AZ-Interview Jean-Marie Pfaff: "Ich habe überlebt"

Bayern-Legende Jean-Marie Pfaff. Foto: Rauchensteiner/Augenklick

Klappmesser und eine fliegende Eisenstange: Hier erinnert sich Bayerns Ex-Torhüter Jean-Marie Pfaff ans Real-Gastspiel 1987

 

AZ: Herr Pfaff, vervollständigen Sie bitte diese Wortkette: Bernabéu, Eisenstange, Klappmesser...

JEAN-MARIE PFAFF: ...und Pfaff. Bingo. Ja, ich habe es überlebt. Ich war auch noch schwer verletzt in das Spiel gegen Real gegangen.

Letzten Sonntag war es genau 25 Jahre her, dass Sie die Hölle von Madrid überstanden haben. Am 22. April 1987 regnete es in der spanischen Hauptstadt, beim Halbfinal-Rückspiel des Europapokals der Landesmeister.

Richtig! Und zwar alles Mögliche. Das war Wahnsinn.

Ihr Strafraum war eine Müllhalde, fast schon ein Waffenlager. Auf Youtube findet man unter den Stichworten „Pfaff Madrid 1987" ein Video mit abenteuerlichen Szenen von jenem Spiel. War es lebensgefährlich?

Ach, ich hatte nie Angst in meinem Leben, das darf man als Torwart auch nicht, in keiner Sekunde. Egal, was die Leute werfen, ich habe gezeigt: ich stehe hier, ich spiele für meinen Verein und für meine Familie.

Diese Eisenstange muss Sie aber beeindruckt haben!

Ich habe nur den Schiedsrichter darauf aufmerksam gemacht, ihm die Stange gezeigt. Dieser Franzose war selbst überrascht, später hat er auch was abbekommen. Ich habe mich gefragt: Was sind das für Menschen? Was soll das?

Wie konnten Sie so cool bleiben?

Ich hatte mich am Tag vor dem Spiel beim Abschlusstraining verletzt, war umgeknickt. Höllische Schmerzen, auf meinem Knöchel lagen die ganze Nacht Eisbeutel. Keiner der Spieler wusste es, nur Manager Hoeneß und Trainer Lattek. Ich bekam Spritzen und einen Tape-Verband. Und dann sieht der Auge auch noch Rot.

Richtig. Bayern gewann das Hinspiel im Olympiastadion mit 4:1, im Rückspiel musste Libero Klaus Augenthaler nach einer halben Stunde wegen einer Watschn gegen Hugo Sanchez vom Platz.

Es wurde mein Spiel! Einer der schönsten Momente meiner Karriere. Die Fans wollten mich einschüchtern, mir die Konzentration rauben. Nichts da! Präsident Scherer hat am Abend gesagt: „Du warst unser Engel!” Die Spanier haben gesagt: der Teufel.

Die Duelle mit Real in den 80er Jahren waren von enormer Aggressivität, fast schon Brutalität geprägt. Etwa, als Juanito den am Boden liegenden Lothar Matthäus mit voller Kraft mitten ins Gesicht trat.

Das stimmt. Früher hattest Du die Wahl: Gehst du gleich zum Metzger oder machst du ein Spiel in Spanien oder Italien. Heute ist das Spiel eleganter, die Stars werden von den Schiedsrichtern besser geschützt. Außerdem hast du hunderte Kameras, die jede Szene aus jedem Winkel zeigen. Da kann man sich nicht mehr so viel erlauben.

Was raten Sie Manuel Neuer für seine Prüfung am Mittwoch mit dem aktuellen Team?

Er muss ruhig bleiben! Alles um sich herum ausblenden. Du darfst die Fans nicht anschauen oder gar provozieren. Du darfst nie zeigen, dass du eventuell Angst haben könntest.

Doch heute gibt es Zäune und die Ultras drehen nicht mehr so durch.

Ja, das stimmt. Dennoch ist die Kulisse im Bernabéu beeindruckend. Aber Neuer muss sich auf das Spiel konzentrieren, immer den Kopf oben halten, seine Leute dirigieren. Er muss einfach seinen Job machen. Er kann das.

Und? Packen die Bayern das Finale?

Ich glaube schon! Wenn sie selbst ein Tor schießen, ist das Thema durch. Sie schaffen es. Ich werde ihnen am TV die Daumen drücken.

 

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