AZ-Interview Islamwissenschaftler Karimi räumt mit Missverständnissen auf

Clemens Hagen.
Vom "Spiegel" wurde er als "Wunderkind" bezeichnet: Ahmad Milad Karimi, der mit 30 Jahren eine Neuübersetzung des Korans vorlegte, die bei Herder erschienen ist. Foto: Peter Grewer

Viele Muslime, so der Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi, würden ihren Glauben falsch leben – was wiederum oft mit fehlender Bildung zusammenhänge. Es gäbe aber Gegenmittel.

 

München - Der 40-jährige Deutsch-Afghane Ahmad Milad Karimi ist Religionsphilosoph, Islamwissenschaftler, Dichter und Verleger. Seit Juli 2016 ist er Professor für islamische Philosophie an der Universität Münster.

AZ: Herr Professor Karimi, es gibt eine Theorie, wonach ein Staat genauso wie der einzelne Bürger ein Feindbild braucht. Ist der Islam für die Deutschen ein Ersatz für den Kommunismus?
AHMAD MILAD KARIMI: Die Frage ist, von welchem Deutschland wir reden: Im Osten würden wir auf diese Frage ganz andere Antworten erhalten als im Westen. Aber in einem Punkt kann ich Ihnen recht geben: Der Islam ist etwas, was die Gemüter genauso in Wallungen bringt wie der Kommunismus.

Warum ist das so?
Ich glaube, weil das Bild des Islams, zumindest das Bild des Selbstverständnisses des Islams, nicht in einer Weise vermittelt worden ist, wie es gemacht werden müsste. Das heißt, ich erlebe eine ganz andere Außenwahrnehmung als das, was ich von innen her kenne. Da gibt es wirklich eine große Diskrepanz und einen Missstand. Es begann damit, dass die Gastarbeiter, die aus der Türkei nach Deutschland kamen, gar nicht als Muslime wahrgenommen wurden. Ihre Religion rückte in den Hintergrund. Sie hatten zwar irgendwo ihre "Hinterhofmoscheen", aber in erster Linie waren sie Gastarbeiter. Das heißt, Arbeiter auf Zeit, die als Gäste da waren, aber irgendwann wieder heimkehren würden. Doch sie sind hier heimisch geworden. Und deren Wahrnehmung hat sich mit dem 11. September 2001 radikal verändert, denn aus türkischen Gastarbeitern wurden plötzlich Muslime.

Die Islamisierung, die Reduktion der Menschen bloß auf die Religion ist also daran schuld, dass die Religion doch zum Hauptthema wurde. Da haben die Deutschen gemerkt, dass sie so wenig über den Islam wissen. Und doch hat jeder eine Meinung dazu. Genauso übrigens wie viele Muslime auch, denn nicht jede Muslima, nicht jeder Muslim ist theologisch versiert. Wir haben hier auch mit vielen muslimischen Kindern und Jugendlichen zu tun, die kaum etwas über ihre Religion wissen.

Bildung zum Islam an Schulen?

Würden Sie dafür plädieren, islamische Religion an deutschen Schulen als Unterrichtsfach einzuführen?
Mit Entschiedenheit ja. Zunächst einmal wäre ich froh, wenn wir überhaupt einen islamischen Unterricht für Muslime flächendeckend anbieten könnten. Bildung ist eben Ländersache, und da muss von Bundesland zu Bundesland Überzeugungsarbeit geleistet werden. Muslime – oder zumindest deren Kinder – sollten doch das Recht haben, an einer staatlichen Schule über ihre Religion adäquat und transparent unterrichtet zu werden. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ich halte es für unglaublich wichtig, dass auch Nicht-Muslime etwas über den Islam erfahren, um zumindest zwischen islamophober Literatur der sogenannten Islamkritiker und wissenschaftlich vertretbarer unterscheiden zu können. Spätestens mit dem 11. September sollte uns doch klargeworden sein, dass wir unsere Welt nicht mehr verstehen können, ohne die Religionen zu verstehen. Das heißt nicht, dass wir alle den Islam gut finden sollen, sondern, dass wir uns ein kritisches Bild des Islams aneignen, das gefüllt ist mit Wissen – und mit Inhalten und nicht mit Vorurteilen.

