AZ-Interview Ferdinand Dudenhöffer: "Weg mit der Mehrwertsteuer"

Ferdinand Dudenhöffer forscht seit Jahren zu Mobilität in Deutschland. Foto: Karlheinz Schindler/dpa

Das fordert ein Experte für Automobilwirtschaft wegen der Corona-Krise im AZ-Interview – leider nur als vorübergehende Not-Maßnahme.

 

Ferdinand Dudenhöffer im AZ-Interview: Der 68-jährige Wirtschaftswissenschaftler war von 1996 bis 2008 Professor an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Seit 2008 ist er Ordinarius für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg-Essen. Seit März 2020 lehrt er an der Universität St. Gallen.

AZ: Herr Professor Dudenhöffer, die Automobilwirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Wie kann sie nach Corona wieder Tritt fassen?
Ferdinand Dudenhöffer: Man könnte für Neuwagenkäufe die Mehrwertsteuer aussetzen. Das wäre einfach und schnell umsetzbar. Übrigens nicht nur für Autos, sondern auch für andere hochwertige Konsumgüter. Einige kommen jetzt mit idiotischen Vorschlägen wie die Strafzahlungen für CO2-Verfehlungen auszusetzen oder die CO2-Regeln zurückzudrehen. Das ist das Falscheste, was man machen kann. Damit schädigt man die Autoindustrie nachhaltig.

Wir haben kein Problem mit CO2-Regeln, sondern mit fehlender Kundschaft. Das Nachfrageproblem kann man nicht lösen, indem man CO2-Regeln aufhebt, sondern nur durch Schaffung neuer Nachfrage. Nach dem Shutdown müssen dazu die Autobauer, ihre Banken, aber auch der Staat beitragen. Es muss sehr schnell gehen und nicht wie bei den Abwrackprämien, wo Sie viele Stempel brauchen und Formulare ausfüllen müssen. Wenn man die Mehrwertsteuer aussetzt, sind schuppdiwupp alle Preise um 19 Prozent niedriger.

100.000 Menschen in der Autoindustrie könnten ihren Job verlieren

Wie ist es zu erklären, dass in der Krise elektrifizierte Autos sogar mehr gefragt sind?
Ein Grund ist die Elektroauto-Prämie, der andere ist, dass es mehr Angebote gibt. Wenn wir uns jetzt noch die Mehrwertsteuer dafür schenken, erreichen Sie einen richtigen Boom für Elektroautos. Dann schaffen wir auch den Übergang in das Elektromobilitätszeitalter viel schneller.

Dann hätte die Volkswagen AG, deren kompromissloser Kurs hin zu Elektromobilität bisher ja skeptisch gesehen wurde, die richtige Strategie eingeschlagen?
Absolut.

Beziffern Sie weiterhin die Zahl der erwarteten Arbeitsplatzverluste in der deutschen Autoindustrie auf etwa 100.000? Auch wenn die Branche mit modernen E-Autos neustartet?
Auch bei diesem Szenario. Momentan geht das Volkseinkommen in allen Ländern radikal in den Keller. Solche Situationen gab es schon 2009 wegen der Finanzkrise und 2013 mit der Griechenland-Krise. Es hat jeweils lange Zeit gebraucht, das Volkseinkommen wieder auf den ursprünglichen Stand zu bringen.

Die Wachstumsraten des deutschen Bruttosozialprodukts lagen in den letzten Jahren bei jährlich einem Prozent, in Frankreich minus 0,5 Prozent, in Italien minus ein Prozent. Wenn man jetzt 20 Prozent abstürzt, kann man sich ausrechnen, wie lange es dauert, dies wieder aufzuholen.

Könnte man die Erholung mit besonders attraktiven technischen Innovationen beschleunigen?
Nein, weil den Leuten das Geld fehlen wird. Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir in Deutschland Arbeitslosigkeit bekommen. Wir können versuchen, dies abzumildern. Derzeit werden Milliarden von Euro in Liquiditätshilfen gesteckt, die teilweise aber nur das Sterben verlängern, wenn die Nachfrage fehlt. Je länger dies so gemacht wird, umso weniger Geld bleibt übrig, um die Nachfrage zu beschleunigen.

"Man kann sogar eine negative Mehrwertsteuer ansetzen"

Welche Automobilunternehmen machen es derzeit richtig, welche falsch?
Tesla läuft derzeit sehr gut. Die Amerikaner sind die einzigen, die im ersten Quartal 2020 mehr Autos verkauft haben. Tesla hat ein großes Programm mit neuen Fabriken und Modellen. Elektromobilität ist für sich schon ein Pfund.

Können auch die Firmen den Absatz ankurbeln oder sind sie auf den Staat angewiesen?
Warum kauft heute keiner einen Neuwagen, obwohl er das Geld dazu hätte? Weil er Angst hat, dass er morgen seinen Job verliert. Würden Sie in dieser Situation dem Händler 30.000 oder 50.000 Euro auf den Tisch legen? Sie müssen also dem Kunden das Risiko abnehmen, dass er morgen arbeitslos ist. Andernfalls wird er mit Käufen hochwertiger Konsumgüter sehr zurückhaltend sein. Deshalb der Vorschlag, die Mehrwertsteuer auszusetzen. Man kann sogar eine negative Mehrwertsteuer ansetzen.

Da ist aber wiederum der Staat gefragt...
Man muss die Unsicherheit den Kunden abnehmen. Und da verschlafen die Banken der Autobauer einiges. Wie man das macht, kann man an Start-ups beobachten. Dort gibt es mittlerweile "Car-Abos", das sind Full-Service-Leasing-Verträge für Neuwagen für sechs, zwölf oder 18 Monate. Durch ein vorzeitiges Kündigungsrecht kann man dem Kunden die Möglichkeit geben, das Auto zurückzugeben, wenn er seinen Job verliert. Genau so etwas machen die Banken aller Hersteller nicht, außer von Volvo, aber deren Angebote sind relativ schlecht. Die Autobauer und ihre Banken ergreifen die Chance nicht, sondern sie schlafen.

Die Premium-Anbieter BMW, Audi und Mercedes haben sich bislang eher konjunkturabhängig gefühlt. Ist das für Sie jetzt vorbei?
Die sind auch deshalb konjunkturabhängig, weil sie weltweit vertreten sind und hohe China-Anteile haben, wo alle drei die meisten Autos verkaufen. China erholt sich ja allmählich. Bei diesen Herstellern ist der Einbruch in Februar und März auch nicht so stark gewesen wie etwa bei Dacia oder anderen Billigfahrzeugen.

 

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