AZ-Interview Isufi-Trainer Segerer: "Das ist die Chance seines Lebens"

Fitness-Guru und Box-Trainer Alfred Segerer Foto: privat

Der Münchner Isufi kämpft gegen Saunders um die WM. In der AZ spricht sein Trainer, Fitness-Guru Segerer, über das große Duell.

 

München - Alfred Segerer ist einer der profiliertesten Athletik- und Konditionstrainer Deutschlands. Unter anderem betreute er Anni Friesinger, Kati Wilhelm, Didi Hamann. Er bereitete den Münchner Shefat Isufi auf den WM-Kampf am Samstag gegen Billy Joe Saunders vor.

AZ: Herr Segerer, Sie gelten als der Fitness-Guru schlechthin in Deutschland, bereiten Ihre Sportler aber auch mental vor. Wie kann Ihr Schützling, der Münchner Shefat Isufi, einen Ausnahmeboxer wie Billy Joe Saunders im WM-Kampf am Samstag überhaupt schlagen?
ALFRED SEGERER: Vorab, Saunders gehört zu den großartigsten Technikern überhaupt, zudem bringt er Beweglichkeit ohne Ende mit. Ich habe Verwandtschaft in England, die sagen: Um Gottes willen! Ihr kämpft gegen unseren Superstar! Saunders ist in England vergleichbar mit Franz Beckenbauer bei uns – oder Lionel Messi. Aber: Shefat ist einzigartig vorbereitet. Wenn es einer schaffen kann, dann er.

Was zeichnet Isufi denn in Ihren Augen derart aus?
Er hat gerade erst ein Sparring absolviert, so etwas habe ich noch nie gesehen. Er hat einen Plan. Shefat geht nicht einfach in den Kampf und sagt sich, ich schaue mal, was passiert. Wenn man im Boxen Erfolg haben will, dann muss man eine Taktik für die erste Runde haben, eine Taktik für die zweite Runde – und so weiter. Viele halten Boxen für einen dummen Sport, ich sage: Es ist der intelligenteste Sport der Welt. Wer ein Champion sein will, muss so viele Dinge beachten und im Kopf haben. Es geht nicht nur darum, jemand auszuknocken, sondern ihn zu besiegen. Dafür gibt es viele Mittel und Wege, aber man muss sich derer auch bewusst sein. Shefat ist sehr ruhig, bedacht, sehr intelligent. Er weiß, was er tut – und was er tun muss. Das ist die Chance seines Lebens und er wird sie nicht dadurch verspielen, dass er nicht körperlich und mental vorbereitet ist. Es ist keine Schande zu verlieren, wenn der andere einfach besser ist. Aber man darf sich nicht selber schlagen, indem man nicht alles herausholt, was in einem steckt.

Segerer: Ganz Deutschland wird hinter Isufi stehen

Ein Kampf in England, sozusagen in Saunders’ Hinterhof, ist noch einmal eine ganz besondere Herausforderung.
Der Druck ist natürlich enorm groß. Aber Shefat ist darauf vorbereitet. Er weiß auch, dass ganz Deutschland hinter ihm steht, dass ganz Albanien, wo er geboren ist, hinter ihm steht. Ich muss zugeben, allein wenn ich das sage, habe ich schon Gänsehaut.

Die gleiche Konstellation hatten Sie auch mit einem Ihrer anderen Schützlinge, dem Münchner Robin Haxhi Krasniqi, der ebenfalls in England um die WM boxte, aber klar gegen Nathan Cleverly verlor.
Das stimmt. Er war mental nicht so weit, er war fast größenwahnsinnig. Ich habe immer wieder versucht, ihn von seinem hohen Ross herunterzuholen, aber ich habe es einfach nicht geschafft. Letztlich hat bei ihm die Ringintelligenz gefehlt. Er hat ja gar keine Amateurausbildung, ging immer nur auf den Knockout. Die Nuancen des Boxens hat er nie verstanden. Letztlich war ich sogar ein wenig überrascht, dass wir ihn immerhin dazu gebracht haben, dass er zwei Mal um die WM boxen konnte.

Welcher Boxer hat Sie denn in der Vorbereitung am meisten beeindruckt – und wer hat Ihnen am meisten Kummer bereitet?
Das waren Firat Arslan und Luan Krasniqi. Firat hat einen unglaublichen Willen. Der ist wie eine Maschine, ich bin mir sicher, der wird auch noch der erste Weltmeister, der die 50 Jahre überschritten hat. Er hätte am liebsten 24 Stunden am Tag trainiert, Luan Krasniqi musste ihn wirklich vom Training wegzerren und ihm sagen: "Du musst auch mal schlafen!" Luan wiederum war das Gegenteil. Er war eigentlich ein fauler Hund. Wenn du ihm den Rücken zugedreht hast, ist er schnell vom Laufband gesprungen und erst wieder rauf, wenn du dich umgedreht hast. Aber letztlich kann man sich nicht selbst belügen. Ich war bei der Bundeswehr in der Sportfördergruppe, habe da alle möglichen Sportarten gesehen und verfolgt. Ich habe 30 Jahre Erfahrung, kenne alle Werte, die dich zu einem Champion machen – oder verhindern, dass du einer wirst. Diese Werte lügen nicht. Nie. Ich kann dir nach einem Kampf genau sagen, warum du verloren hast.

Segerer: Mit Marco Huck war es schwierig

Wer war noch so ein Kandidat, der mit der Disziplin, die Sie eingefordert haben, nicht wirklich zurechtkam?
Marco Huck. Mit dem bin ich mal drei Wochen in die Türkei zum Training, nach zwei Wochen habe ich es dann abgebrochen und ihm gesagt, das bringt so nichts. Da musste man immer darauf warten, dass er mal vorbeikommt und Lust zum Training hat. Aber auch dann nicht zu hart und nicht länger als 30 Minuten. Er nimmt das alles viel zu locker. Auch bei ihm ist es letztlich eine Sache der Intelligenz, er hatte lange die richtigen Gegner vorgesetzt bekommen, als er sich dann selbstständig gemacht hat, fehlte da der Sachverstand in der Auswahl – und er hat die Kämpfe verloren.

Warum liegen Ihnen die Boxer so besonders am Herzen?
Weil es so ein harter Sport ist. Ein 100-Meter-Läufer kann hundert Mal verlieren, wenn er das eine Rennen gewinnt, kann er trotzdem der Größte sein. Ein Tennisspieler kann sein Spiel verlieren, mit dem gehe ich danach einen Kaffee trinken und sage ihm, dann halt morgen wieder. Aber ein Boxer? Jede Niederlage kann dich zerstören, du kannst mental danach am Ende sein. Das steckt man nicht so weg. Boxen hat eine andere, eine essenzielle Dimension. Deswegen leide ich auch so dermaßen mit.

 

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