Wären die drei großen monotheistischen Weltreligionen auf Facebook, hieße es beim Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Nennen Sie bitte einmal die drei größten Missverständnisse, die zwischen Muslimen, Juden und Christen existieren.
Zunächst einmal gibt es eine innere Asymmetrie im Verhältnis dieser Religionen. Das Judentum als älteste Religion dürfte eigentlich überhaupt keine Notwendigkeit darin sehen, sich mit dem Christentum und dem Islam auseinanderzusetzen. Es gibt das Judentum. Punkt. Die Christen hingegen müssten sich mit dem Judentum beschäftigen, denn Jesus Christus selbst war ein Jude. Aber in der Geschichte wurde der Islam verleugnet. Deshalb wurde der Islam als eine häretische Pseudoreligion begriffen mit ihrer falschen Bibel, mit ihrem falschen Propheten. Eine Ansicht, die bis in die Neuzeit salonfähig war und erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen Wendepunkt erfahren hat – im katholischen Kontext. Wir sehen eine Öffnung, eine Dialogbereitschaft, eine grundsätzliche Anerkennung.

Wenn wir vom Islam aus die zwei anderen Religionen betrachten, also von der jüngsten der drei abrahamitischen Religionen aus, dann ist es so, dass der Islam von innen heraus mit dem Judentum und Christentum verbunden ist. Es gibt also kein adäquates Selbstverständnis der Muslime, ohne eine innere Bezugnahme auf das Judentum und das Christentum. Das ist ein Imperativ des Korans. Man kann den Koran selbst nicht verstehen, ohne die Bibel aufgeschlagen zu haben. Es liegt also in meinem eigenen Interesse als Muslim, dass ich meine Juden und meine Christen bewahre, meine Rabbis und meine Priester würdige, weil ich sie für mein muslimisches Bewusstsein benötige. Ich halte es für tragend für eine Zukunft, die nur dann gelingen kann, wenn diese Religionen alle miteinander leben und arbeiten – ohne das Trennende dabei zu vergessen. Das Trennende ist wichtig. Ich will auch keinen Einheitsbrei, eine Superreligion gewissermaßen. Denn erst durch die Trennung ist das Eigene sichtbar.

"Es sind immer Menschen, die den Koran interpretieren"

Angefangen bei der Behandlung von Frauen über die Bilder von Hunderttausenden entrückter Pilger in Mekka bis zu den Verbrechen des IS – vielen Christen kommt der Islam wie ein Relikt aus dem Mittelalter vor. Ist er das?
Im Islam gibt es gar kein Mittelalter. Was hier als Mittelalter bezeichnet wird, war die Blütezeit des Islams. Dieser Diskurs ist eindeutig eurozentristisch und leider faktisch eindeutig falsch. Aber ich verstehe schon, dass Menschen über den Islam so denken mögen. Die Frage ist: Ist das richtig, ist das zielführend? Oder sollte man sein Bild nicht korrigieren? Ich will nicht leugnen, es wäre infantil dies zu tun, dass nicht alles im Namen des Islams großartig verläuft.

Das tut es im Christentum sicher auch nicht.
Wir hören beinahe jede Minute etwas Islamistisches, etwas Befremdliches, was mich zutiefst berührt. Wie gehen wir damit um? Es ist schon wesentlich, dass wir die Erwartungen, die die Islamisten, Salafisten und Fundamentalisten – und wie immer sie heißen mögen – haben, nicht erfüllen. Denn die sagen: Ihr im Westen seid alle Menschen zweiter Klasse. Niemand will den Islam hier jemals anerkennen. Wir erleben aber eine ganz andere Realität. Ich bin als Muslim eine vollwertige Person des öffentlichen Lebens. Ich werde in keiner Weise wegen meiner Religiosität benachteiligt, zumindest der Verfassung nach. Und das ist mein gutes Recht, dass ich mich auf meine deutsche Verfassung beziehe.

Schon Friedrich der Große hat gesagt, dass jeder nach seiner Fasson selig werden soll.
Und genau das wollen die Islamisten nicht glauben. Aber indem wir Muslime in Deutschland mit Islamisten gleichsetzen, erfüllen wir gerade das, was die Islamisten gerne sehen wollen, was aber nicht der Realität entspricht. Diese Differenzierung mag wehtun, weil wir nicht glauben wollen, dass der Islam keine mittelalterliche Religion ist, sondern eine kultivierte Tradition hat, eine aufgeklärte Tradition, eine Tradition des Humanismus, der Philosophie und der Barmherzigkeit. Weder der Koran hat jemals mit mir gesprochen noch der Islam noch Gott. Weil sie alle keine Handlungssubjekte sind. Es sind immer Menschen, die den Koran interpretieren, und Menschen können sich irren. Das heißt, Muslime können ihre Religion falsch ausüben. Aber die Falschheit ist nicht islamisch, weil es auch Muslime gibt, die ihre Religion richtig ausüben. Was heißt nun richtig und falsch und wer entscheidet das? Das sind die klaren Werte wie zum Beispiel Gerechtigkeit, Herstellung des Friedens, eine Ablehnung der aggressiven Gewalt, eine falsche Behandlung der Frauen – damit meine ich, Frauen als Menschen zweiter Klasse anzusehen. Das ist eine widerwärtige Haltung, die keinesfalls etwas mit meiner Religion zu tun haben darf.

