AZ-Interview LGBT*-Berater Plaß: "Es ist noch ein weiter Weg!"

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Bei Michael Plaß vom Sub können sich die Opfer von Gewalt auch anonym melden – nicht nur Männer, sondern auch Frauen, Inter* und Trans*Menschen Foto: Mark Kamin

Michael Plaß hilft Opfern von homophober Gewalt. Die hat viele Gesichter und wird oft von der Polizei nicht erfasst und verfolgt. Der AZ erklärt er, was jeder Einzelne tun kann.

 

München - Die Ampelmännchen im Glockenbachviertel sind queer und halten Händchen, der Christopher Street Day wird in jedem Jahr (in dem keine Pandemie grassiert) größer, bunter und beliebter und im Stadtrat sitzen acht offen lesbisch oder schwul lebende Stadträte und Stadträtinnen. Man sollt meinen, queere Menschen haben nichts zu befürchten in München.

Michael Plaß vom Sub weiß, dass Toleranz nicht dasselbe ist wie Akzeptanz und Gewalt gegen queere Menschen viele Formen und Gesichter hat. Es geht um körperliche Gewalt, aber auch Mobbing, Stalking, Beleidigung, häusliche Gewalt oder Lächerlichmachen.

Seit Anfang des Jahres hilft Michael Plaß bei dem bayernweiten Anti-Gewalt-Projekt "Strong!" des schwulen Kultur- und Kommunikationszentrums Sub Queeren, die Gewalt erleben mussten. Queere werden in diesem Artikel als LGBT* bezeichnet, der Stern steht für die vielen Geschlechtsidentitäten, die es gibt.

"Homosexuellenfeindliche suchen die Auseinandersetzung"

AZ: Herr Plaß, wer ruft bei Ihnen an oder chattet mit Ihnen?
MICHAEL PLASS: Zum einen Klientinnen, die einen hohen Leidensdruck haben – durch Homosexuellenfeindlichkeit im Beruf etwa oder Jugendliche, die in ihrer Familie fertiggemacht werden.

Sie sagen nicht Homophobie.
Eine Phobie, eine Angst, da meiden die Menschen die Auseinandersetzung. Wer Höhenangst hat, meidet die Höhe. Homophobe aber suchen die Auseinandersetzung, den Konflikt mit Homosexuellen. Sie haben keine Angst vor uns, sie haben etwas gegen uns. Es handelt sich also nicht um Homophobie, sondern um Homosexuellenfeindlichkeit.

Gibt es das noch oft, dass LGBT*-Kinder nach ihrem Outing Probleme in der Familie haben?
Wohnungslose LGBT*-Jugendliche, die rausgeflogen sind, waren früher viel präsenter, das ist kein flächendeckendes Phänomen mehr. Aber die Gewalt, die diese Kids erfahren, ist krass. Die können oft nicht aus ihren Familien raus, weil sie kein Geld haben. Das bringt mich zu der anderen Gruppe, die bei mir anruft: Eltern, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, denen Kinder vom Freund erzählen, der daheim in einer diskriminierenden, gewaltvollen Umgebung aufwächst oder die von Mobbing in der Schule berichten.

Warum rufen die Opfer nicht selbst bei Ihnen an?
Ein Grund ist, dass man selbst Homosexuellenfeindlichkeit verinnerlicht hat: Man wächst mit dem Gefühl auf, dass man so nicht sein sollte. Solche Leute suchen sich weniger den Support der Community. Ein Problem ist also die Homosexuellenfeindlichkeit der Homosexuellen. Die kämpfen darum, ein Bild von sich aufrechtzuerhalten.

"Viele Anrufer glauben, dass sie stark sein müssen"

Das klingt wahnsinnig anstrengend.
Ja. Dann gibt es das Phänomen, dass man funktionieren muss, das ist ein gesamtgesellschaftliches Ding. Viele glauben, dass sie immer stark sein müssen und alles aushalten müssen. Sie können die Opferrolle nicht mit ihrem Selbstbild vereinbaren. Vor allem das Verständnis von Männlichkeit bedeutet für viele, dass man besonders stark sein muss.

