AZ-Interview Jean Ziegler: "Greta Thunberg finde ich großartig!"

Jean Ziegler kämpft seit Jahrzehnten gegen den Kapitalismus. Foto: dpa

Jean Ziegler kämpft seit Jahrzehnten gegen den Kapitalismus. In der AZ erzählt der 84-Jährige, warum ihm die heutige Jugend Hoffnung macht.

 

München - Der Schweizer Jean Ziegler gehört zu den bekanntesten - und streitbarsten - Globalisierungsgegnern der Gegenwart. Am Dienstagabend hat der 84-Jährige im Literaturhaus sein neues Buch vorgestellt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen. Ziegler war erster UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und ist heute Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates.

AZ: Herr Ziegler, laut UN drohen bis 2030 rund 56 Millionen Kinder an Mangelernährung oder fehlender Gesundheitsvorsorge zu sterben. Sie sprechen von Mord. Warum?
JEAN ZIEGLER: Der World-Food-Report zeigt die Opferzahlen: 2018 ist alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert oder an den unmittelbaren Folgen des Hungers gestorben. Diese Zahlen werden von niemandem bestritten. Aber derselbe World-Food-Report sagt auch, dass die Weltlandwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte, also fast das Doppelte der gegenwärtigen Bevölkerungszahl – wenn die Bedingung für den Zugang zu Nahrung nicht Kaufkraft wäre, sondern eine gerechte Verteilung stattfinden würde. Hunger ist menschengemacht und könnte morgen aus der Welt geschafft werden. Deshalb sage ich: Ein Kind, das jetzt an Hunger stirbt, wird ermordet. Dieser Massenmord ist der Skandal unserer Zeit und Todesursache Nummer eins auf dieser Welt, die vor Reichtum überquillt. Das macht mich wütend.

Gegen wen richtet sich Ihre Wut?
Diese Mordmaschine bringt unglaubliche Profite für die Großkonzerne: 85 Prozent der Grundnahrungsmittel werden kontrolliert von zehn Konzernen. Die Gründe, die dieses Massaker verursachen, sind dabei verschieden: Nehmen wir Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel wie Mais, Reis oder Getreide: Damit erwirtschaften die Deutsche Bank, die Commerzbank und Chase Manhattan Bank enorme Gewinne. Doch die Mütter in den Favelas können nicht genug Nahrung für ihre Kinder kaufen, weil der Preis börsenspekulativ so hoch ist – und gehen zugrunde.

Was würde Ihr alter Freund Che Guevara zu der Welt von heute sagen?
Dass sie radikal verändert werden muss: Landreformen, Totalentschuldung der ärmsten Länder der Dritten Welt, Radikalverbot von Börsenspekulationen, Entmachtung der Oligarchien. Es ist doch unglaublich: Wir leben unter der Weltdiktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals.

Was meinen Sie genau?
Laut Weltbank-Statistik haben die 500 größten Privatkonzerne – alle Sparten zusammengenommen – vergangenes Jahr 52,8 Prozent des Welt-Bruttosozialproduktes kontrolliert. Die haben eine Macht, wie sie nie ein Kaiser, König oder Papst gehabt hat. Sie entschwinden jeglicher sozialstaatlicher, parlamentarischer, gewerkschaftlicher Kontrolle. Und sie sind ideologisch, politisch und finanziell einflussreicher als die mächtigsten Staaten. Sie diktieren ihnen die Gesetze. Dieser globalisierte Kapitalismus hat eine unglaubliche Dynamik und Schaffenskraft – aber er funktioniert nur nach einem einzigen Prinzip: der Profitmaximierung. Begriffe wie Gemeinwohl sind denen so fremd wie mir das Chinesisch.

Sie arbeiten sich seit Jahrzehnten am Feindbild Kapitalismus ab. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Es gibt zwei Ebenen des Bewusstseins: Das, was die Menschen als gerecht ansehen und wollen. Und die tatsächlich erlebte Gerechtigkeit. Die tatsächlich erlebte Gerechtigkeit ist regressiv, seit ich auf diesem Planeten aktiv bin. So schlimm wie heute war es doch noch nie: über 62 Millionen Menschen auf der Flucht; dazu die Hungerzahlen, die in absoluten Zahlen immer noch steigen; die fürchterlichen Kriege; die Lähmung der Uno. In dieser Hinsicht habe ich nichts ausgelöst. Aber: Das, was wir als Tagtraum – wie Adorno sagt – in uns tragen, nimmt zu. Dazu habe ich ein kleines bisschen beigetragen, durch Aufklärung der Gesellschaft.