Gegen Radikalisierung: Religiöse Bildung

Der Islam per se ist also nicht fanatisch, sondern wird nur falsch ausgelegt?
Wenn man etwas falsch auslegen will, dann kann man auch aus Rilke etwas ganz Schlimmes machen. Oder aus der Botschaft Christi: Die Kreuzzüge, den Missbrauch der Kinder und systematische Herabwürdigung der Frauen. Wenn man das mit dem Bild Jesu aus dem Neuen Testament vergleicht, wird man keine Parallelität feststellen können. Aber es sind doch unter der Fahne des Kreuzes Menschen misshandelt und enthauptet worden. Es liegt also weniger am Koran selbst, sondern an der Haltung, mit der Religion angeeignet wird. Es gibt in der Tat einen Moment von tiefer Hingabe im Islam, einen unglaublichen religiösen Zug, den ich immer wieder erlebe bei Jugendlichen, die sehr wenig vom Islam verstehen, aber eine tiefe Sehnsucht nach dem Glauben haben. Davor habe ich eigentlich weniger Angst. Wovor ich Angst habe, das ist, wenn man diese Menschen alleine lässt.

Dann radikalisieren sie sich?
Ja, wenn man sie nicht begleitet, wenn man ihre Sehnsucht, ihr inneres Feuer nicht mit Inhalten füllt, dann werden sie verführbar für ganz andere Richtungen, dann verbrennen sie von innen. Insofern plädiere ich für mehr Bildung in religiösen Fragen. Das, was im Christentum ein Stück weit abhandengekommen ist. Das liegt nicht an der Intellektualität, es gibt genügend Theologie. Aber erreicht die Theologie die Menschen auf der Straße noch? Versteht man die Botschaft Christi im 21. Jahrhundert? Der Islam hat ein anderes Problem, und das ist das Fehlen von religiösem Wissen.

Warum landen Ihrer Ansicht nach junge, männliche Muslime, die in Europa leben, letztlich in den Fängen von Islamisten und im Fanatismus?
Das ist ein komplexes Thema. Die Jugendlichen sind in erster Linie digital unterwegs. Sie holen sich ihre Informationen aus dem Internet. Und das Internet, zumindest in deutscher Sprache, ist mehrheitlich geprägt von salafistischen Strömungen. Die nennen sich aber nicht salafistisch-fundamentalistisch, sondern die "Stimme der Wahrheit" oder so ähnlich.

Wenn ich 16 Jahre alt bin und eine religiöse Frage habe, die meine Eltern nicht beantworten können, weil sie nicht religiös ausgebildet sind, und der Imam meine Sprache nicht versteht, dann gehe ich ins Internet und versuche meine Frage durch eine Suchmaschine beantworten zu lassen. Da erhalte ich eine Antwort, eine Antwort von einer Strömung allerdings, die ich als fundamentalistisch und sektiererisch einstufen würde. Das kann die oder der 16-Jährige aber nicht erkennen, zumal die Antworten sehr eindeutig und einfach formuliert sind.

Zum Beispiel das Kopftuch. Darf ich ein Kopftuch tragen als Frau? Da ist die Antwort eindeutig: ja. Und zwar ohne kritisches Bewusstsein. Demnach deuten die Islamisten nicht die Religion ideologisch, sondern ihre Ideologie religiös. Wenn sie mich fragen würden, würde ich sagen, es gibt sehr gute religiöse Gründe, ein Kopftuch zu tragen. Aber es gibt genauso gute Gründe, kein Kopftuch zu tragen. Dann muss die Frau selbst entscheiden: Welche Argumente überzeugen mich? So ist die Vielfalt der Argumente eines der tragenden Elemente der islamischen Geistestradition.

Zu jeder Frage gibt es mehrere Antworten. Es gibt im Islam diverse theologische Schulen, die gemeinsam koexistieren dürfen, weil sie immer einen Wettstreit der Plausibilitäten führen. Es geht um Plausibilität und nicht um die Verkündung der Wahrheit. Deshalb wirkt ein religiöses Lehramt im Islam wie ein Fremdkörper. Niemand kann sicher wissen, was Gott will. Ich kann nur sagen, was ich denke, was Gott von mir wollen könnte; also steht mein Denken zur Diskussion. Aber es könnte auch anders sein.

Lesen Sie hier: Türkei will weitere Islamisten nach Deutschland abschieben

 

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