Müssen LGBT* mit all den Anfeindungen, denen sie ausgesetzt sind, nicht sowieso stärker sein als andere?
Man bekommt eine höhere Toleranzschwelle, das stelle auch ich fest. Die Blicke und Witze sind so häufig, dass man sich daran gewöhnt.

Was sind so verletzende Momente, die das Gegenüber womöglich gar nicht wahrnimmt?
Das Nachäffen von Klischees und Witze über die Sexualität zu machen. Oder die Ekelreaktionen, wenn man etwas erzählt und es dann heißt: Sooo genau muss ich das jetzt nicht wissen. Heterosexuelle Männer erzählen oft genau und plastisch von ihren Eroberungen, andersherum ist das nicht möglich, da wird sich geschüttelt, die Reaktion ist körperlicher Ekel.

Ist das schon Schwulenhass?
Nein, das ist nicht per se Schwulenhass. Meistens ist es so, dass die Leute Vorurteile haben, weil sie keine lesbischen, schwulen, Trans- oder Intersex-Menschen kennen. Erst beim Kennenlernen von Menschen aus der Community wird klar, wie überholt manche Denkmuster sind.

Nun haben Sie ihr Hilfsangebot von der Hilfe für schwule und bisexuelle Männer auf Frauen, Trans, Inter und Non-Binäre erweitert. Warum?
In München gibt es LeTRa für lesbische und bisexuelle Frauen, die TransInterBeratungsstelle für trans und inter Menschen und das Sub für schwule und bisexuelle Männer. Erfahrungen von Gewalt und Diskriminierung sind es, die jede dieser Zielgruppen kennt und es ist wichtig, dass es "Strong!" gibt, weil wird dadurch eine stärkere Stimme haben. Die Diskriminierung einer Lesbe ist auch Diskriminierung einer ganzen Community. Für die junge Generation gibt es ja sowieso nicht mehr hier die Schwulen, da die Lesben und da die Trans-Leute, die sind LGBT*-geprägt.

Ist München die bunte Stadt, als die sie sich darstellt?
Ich glaube, dass München sich entwickelt hat. Es ist auf jeden Fall internationaler geworden. Schwule und lesbische Lebensweisen sind selbstverständlicher geworden – nicht aber selbstverständlich. Man darf nicht vergessen, dass viele Schwule und Lesben nicht Händchenhalten in der Öffentlichkeit. Bei Trans und Inter ist noch ein weiter Weg zu gehen – da sind Pöbeleien immer noch an der Tagesordnung. Diese Menschen rechnen auch damit, dass sie zum Beispiel keine Wohnung bekommen, weil Vermieterinnen sie nicht akzeptieren. Von Selbstverständlichkeit, Toleranz und Anerkennung kann man da noch lange nicht sprechen.

"Früher bekamen Lesben und Schwule Vergewaltigungsandrohungen"

Was kann ich tun, um solche Menschen zu unterstützen?
Seien Sie sensibel dafür, dass es nicht nur eine Form von Männern und Frauen gibt, sondern ein Spektrum von Männlichkeit und Weiblichkeit. Es geht darum, jede Person in ihrer eigenen Geschlechtsidentität anzunehmen, wie auch immer die aussehen mag. Outen Sie die Leute nicht öffentlich oder stellen Sie sie nicht bloß. Jede Form von Unterstützung ist wichtig, denn alle LGBT*-Menschen erleben viel Ablehnung. Sprechen Sie sie mit dem richtigen Namen an, dem richtigen Pronomen. Es gibt keinerlei Notwendigkeit, Menschen bewusst zu verletzen. Früher war das ja auch bei Lesben und Schwulen so, dass sie in ihrer Sexualität nicht anerkannt wurden, dass sie Vergewaltigungsdrohungen erhalten haben oder ihnen gesagt wurde, sie müssten nur mal richtigen Sex haben, um wieder in die Spur zu kommen.

