AZ-Interview Hans-Joachim Stuck: "Vettel hat nichts mehr zu verlieren"

Muss Sebastian Vettel (r.) Lewis Hamilton in den USA schon gratulieren oder schlägt er noch mal zurück? Foto: dpa/imago

Wird die Formel-1-WM in den USA entschieden? Rennsportlegende Strietzel Stuck glaubt das nicht. Außerdem erklärt er in der AZ, was bei Ferrari schief läuft und warum er Hamilton die Daumen drückt.

 

Der 66-Jährige fuhr von 1974 bis '79 in der Formel 1, gewann zweimal in Le Mans und wurde deutscher Tourenwagenmeister.

AZ: Herr Stuck, Lewis Hamilton hat bei noch vier Rennen 59 Punkte Vorsprung vor Sebastian Vettel. Die Formel-1-WM ist gelaufen, oder? Was sagt der Experte?
HANS-JOACHIM STUCK: Nein, es gibt ja den Rennfahrer-Spruch "to finish first, you first have to finish – um zu gewinnen, muss man erst mal ins Ziel kommen". So lange es rechnerisch noch möglich ist, hat Sebastian eine Chance. So ist Motorsport. Man hat gerade bei Ferrari gesehen, wie schnell alles schieflaufen kann. Das kann jedem passieren, auch Lewis.

Was spricht denn überhaupt noch für Vettel?
Natürlich braucht er jetzt viel Glück. Wenn alles normal läuft, wird Hamilton Weltmeister, das ist doch klar. Immerhin ist Sebastian jetzt aber psychisch in der besseren Position, er kann voll angreifen, hat nichts mehr zu verlieren. Andererseits muss ich auch sagen: Wie oft Ferrari in diesem Jahr schon wegen Kleinigkeiten gestrauchelt ist, das ist Wahnsinn! Aber gut, ich bin lange genug im Rennsport dabei, um zu wissen, dass so etwas ganz schnell passieren kann.

Dann erklären Sie doch mal, warum bei Ferrari seit der Sommerpause fast alles schiefgeht, was schiefgehen kann.
Ich war selber in der Formel 1 und weiß, dass Ferrari anders aufgestellt ist. Das Problem ist, dass Ferrari nicht alles selber macht. Sie sind auf Zulieferer angewiesen und das macht einen anfälliger für technische Schwierigkeiten, so wie eben die defekte Zündkerze von Vettel in Japan. Er hat sich ja schon geäußert, dass Konsequenzen gezogen werden müssen. Da bin ich seiner Meinung.

Der Mercedes läuft dagegen wie ein Uhrwerk, verzeichnet kaum Ausfälle.
Das ist brutal. Da ich mit Teamchef Toto Wolff gut befreundet bin, weiß ich, wie konsequent und präzise dort gearbeitet wird. Ich sag mal so: Wenn man mich fragt, wo ich arbeiten will – bei Mercedes oder Ferrari –, dann würde ich tausendmal lieber zu Mercedes gehen. Ich kann mir schon vorstellen, dass bei Ferrari noch mit einem Ave Maria die Schraube angezogen wird, weil das irgendwas verbessert (lacht). Da gibt es einfach kulturelle Unterschiede, bei Ferrari ist alles ein bisschen mehr Casino.

Also deutsche Perfektion vor italienischer Emotion?
Ja genau, so kann man das zusammenfassen.

Hat Hamilton auch Vorteile, weil er besonnener, weniger hitzköpfig fährt als noch in den vergangenen Jahren?
Er wird ja auch reifer und hat jetzt gelernt, dass nicht jeden Tag die Sonne scheint und er weiß auch, dass es nicht mehr so viele gute Gelegenheiten gibt, den Titel zu holen. Man muss ihm auch zugutehalten, dass er konsequenter und fokussierter ist als in den Jahren zuvor. Aber Gott sei Dank ist ihm auch der andere Teil seiner Persönlichkeit erhalten geblieben: Er ist eine Lichtgestalt der Formel 1, der mit seinem Auftreten polarisiert, eine riesige Fangemeinde hat und auch mal mit der Ducati durch das Fahrerlager braust.

Und Vettel? Scheitert er an seinen Nerven oder am Druck?
Das würde ich nicht sagen. Der eine Fahrer ist so, der andere so. Sebastian hat schon Großes geleistet, aber vielleicht ist er bei Ferrari nicht so gut aufgehoben, wie er sich das vorstellt. Bei Red Bull hat er das Team geführt, aber es ist eben nur ein Team, ohne Hersteller im Hintergrund. Bei Ferrari ist das anders, da steckt eine Macht dahinter, da mischen viele mit. Für Vettel wird es da schwerer, seine Vorstellungen umzusetzen, auch weil er biederer wirkt als etwa ein Hamilton.

Ihre Prognose für Sonntag?
Wissen Sie was, ich würde es Kimi Räikkönen mal wieder von Herzen wünschen, dass er gewinnt, das ist einfach ne coole Socke. Ich freu mich aber auch, wenn Hamilton den Sack zumacht.

Herr Stuck, sind Sie etwa Hamilton-Fan?
Ja, ich mag ihn. Er ist – ganz entfernt natürlich – charakterlich ein wenig so wie ich: Leben und leben lassen. Er zeigt, dass er nicht nur Rennsport lebt, denkt und träumt, sondern lässt auch mal alle Fünfe gerade sein. Das ist doch super, das ist doch menschlich. Die Menschen wollen Helden sehen, aber auch Helden pupsen eben mal.

 

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