AZ-Interview Ex-Weltmeister Frank Wörndl über Neureuther Nachfolger Linus Straßer

"Die Slalom-Elite liegt brutal eng zusammen", sagt Frank Wörndl – und der Münchner Linus Straßer gehört jetzt wieder dazu. Foto: Minoff/AK

Ex-Weltmeister Frank Wörndl spricht in der AZ über den legitimen Nachfolger von Neureuther. Und er erklärt, warum der Rest des deutschen Teams kaum Hoffnung macht. "Die Jungen lassen zu sehr aus."

 

AZ-Interview mit Frank Wörndl: Der 60-jährige ehemalige Ski-Sportler wurde 1987 Weltmeister im Slalom, 1988 holte er in Calgary Olympia-Silber.

AZ: Herr Wörndl, Linus Straßer gilt schon lange als großes Talent zwischen den Slalom-Stangen. Für konstanten Erfolg hat es bislang nicht gereicht – bis zu dieser Saison. Warum ist er heuer so schnell?
FRANK WÖRNDL: Ha! Das müssen wir den Linus fragen! Von außen ist das schwer zu sagen. Er hat nach seinem fünften Platz in Schladming vor fünf Jahren vielleicht seine Ziele zu hoch gesetzt, ist immer mit einem Resultat vor Augen gestartet, das er erreichen oder erzwingen wollte. Ich habe in meiner Karriere Ähnliches erlebt: sehr jung sehr gut – und dann ein paar Jahre lang nix. Wie alt ist er jetzt?

27 Jahre.
Genau. Und wann bin ich Weltmeister geworden? Richtig: mit 27. In der Zeit davor war meine eigene Erwartungshaltung immer viel höher als mein technisches Können. Das alles ist natürlich mit Selbstvertrauen gepaart. Dann packt man irgendwann die Brechstange aus und probiert es brutal, woraufhin der Schuss komplett nach hinten losgeht.

Dabei soll er ja im Training immer fahren, als wäre der Teufel hinter ihm her – bis im Rennen das Kopfkino einsetzt...
Das war mal bei ihm, aber das ist er nicht mehr. In Levi ist er im zweiten Lauf sensationell gefahren, in Zagreb war er im ersten Durchgang sensationell und hat es im zweiten einigermaßen gehalten. In Madonna di Campiglio: sensationell im ersten, Brechstange im zweiten, und in Adelboden: bissl Brechstange im ersten, aber Laufbestzeit im zweiten! Das hängt auch damit zusammen, dass die Slalom-Elite brutal eng beisammen liegt. Diese Ups and Downs wird es immer geben. In Wengen (Slalom am Sonntag, 19. Januar, 10.15 Uhr, d.Red.) dürfte er eine 20er-Startnummer haben: Das sind allerdings die beschissensten Nummern, weil da die Piste von den Rippen her meistens am Ekelhaftesten zu fahren ist. Wollen wir hoffen, dass er möglichst schnell wieder in die Top 15 rutscht.

Kahnbeinbruch bei Linus Straßer

Dabei hat er sich unlängst erst das Kahnbein gebrochen.
Das behindert ihn sicher ein bisschen, aber daran gewöhnt man sich. Ich glaube, dass dieser Bruch ganz gut tat, weil damit die eigene Erwartungshaltung nicht so groß ist. So ist Zagreb auch zu erklären, wo er mit hoher Startnummer auf Platz drei fuhr.

Schärft so eine Verletzung womöglich auch den Fokus im Rennen?
Kann sein. Ich habe aber den Eindruck, dass er, immer wenn sein Vater beim Rennen ist, verkrampft. Es gibt andere Fälle, wo die Väter helfen können – in dem Fall ist das eher nicht so. Der Vater ist ein sehr dominanter Mann, und manchmal ist das ein wenig erdrückend für den Sohn. Natürlich verdankt Linus ihm sehr viel, dass er überhaupt so weit gekommen ist, ganz klar. Aber irgendwann passt vielleicht die Chemie nicht mehr. Da sind dann zwei Platzhirsche zugange, die sich irgendwann bekämpfen. Der Papa wäre gut beraten, wenn er sich dezent im Hintergrund hält und den Junior einfach fahren lässt.

Platzhirschmangel beim DSV

Ansonsten herrscht im Technik-Team des DSV derzeit ja eher Platzhirschmangel.
Die Jungen lassen mir zu sehr aus. Die gefallen mir auch skitechnisch nicht so gut. Das wirkt zu wenig aggressiv und beweglich. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Wenn man blockiert fährt, ist das meist eine Folge von zu viel Training. Das wiederum macht man, wenn die Erfolge nicht da sind. Man glaubt, noch genauer arbeiten zu müssen – dann ist man irgendwann übertrainiert.

Die Arrivierten wie Stefan Luitz und Fritz Dopfer haben auch so ihre Nöte...
Stefan ist komplett von der Rolle, und mit dem Fritz wird das leider nichts mehr. Die Jungen fahren einfach besser als der Fritz zu seiner besten Zeit. Die Technik hat sich weiterentwickelt, und du musst dich wieder umstellen. Ich finde das grausig, wenn du ganz vorne warst und es dann nicht mehr in den zweiten Lauf schaffst. In Adelboden war er nach dem ersten Lauf raus – vor vier Jahren hat er dort fast gewonnen. Das ist demoralisierend. Bei Linus muss man dagegen sagen: Er hat nach Felix Neureuther die Verantwortung übernommen. Das kann er und macht er.

Wie sehr vermissen Sie Neureuther?
Vermissen? Ich seh’ ihn doch bei der ARD! Und ich sehe ihn gerne, weil bei der ARD in Sportsendungen jetzt wieder gelacht wird. Er tut allen gut mit seiner Energie und seinem Erscheinungsbild. Er macht da einen Riesen-Job. Man muss ja nur schauen, wie die Quoten in Österreich eingebrochen sind nach dem Karriereende von Marcel Hirscher. Aber man braucht eben auch ein nationales Zugpferd. Wenn Felix mit einem deutschen Sender vor Ort ist und alle Deutschen unter ferner liefen sind, ist das auch für den Sender nicht schön. Oder ständig analysieren zu müssen, warum es nicht geklappt hat: Das ist dann alles immer so negativ. Umso besser, dass nun einer wie der Linus in die Bresche springt und für Überraschungen sorgt.

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