AZ-Interview Macht uns die Hitze aggressiv? - Das sagt der Klimaexperte

Das Wetter beeinflusst die Stimmung – nicht nur positiv. Denn wer schwitzt, der ist zusätzlich belastet – und wird schneller mal wütend. Foto: imago

Vom grantigen Autofahrer bis zum schießenden Ehemann – flippen im Sommer alle aus? Ein Klimaexperte verrät, wie Temperatur und Laune zusammenhängen – und was man dagegen tun kann.

 

Der 58-jährige Jürgen Kropp ist Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Hier spricht er im AZ-Interview.

AZ: Herr Kropp, bilden wir uns das nur ein, oder macht die Hitze wirklich aggressiv?
JÜRGEN KROPP: Nein, das stimmt, das ist eine objektive Wahrnehmung.

Woran liegt das?
Das hat mit der Physiologie zu tun. Der Körper muss seine Temperatur regeln. Das macht er durch’s Schwitzen, weil dadurch Verdunstungskälte ensteht. Dazu muss das Herz-Kreislaufsystem mehr arbeiten, Sie müssen viel trinken. All dies sind Belastungen. Wir werden müde, bekommen Kopfschmerzen, die Konzentration nimmt ab, die Leistung auch. Und das macht manchmal auch aggressiv. Der Mensch braucht eben Zeit, sich an Wetterveränderungen anzupassen.

Sind alle Menschen gleich betroffen?
Manche sind wetterfühliger als andere, haben beispielsweise Migräne bei Föhn, das kennt man ja in München. Was wir wissen ist, dass Alte und sehr junge Menschen durch Hitze besonders belastet sind, weil ihr Herz-Kreislaufsystem noch nicht so stark beziehungsweise schwächer ist.

Und Erwachsene?
Naja, ein grundsätzlich friedvoller Mensch wird nicht zum Verbrecher, weil es heiß ist. Doch die Hitze betont grundsätzlich vorhandene Neigungen, aber sie ist nicht der ausschließliche Grund, warum jemand gewalttätig wird.

Spielt es eine Rolle, wie viel Grad es hat – oder ist Hitze gleich Hitze?
Wenn es extrem warm wird, nimmt die Aggressivität wieder ab. Man vermutet, dass der Mensch sich dann nur noch abkühlen will, er wird lethargisch.

Also je heißer, desto friedlicher?
Bei uns ist ja das Problem, dass die Hitze nicht so lange anhält, Jeder schnelle Wetterwechsel ist eine Belastung für den Organismus. Hätten Sie zwei Wochen Zeit zur Anpassung würden sie Hitze und Wärme wohl als positiv wahrnehmen.

Das Wetter kann man nicht ändern, aber wie senkt man sein eigenes Erregungspotenzial bei hohen Temperaturen?
In unserer Gesellschaft, in der wir ständig im Auto, ständig im Büro sitzen, kann man sich der Hitze nur schwer entziehen. Aber man muss sich eben angepasst verhalten, kühle Räume aufsuchen und viel trinken.

Und vielleicht auch mehr Pausen machen?
Ja, es hat ja einen Grund, warum die Südeuropäer Siesta halten. Die machen das nicht, weil sie keine Lust zu arbeiten haben, sondern passen sich der Wettersituation an.

Werden diese negativen Begleiterscheinungen in Zukunft noch schlimmer?
In Städten, ja. Wir wissen, dass die Hitzebelastung dort generell steigt, weil Materialien verbaut werden, die die Wärme speichern und nachts abgeben. Bleibt es da nachts bei über 25 Grad, wird das als besonders belastend empfunden. Dann kühlt es nie ab. Aber dass es dann mehr Gewaltverbrechen geben wird, diesen Schluss kann man nicht ziehen.

Lesen Sie hier: So wird das Wetter am Dienstag

 

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