "Brandner Kaspar" und demnächst auch im "Pumuckl" des Gärtnerplatztheaters.

 

München - Fast 150 Jahre hat das Theaterstück "Der Brandner Kaspar" von Franz von Kobell schon auf dem Buckel. Aber der Boandlkramer hat es noch immer nicht von der Bühne geholt. Im Gegenteil, der quicklebendige Klassiker, belebt noch immer die Fantasie von Regisseuren, Schauspielern und natürlich des Publikums. Am Mittwoch gibt es eine Produktion im Brunnenhof der Residenz zu sehen, in der Henner Quest die Titelrolle spielt und Marianne Sägebrecht in die Rollen von Theres und Afra schlüpft.

AZ: Frau Sägebrecht, Wilderei, Tod und Teufel und ein Bauer: Der "Brandner Kaspar" ist ja ein sehr männer-dominiertes Stück. Wie schaffen Sie da Gegengewicht?
MARIANNE SÄGEBRECHT: Die Tante, die Theres, ist doch dafür schon eine gute Figur: einsam, neugierig, aber sie schützt das ganze Spiel. "Es kümmert ja das Gericht nur, wenn man erwischt wird!", ist ihr Pragmatismus. Und die Afra, die schon im Himmel ist – die spiel’ ich ja auch –, ist eine, die auch Klarsicht auf die Dinge hat. Ich suche immer selbstbewusste Frauenfiguren aus dem Volk, ohne eine Volksschauspielerin zu sein. Und die Frauen kommen hier nicht schlecht weg, auch wenn das Stück schon 150 Jahre alt ist und wir die Version von 1975 spielen.

Diese Inszenierung von Kurt Wilhelm wurde als "Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben" mit Fritz Straßner, Toni Berger, Gustl Bayrhammer für das Fernsehen produziert.
Aber ich hab das nie gesehen, auch im Cuvilliéstheater nicht. Bei uns ist ja der Henner Quest der Brandner, der 700 Mal damals mitgespielt hat. Das ist ein wunderbarer Kerl. Sofort zugesagt mitzuspielen habe ich aber vor allem, weil ich im Münchner Christophorus-Hospizverein engagiert bin in der Effnerstraße, wo jetzt auch der Oberbürgermeister Reiter Schirmherr ist. Und das Thema passt: Da ist ja einer – der Brandner –, der nicht gehen will! Und mich regt die Werbewelt auf, die immer vorgaukelt: Fit bis zum letzten Tag! Mit dem im Kopf bereitet man sich aber nicht vor. Der Tod wird nicht ins Leben eingebaut.

Haben Sie denn kein Verständnis für den Brandner, der um sein Leben kartelt?
Doch, doch. Er ist der ganz moderne Typ, der sich ohne spirituellen Überbau ans Materielle klammern muss. Als er dann doch gehen muss, findet das Stück ja schöne, tröstende Bilder, wie das Wiedersehen mit geliebten Menschen im Himmel.

Glauben Sie das selbst?
Schon mit 13 Jahren bin ich mit meinem damaligen Pfarrer in der Realschule zu Sterbenden gegangen. Dieser Kaplan hat viele buddhistische Elemente im Glauben gehabt, war so liberal, dass er dann strafversetzt wurde. Ich selbst habe schon immer an die Unsterblichkeit der Seele geglaubt und nicht an die Schrecklichkeiten der Hölle. Und auch als wissenschaftlich medizinisch ausgebildete Frau bin ich überzeugt, dass nichts verschwinden kann. Aber so eine Art von Reinkarnation, wo dann jede Frau sagt, ich war Kleopatra, das finde ich wirklich überzüchteten Schmarrn.

Der Brandner ist ja am Ende sogar ganz froh, oben zu sein.
Der Tod ist ja wieder wie eine Geburt. Erst ein dunkler Tunnel, dann Licht. Und der Kaplan von damals hat immer gesagt: Jeder kommt zum Licht! Ich habe seit meiner Kindheit keine Angst vor dem Tod. Bei mir auf dem Dorf kam man als Kind ans Bett der sterbenden Bäuerin. Eine Bäuerin hab ich so geliebt, der hab’ ich noch einen Kuss gegeben und fand das beruhigend schön. Der Kaplan von damals ist dann mit mir auch in die Krankenhäuser gegangen zu den letzten Ölungen, weil ich so eine schöne Stimme gehabt habe und eine ruhige Ausstrahlung. Mit Freunden bin ich auch später noch als Jugendliche auf eigene Faust zu Sterbenden gegangen, hab’ da geholfen, vorgelesen und übernachtet. Ich finde: Zur Geburt hat man eine Hebamme – und so etwas sollte man auch beim Sterben haben. Man hat ja auch noch viel zu tun: Da geht es um Vergebung, Versöhnung... Ich finde auch, dass jeder, auch wenn er arm ist, ein Taferl bekommen sollte als Ort, wo man an ihn denken kann. Ein Friedhof hat ja etwas Ruhiges, Spirituelles, wie eine Kirche.

Im Brandner Kaspar ist ja auch der Bayern-Preußen-Gegensatz verarbeitet. Zählt das heute noch?
Nein, weil die Integration der Preußen in Bayern ja gelungen ist – wie es im Stück über Bayerns Preußen heißt: "nach dem Gravitationsgesetz" – wer einmal kommt, der bleibt! Und auch viele Bayern fühlen sich in Berlin sauwohl. Wir lieben und necken uns. Wir Bayern sind Südländer und daher letztlich doch Menschen mit offenem Herzen. Aber man muss natürlich die eigenen Sachen schon pflegen, wie die gute Volksmusik. Und denen, die immer jammern und meinen, dass alles früher besser war, sage ich: Wenn ich den Freundeskreis meiner Enkelin sehe, ist mir nicht bange. Die sind weltläufig, liberal, machen diese "Work and Travel"-Programme wie in Neuseeland und lieben doch ihre Heimat.

Und das sagt eine Frau, die in "Bussi – das Munical" die Mama Bavaria gespielt hat! Die muss es ja wissen.
Jetzt bin ich auch wieder vom Gärtnerplatztheater engagiert worden: im Pumuckel. Aber da bin ich nicht der Kobold!


"Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben": Brunnenhof der Residenz, Mittwoch, 12. Juli, 20 Uhr, Karten ab 36 Euro unter Tel. 93 60 93

 

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