AZ-Interview Märchen-Hotel: "König Ludwig würde das gefallen"

Autorenprofil Ruth Schormann
Der Außenbereich des "König Ludwig": Das Hotel hatte die AZ zu einem Recherche-Besuch eingeladen. Foto: AZ

Das Luxus-Hotel von Florian Lingenfelder in Schwangau heißt wie der Märchenkönig und war bis vor Kurzem auch noch eine Großbaustelle. Zeit für einen Besuch.

 

Florian Lingenfelder (35) ist der Chef des "König Ludwig"- Hotels in Schwangau und hat gerade in drei Monaten einen XXL-Umbau gestemmt.

AZ: Herr Lingenfelder, viele Menschen finden König Ludwig II. faszinierend. Sie auch?
Florian Lingenfelder: Er interessiert und fasziniert mich deswegen, weil Ludwig ein absoluter Visionär und Vordenker war, der seiner Zeit sicherlich weit voraus war. Das sieht man zum Beispiel an seinen technischen Ideen, die er auch in Neuschwanstein hat umsetzen lassen. Auf der anderen Seite war er auch ein sehr exzentrischer Mensch, der mit sich und der Welt nicht zufrieden war. Für Bayern war er eine wichtige Person – ohne ihn wäre der Freistaat heute nicht, wie er ist.

Sie verdanken ihm ein Stück weit Ihren Erfolg, oder? Wenn Neuschwanstein nicht um die Ecke wäre, würde das Konzept eines König-Ludwig-Hotels wohl nicht so funktionieren.
Ja, natürlich. Wir waren mit dem Wechsel zu diesem Namen Anfang der 80er eines der ersten Häuser, die den Namen König Ludwig touristisch genutzt haben. Den Erfolg eines Hotels kann man aber nicht in erster Linie am Namen festmachen, sondern vielmehr an den Menschen. Dazu gehört ein gutes, eingespieltes Team, das zur Identität des Hauses passt, sich in der Philosophie des Hauses wiedererkennt, und natürlich die Gäste.

Exzentrischer Ludwig: Auch die Gäste haben spezielle Wünsche

Apropos Gäste. Sie haben schon angesprochen, dass Ludwig recht exzentrisch war. Wie schaut es mit den Gästen aus: Haben die auch immer ausgefallenere Wünsche?
Wir leben generell in einer Zeit, in der sich sehr viele Menschen sehr viel leisten können und wollen. Um diesem Anspruchsdenken gerecht zu werden, entwickelt sich ein Hotel weiter und muss mit der Zeit gehen. Wir sind flexibel und individuell. Wenn Gäste Wünsche haben, die außergewöhnlich sind, ist es unser Anspruch, diese zu erfüllen. Natürlich können wir keine runde Ecke bieten oder die Welt sich anders herum drehen lassen.

Gibt es Grenzen?
Nun, da gibt es natürlich Dinge, die jenseits davon sind, was unsere Justiz erlaubt.

Wie haben sich die Ansprüche im Lauf der Zeit verändert?
Die Menschen sind informierter und gesundheitsbewusster geworden. Noch vor sechs, sieben Jahren war es außergewöhnlich, wenn jemand Vegetarier war. Vegetarisch und vegan sind für uns mittlerweile selbstverständlich. Auch Intoleranzen wurden früher seltener angegeben. Es gibt auch Gäste, die zu uns kommen und sagen: Ich mache gerade eine spezielle Diät über ein halbes Jahr und würde diese hier gerne weiterführen.

Kann darauf eingegangen werden?
Natürlich geht das. Wir sehen das nicht als lästiges Übel, sondern als eine Herausforderung.

Hätte Ludwig der Massentourismus gefallen?

Wagen Sie eine Vision, wie es auch Ludwig gern getan hat: Was wird in Zukunft in der Hotellerie alles kommen?
Ich denke, dass sich alles noch mehr individualisieren wird. Es gibt zum Beispiel schon viele Chalet-Dörfer, wo der Individualismus per se gelebt wird. Ich denke, dass immer mehr in unserer heutigen Gesellschaft keine Kompromisse machen wollen bei der persönlichen Erholung – körperlich wie geistig.

König Ludwig war gerne alleine. Nun kommen Massen von Touristen nach Neuschwanstein. Würde ihm das gefallen?
Tatsächlich glaube ich: ja. Ludwig hatte die grundlegende Intention, den Menschen die schönen Künste, vor allem Kultur und Bildung, nahebringen zu wollen, was durch die Besichtigung seiner Schlösser ja erfüllt wird.

Ist es auch im Sinne der Einwohner? Gibt es Verlierer des Massentourismus um Neuschwanstein?
Verlierer kann man so nicht sagen. Die Region wäre infrastrukturell, etwa mit Bergbahnen und Wanderwegen, die zu einem Großteil auch von den Einheimischen genutzt werden, nicht so gut aufgestellt, wenn es den Tourismus nicht gäbe. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Deswegen gibt es mit Sicherheit ein paar Punkte, die die Einheimischen stören.

Was zum Beispiel?
Der Verkehr. Aber: Die Übernachtungsgäste sind nicht diejenigen, die die Verkehrsbelastung auslösen. Das Schloss Neuschwanstein lockt Menschen aus der ganzen Welt an. Der Anteil an Tagestouristen, welche aus München und den umliegenden Städten kommen, ist somit recht groß. Allerdings ist dieser Umstand zeitlich auf die Hauptsaison begrenzt.

"Wir wollen den Charakter der Zweisamkeit nicht verlieren"

Wann kommen die meisten?
Im Sommerhalbjahr. Das Gute ist: Der Radius, wo die Welt dort zusammentrifft, ist fast wie eine Glocke und breitet sich nicht überall hin aus. Das ist auch das Charmante: Einen halben Kilometer von Schloss Neuschwanstein entfernt findet man wieder dörfliches Leben. Ruhig, ursprünglich. Glücklicherweise ist unser Hotel in diesen dörflichen und ursprünglichen Bereich eingebettet.

Ihr Hotel ist nur für Erwachsene. Warum?
Wir machen das seit 2015, weil wir vor der Entscheidung standen: Bauen wir einen Kinderbereich wie andere, die sich darauf spezialisiert haben? Wir wollten aber den Charakter der Zweisamkeit, Romantik und der Gemütlichkeit des klassischen Pärchenurlaubs nicht verlieren. Daher entschieden wir uns, eine Zielgruppe professionell zu bedienen.

Gab es Kritik daran?
Ja, absolut. Die Begeisterung war nicht bei allen Gästen groß. Wir verstehen auch, dass das für manche enttäuschend ist. Aber auch ein Hotel ist ein Unternehmen und darf entscheiden, wie es sich ausrichten möchte. BMW baut auch keinen Dacia.

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