AZ-Interview Kim Kulig: "Mein Herz gehört immer noch dem VfB"

Ist mit einer 0:1-Niederlage gegen Mainz in die Saison gestartet: Der VfB Stuttgart um Ex-Bayern-Stürmer Mario Gomez (links). Aufmerksame Beobachterin: Kim Kulig. Foto: Kunz/Augenklick, imago/Hartenfelser

Ex-Nationalspielerin Kim Kulig spricht über ihre Leidenschaft für Stuttgart, ihren Kollegen Kovac, die kriselnden DFB-Frauen und einen Traum: "Trainerin in Stuttgart wäre ziemlich cool."

Die 28-jährige Trainerin des Zweitligisten 1. FFC Frankfurt II bestritt 33 Länderspiele für die Nationalmannschaft und beendete wegen einer Knieverletzung 2015 ihre Karriere. Sie ist Fan des VfB Stuttgart.

AZ: Frau Kulig, Horst Heldt hat Ihnen mal in seiner Zeit als Sportdirektor in Stuttgart VfB-Bettwäsche geschenkt. Schlafen Sie noch darin?
KIM KULIG: Inzwischen nicht mehr. Aber mein Herz gehört immer noch dem VfB. Ich bin in Tübingen aufgewachsen, war mit meinem Vater oft im Stadion. Elber, Bobic, Balakov in den Neunziger Jahren, das war meine Zeit. Und als ich 17 war, hatten sie die Meister-Mannschaft mit Gomez, Cacau, Khedira. Dass ich gegen die Bayern mitfiebere, ist doch klar.

Was halten Sie von Niko Kovac, haben Sie ihn in Frankfurt mal kennengelernt?
Persönlich nicht. Aber ich hab mal sein Training gesehen, überragend. Großartig, was er aus der Eintracht rausgeholt hat. Wenn ihm das in München bei der viel größeren Qualität auch gelingt, dann kann das eine Erfolgsgeschichte werden.

Kulig zu DFB-Frauen: "Da muss ein Sieg her"

Zittern Sie denn am Samstag mehr mit dem VfB oder mit den deutschen Fußball-Frauen beim Spiel um die WM-Qualifikation in Island?
Schwierig. Vielleicht doch mehr mit der Nationalmannschaft. Schon ein sehr wichtiges Spiel. Da muss ein Sieg her.

Was ist schief gelaufen bei den Frauen? Einst unangefochten das weltbeste Team, jetzt verliert man bei der EM im Viertelfinale gegen Dänemark und zuhause in der Quali gegen Island. Früher undenkbar.
Ein Hauptgrund: Andere Nationen haben massiv aufgerüstet. Die ganz schwachen Länder gibt es kaum mehr. Island ist ein tolles Beispiel. Die haben längst professionelle Strukturen bei Jungs wie Mädchen, große Nachwuchs-Akademien.

Dennoch bleibt das Gefühl, in Deutschland führten die Jahrzehnte der Erfolge zu Sattheit und Selbstgefälligkeit. Sie haben mal gesagt, ein Problem sei, dass die heutige Generation sich nichts mehr zutraut, aus Angst vor Fehlern.
Ich habe das schon am Anfang in Frankfurt gemerkt. Wenn ich eine Übung erklären möchte, bin ich noch gar nicht fertig mit dem Reden, da kommen schon die ersten Nachfragen. Nur aus Angst, Fehler zu machen.

Kulig über Nachwuchs: "Wir alle müssen Fehler machen"

Ist das ein Problem der Erziehung im Zeitalter der Helikopter-Eltern, die ihre Kinder überbehüten?
Die Kinder wachsen heute anders auf als früher. Die Eltern nehmen ihnen immer mehr ab, was ich für bedenklich halte. So verlernen die Kinder, eigenständig mitzudenken. Eigene Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie falsch sind. Auf den Platz übertragen führt das zu mangelnder Kreativität.

