AZ-Interview Haug: "Ein harter Weg für Ferrari und Vettel"

Ferrari-Pilot Sebastian Vettel und Formel1-Experte Norbert Haug (rechts). Foto: dpa

Vor dem Grand Prix in Bahrain spricht Norbert Haug mit der AZ über den Zweikampf Rot gegen Silber und den Expansionskurs der Formel 1. Er lobt Youngster Verstappen: "Er hat alles, was ein Superstar braucht."

 

Norbert Haug war von 1990 bis 2012 Motorsport-Chef von Mercedes. Derzeit arbeitet 64-Jährige unter anderem als Experte für die ARD.

AZ: Herr Haug, nach zwei Rennen liegen Sebastian Vettel und Lewis Hamilton gleichauf an der Spitze der Formel-1-Wertung. Kann Vettel die Mercedes-Vorherrschaft der letzten Jahre tatsächlich ernsthaft gefährden oder gar brechen?
NORBERT HAUG: Das Gute und in den letzten Jahren aus sportlicher Sicht Einmalige an diesem aktuellen Status ist, dass sowohl Hamilton wie Vettel bei beiden bisherigen Rennen absolute Siegchancen hatten. Der Kampf Rot gegen Silber ist in der Formel 1 ein Klassiker, der jahrelang zwischen den Protagonisten Michael Schumacher und Mika Häkkinen zur größten Begeisterung der Zuschauer ausgetragen wurde, und es wäre für die Formel 1 und ihre Fans wunderbar, würde dieser Klassiker nun endlich fortgesetzt.

Wen sehen Sie stärker – in fahrerischer, mentaler Hinsicht und was die Erfahrung in solchen Zweikämpfen betrifft?
Ich denke, dass Hamilton und Vettel vergleichbar stark sind. Jedem Fahrer hilft ein technischer Vorteil, den der andere nicht hat, und das wird auch in diesem Jahr entscheidend sein. Es ist ein harter Weg für Ferrari und Vettel, die Dominanz der Silberpfeile zu brechen, aber offensichtlich sind sie in der richtigen Richtung unterwegs.

Wie wichtig wäre es für die Formel 1, dass sich die beiden ein spannendes Duell bis Saisonende liefern?
Ausgesprochen wichtig. Wobei die Vorausfahrenden nicht Schuld haben, wenn es langweilig wird, sondern einzig jene, die nicht hinterherkommen.

Der neue Mercedes-Mann Valtteri Bottas kann noch nicht ganz mit den Ergebnissen von Hamilton mithalten. Hätte man auf dieser Position nicht auch Pascal Wehrlein das Vertrauen schenken können?
Das hat sich die Teamleitung sicher ganz genau überlegt und dann die entsprechende Entscheidung getroffen. Bottas hat großes Potenzial und wird das bald deutlicher als bei den beiden bisherigen Rennen zeigen – vielleicht bereits am kommenden Sonntag. Wehrlein muss bei Sauber zeigen, was er kann, anschließend hat er gute Chancen auf eine große Zukunft.

Red-Bull-Jungstar Max Verstappen ist zuletzt in China von Rang 16 auf Rang 3 nach vorne gefahren. Was zeichnet ihn fahrerisch aus und wo sehen Sie ihn in ein paar Jahren?
Verstappen hat alles, was ein Formel-1-Superstar braucht: Talent, Mut, Lernwille, Frechheit, er macht wenig Fehler, überholt aggressiv und hat die Dinge allermeist unter Kontrolle. Der Junge ist großartig, keine Frage.

Wie beurteilen Sie bisher die Auswirkungen des neuen Reglements?
Man muss da sicher noch etwas abwarten. Gut ist der aktuelle Zweikampf Silber-Rot, Hamilton-Vettel. Wird bald ein Drei-oder Vierkampf daraus, wird alles noch besser.

Am Wochenende fährt die Formel 1 in Bahrain. Wem könnte die Strecke entgegenkommen und wie wirkt sich die Hitze dort aus?
Vermutlich können dort sowohl Ferrari als auch Mercedes gewinnen. Bei extremer Hitze mag auch Red Bull eine Rolle spielen. Schön ist, dass man nicht vor dem Rennen weiß, wer nach dem Rennen ganz oben auf dem Podium steht. So sehr man als Teamverantwortlicher Dominanzen liebt, so sehr missbilligt diese der Großteil der Zuschauer. Aber: wie gesagt, an Dominanzen sind die Hinterher- und nicht die Vorausfahrer schuld.

Bahrain ist auch ein Beispiel für den Expansionskurs der Formel 1 in den vergangenen Jahren. 2017 fährt die Formel 1 unter anderem in Bahrain, Aserbaidschan und Abu Dhabi, in Deutschland findet hingegen kein Grand Prix statt. Wie sehr stört sie die Abkehr von den traditionellen Motorsport-Märkten und -strecken?
Es ist natürlich keine schöne Entwicklung, dass es derzeit keinen deutschen Grand Prix gibt. Vor nicht langer Zeit gab es noch zwei Rennen pro Jahr am Nürburgring und in Hockenheim mit jeweils über 100.000 überwiegend begeisterten Zuschauern. Ich denke und hoffe, der deutsche Grand Prix wird zurück in den Kalender kommen. Dass es ihn derzeit nicht gibt, liegt einzig an den schwachen Besucherzahlen von rund 50.000 bei den letzten Auflagen, bei denen der Veranstalter viel Geld drauflegte.

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