Diese Aufklärung hat Sie – nicht nur sprichwörtlich – ruiniert, weil sie immer wieder verklagt wurden.
Ja, aber das macht nichts. Ich lebe ja immer noch.

Welche juristische Auseinandersetzung war denn besonders kostspielig?
Das war bei meinem Buch "Die Schweiz wäscht weißer", dem Angriff auf den schweizerischen Banken-Banditismus. Die Schweiz ist das zweitreichste Land der Welt. Ihr einziger Rohstoff ist Geld, fremdes Geld, meist Blutgeld: Mafia-Geld, Diktatoren-Geld, Flucht-Geld aus der Dritten Welt. 27 Prozent aller Offshore-Vermögen werden in der Schweiz verwaltet. Diese Banken sind zentral daran beteiligt, dass die Ungleichheit auf der Welt immer weiter steigt. Das habe ich angegriffen, dafür neun Prozesse am Hals gehabt und alle verloren. Schadenersatz: 6,6 Millionen Schweizer Franken. Die Folge: Privat-Konkurs.

Trotzdem lächeln Sie, wenn Sie davon erzählen.
Ja, denn diese Herren der Nacht mussten ja vor Gericht antreten, dort Rede und Antwort stehen – auch, wenn sie am Ende gewonnen haben. Insofern hat meine Niederlage dem Kampf genützt, weil sie Transparenz geschaffen hat, Bewusstsein bei den Menschen. Und vielleicht hat ja auch die Erosion des Bankgeheimnisses ein wenig damit zu tun. Wissen Sie eigentlich, dass Che Guevara mir das Leben gerettet hat?

Nein. Erzählen Sie!
Ich war als Student in Kuba, Zuckerrohr schneiden, in den Anfangsjahren der Revolution. Da kamen Che, Fidel und die anderen manchmal vorbei, um mit uns Europäern zu diskutieren. Im April 1964 kam dann die Weltzuckerkonferenz der Uno in Genf. Da habe ich den Kubanern, die keine Botschaft und kein Konsulat hatten, Hotels reserviert und Autos organisiert. Ich selbst war zwölf Tage lang der Chauffeur vom Che. Am letzten Abend bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: Comandante, ich will mit euch gehen. Dann hat er mich ans Hotelfenster gerufen, auf die Reklame der Juweliere und Banken in der Genfer Nacht gezeigt, und gesagt: Hier bist du geboren. Hier musst du kämpfen. Ich war am Boden zerstört. Aber ich hatte gar keine militärische Ausbildung – und wäre andernfalls wohl schon längst verscharrt in irgendeinem Straßengraben in Bolivien, Venezuela oder Guatemala. Außerdem habe ich von ihm die Strategie, die ich zu verfolgen suche: die subversive Integration, also einzutreten in die bestehenden Institutionen und zu versuchen, sie von innen für die eigenen Ziele zu gebrauchen. Das habe ich getan – bis hin zur Uno. Das gibt dem Leben Sinn und das verdanke ich dem Che.

In Ihrem aktuellen Buch fordern Sie Ihre Enkelin Zohra und deren Generation auf, den Kapitalismus zu zerstören – ist das nicht ein bisschen viel verlangt?
Entweder zerstören wir den Kapitalismus – oder er zerstört uns und den Planeten. Es ist ganz banal: Wenn die Erderwärmung so weitergeht, und um mehr als 1,5 Grad ansteigt, sind wir Ende des Jahrhunderts in der totalen Katastrophe. Dann steigen die Ozeane, die Küstenstädte verschwinden, drei Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Planeten verdorren. Der Planet wird vom System der Profitmaximierung und der schrankenlosen Produktivität zugunsten ganz weniger Leute zerstört.

Im Buch schreiben Sie: "Die Revolte wird kommen". Was macht Sie so zuversichtlich?
Haben Sie die Kinder und jugendlichen vergangenen Freitag gesehen? Unglaublich! In mehr als 60 Ländern der Welt sind Millionen junger Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straßen gegangen und haben ihre Regierungen aufgefordert: Jetzt tut endlich was! Diese absolute Weigerung, eine Realität als unveränderbar hinzunehmen, diese Urkraft, die da sichtbar wird, gibt ganz große Hoffnung.

Das heißt: Sie würden Greta Thunberg, Vorreiterin der "Fridays for future"-Demos, den Friedensnobelpreis verleihen?
Natürlich! Ich finde großartig, was sie tut!


Jean Ziegler: "Was ist so schlimm am Kapitalismus?", Verlag C. Bertelsmann, 15 Euro

 

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