Klingt mehr nach einem gesellschaftlichen Problem im Allgemeinen.
Ist es auch. Wenn man so behütet aufwächst und bloß keine Fehler machen soll, wie wollen wir da Individualität entwickeln? Wir alle müssen Fehler machen, um uns weiterzuentwickeln, wenn wir daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Ob im Leben oder im Fußball.

Macht es da einen Unterschied, ob die Frauen eine Frau oder einen Mann als Trainer haben?
Horst Hrubesch ist der erste männliche Nationaltrainer seit Gero Bisanz 1996. Von der fachlichen Kompetenz spielt das keine Rolle. Nur muss ein Trainer mit einem Frauen-Team anders umgehen als mit Männern. Frauen ticken anders.

Inwiefern?
Mädels sind wissbegieriger. Sie hinterfragen mehr. Bei Jungs gibt es eine Ansage und dann wird’s so gemacht. Man braucht hohes Einfühlungsvermögen bei Frauen. Ein Mann, der nur Männer trainiert hat und dann zu Frauen kommt, für den ist das sicher erst mal schwer.

Kulig über Outing: "Eine Frage der Persönlichkeit"

Schwer tun sich viele Männer ganz allgemein, wenn es um Frauen rund um Fußball geht, Thema Claudia Neumann. Unabhängig davon, ob man sie für eine gute Reporterin hält oder keine so gute: Viele übelste Beschimpfungen gegen sie während der WM zeugten von primitivstem Sexismus.
Das fand ich furchtbar. Es ist so, dass du dich als Frau immer beweisen musst. Ich merke das ja selbst bei Trainerlehrgängen als einzige Frau unter lauter Männern. Wenn da welche mit Jacken von Dortmund, Schalke oder Bayern herumlaufen, denkt jeder: Boah, das muss aber ein guter Trainer sein. Bei mir als Frau dagegen merke ich, dass viele denken: Hmm, mal schauen, was die so drauf hat.

Dabei sind Frauen doch mitunter viel weiter. Dass Sie 2016 Ihre Partnerin Melanie Soyah geheiratet haben, war kein großes Thema. Männer-Fußball hingegen ist eine der letzten Bastionen der Homophobie. Warum traut sich kein Profi, sich zu outen?
Ich verstehe das auch nicht. Ich finde es ja schön, dass das in unserer Gesellschaft an sich immer weniger ein Thema ist, nur im Männer-Fußball tun sie sich schwer. Vielleicht weil die Spieler mehr in der Öffentlichkeit stehen als wir Frauen.

Aber das tun auch schwule Promis, Künstler, Politiker.
Letztlich muss es jeder für sich entscheiden. Eine Frage der Persönlichkeit. Es gibt ja viele verrückte Fans, die Spieler auspfeifen, nur weil sie zu einem anderen Verein wechseln und dann wieder zurückkehren. Vielleicht ist es die Angst davor, dass man sich zweimal überlegt, was man von sich preisgibt.

Thomas Hitzlsperger, einst auch beim VfB, hat sich nach der Karriere geoutet.
Ein toller Schritt. Vielleicht hat er damit langfristig eine Vorbildrolle als Bestärkung für andere, sich zu bekennen.

Was wird eher passieren? Der erste Bundesliga-Profi, der sich outet? Oder ein Frauen-Team beim VfB?
Oje. Ich weiß, dass es da beim VfB seit mehr als zehn Jahren Überlegungen gibt, bisher haben sie es aber nicht auf die Reihe bekommen. Leider.

Dann wird ja Stuttgart 21 eher fertig. Wenn es aber soweit ist, wäre Trainerin der VfB-Frauen Ihr Lebensziel?
Mein Traum war ja immer, einmal als Spielerin das VfB-Trikot zu tragen. Daraus wird nichts mehr. Aber Trainerin in Stuttgart, ja, das wäre ziemlich cool. 

 

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