Laut den offiziellen Zahlen der Polizei München sind 2019 17 Straftaten gegen die sexuelle Orientierung begangen worden, wie es in der Kriminalitätsstatistik heißt.
Die Zahlen sind total inkonsistent, die haben mit der Realität nichts zu tun. Wir haben 47 Fälle im letzten Jahr gemeldet bekommen. Auch das bildet nur einen Bruchteil der Gewalt ab, die LGBT* erfahren. Es ist wichtig, dass die Menschen sich melden, wir brauchen das als Argumentationsgrundlage mit der Landesregierung und der Polizei. So unterstützt man auch andere und ist solidarisch.

Wie sind die Zahlen deutschlandweit?
Das Bundesinnenministerium hat kontinuierlich steigende Zahlen: 2001 waren es 48, 2018 waren es 351. Davon ist ein Großteil der Meldungen aus Berlin.

Sind die Berliner homophober?
Nein, nicht, dass ich wüsste. Aber in Berlin gibt es extra Beamtinnen für LGBT* und auch zwei Ansprechpartnerinnen bei der Staatsanwaltschaft. Da ist eine ganz andere Sensibilität für das Thema und auch für die Menschen dahinter da. In München wird Homophobie bisweilen ja nicht einmal verfolgt, das habe ich selbst erlebt. Und homosexuellenfeindliche Verbrechen tauchen als solche oft nicht in der Statistik auf.

Bitte?
Im März habe ich bei der Polizei angerufen, weil es im Pressebericht hieß, ein Mann habe einen anderen sexuell beleidigt. Erst auf meine Nachfrage kam dann heraus, dass es schwulenfeindlich war. Das taucht aber so weder im Pressebericht, noch in der Statistik auf. Wir fordern, dass das als Hassverbrechen klassifiziert wird und dass es auch hier Ansprechpartnerinnen für LGBT* gibt. Aber die zuständige Landesbehörde und die CSU-Regierung hat da wenig Interesse und wir drehen uns da seit Jahren im Kreis.

"Ausgehen kann zum Spießroutenlauf werden"

Wo muss sich die Stadt noch bewegen?
Da, wo LGBT* ausgehen, gibt es auch am meisten Vorfälle. Gerade vorne am Anfang der Müllerstraße kommt es zu besonders vielen Vorfällen: Beim "Ochsengarten", wo die Leute im Fetisch draußen stehen und am "Rendezvous" kann das Ausgehen zum Spießrutenlauf werden, gerade für Transmenschen. Da sind Polizei und KVR gefragt. Aber die Politik hat sich stark entwickelt und auch die vorherige Regierung im Münchner Rathaus hat uns viel unterstützt. Aber es braucht geschützte Wohnräume für Jugendliche und junge Erwachsene, die kein Geld haben und aus ihrer Familie raus müssen. Der Bedarf ist natürlich in ganz Bayern da, außerhalb von München ist es zappenduster. Auch vom Bayerischen Wald aus ist die nächste Notschlafstelle hier.

Sehen Sie durch Corona Probleme, die speziell LGBT* betreffen?
Transmenschen haben ihre Gesundheitsleistungen nicht mehr bekommen. Man muss ja zum Therapeutinnen, damit die Krankenkasse das übernimmt, aber das war vielfach nicht möglich. Da wurden lang herbeigesehnte Veränderungen aufgeschoben und teilweise auch Operationen verschoben. Alle Anlaufstellen und Selbsthilfegruppe für LGBT* konnten nicht besucht werden, da hat für viele der Leidensdruck noch zugenommen. Gerade was Gewalt Zuhause angeht, in der eigenen Beziehung oder durch die Eltern ist noch nicht abzuschätzen, welche Spuren diese Krise hinterlassen wird. Umso wichtiger sind Angebote wie "Strong!"

Das schwule Kultur- und Kommunikationszentrum Sub Queeren ist erreichbar unter der Telefonnummer 089-856 346 427.

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