AZ-Interview Ex-Löwe Andreas Görlitz erklärt, was den TSV 1860 und den FC Bayern unterscheidet

Früher beim TSV 1860, heute Musiker: Andreas Görlitz. Foto: WHALE CITY/firo/Augenklick

Andreas Görlitz spielte einst für den TSV 1860 und den FC Bayern. Im AZ-Interview spricht der Ex-Löwe über seine ewige Leidenszeit nach einem Kreuzbandriss, seine neue Band WHALE CITY – und den Unterschied zwischen Löwen und Bayern.

 

München - Ammersee. Grünwalder Straße. Säbener Straße. Pazifischer Ozean. Andreas Görlitz ist kein Globetrotter, und dennoch weit gereist. Nun hat der Ex-Fußball-Profi, einst beim TSV 1860, dem FC Bayern und am Ende seiner Laufbahn in den USA in San Jose unter Vertrag, einen neuen Karriereschnitt eingeleitet: Der Oberbayer hat mit zwei Freunden eine Band gegründet und will mit dieser, WHALE CITY, groß durchstarten.

Andreas Görlitz wechselte vom TSV 1860 zum FC Bayern

Die AZ sprach nach seinem Auftritt bei der Show "Rabona - Fußball Comedy" in der Kult-Kneipe "Stadion an der Schleissheimerstraße" mit dem zweifachen Nationalspieler. Über stille Momente am Highway One. Über das Klischee, er habe als Ex-Bayern-Profi für sein Leben ausgesorgt. Und über die Wochen nach seinem Wechsel von Blau zu Rot.

AZ: Herr Görlitz, Sie haben den Fußball gegen die Musik getauscht, eine Band gegründet: „WHALE CITY“. Wofür steht der Name?
ANDREAS GÖRLITZ: Ich habe als Fußballprofi ein Jahr in Santa Cruz in Nord-Kalifornien gelebt (2014, d. Red.). 20 Minuten nördlich gab es die Whale City Bakery am Highway One. Man schaut von dort aufs offene Meer, meist bei Sonnenschein und komplett blauem Himmel. Es ist eine große Weite, ein tolles Gefühl der Freiheit. Diesen positiven Spirit wollen wir mit unserer Musik in die Welt tragen.

Und dort haben Sie gesessen, auf den Ozean geschaut und beschlossen, Musik zu machen?
Nein. Es hat schon 2005 angefangen, nach meinen ersten Rückschlägen. Ich war damals zweieinhalb Jahre verletzt. Auf Rat meines Physios habe ich mir während der kräftezehrenden Reha beigebracht, Gitarre zu spielen. Ich wollte mich im Gitarrespielen verlieren und alles vergessen, was nicht gut lief.

Andreas Görlitz und Kollegen: Die Band WHALE CITY

Damals waren Sie beim FC Bayern, konnten nach einem Kreuzbandriss 830 Tage kein Bundesligaspiel bestreiten. Es gibt die Geschichte, Sie hätten schon einen Antrag auf Sportinvalidität gestellt.
Den muss man eineinhalb oder zwei Jahre nach der ursprünglichen Verletzung stellen, falls es wirklich zur Invalidität kommt. Die Ärzte haben meine Chancen 50:50 eingeschätzt, ich hatte fünf OPs hinter mir, einen Knorpelschaden mit 23. Durch die Musik bin ich aber weggekommen von diesem: ‚Du musst, du musst, du musst‘. Ich habe mir gesagt: ‚Du kannst zurückkommen‘.

Ihre Geschichte zeigt das große Risiko im Profifußball.
Als ich den Invaliditätsantrag gestellt hatte, war ich kurz davor von Sechzig zu Bayern gewechselt, hatte eher den Verdienst eines Spielers, der von den Amateuren zu den Profis stößt. Ich hatte keine Millionen verdient, dass ich damals gesagt hätte: ‚Zwei Jahre bei Bayern und ich bin durch‘. Nach meiner Fußballerkarriere wusste ich, dass ich mich voll der Musik widmen will.

Mit dem Ziel, Ihren Lebensunterhalt damit zu verdienen?
Das will und das muss ich. Natürlich habe ich gespart, aber das ist endlich. Die Musik kostet viel Geld. Aber das Ziel ist, irgendwann davon leben zu können.

Nach Abstieg mit dem TSV 1860 nach Mallorca

Als Sie 2004 von den Löwen an die Säbener Straße gewechselt sind, mussten Sie gerade den Abstieg mit dem TSV 1860 verarbeiten.
Ich war ein junger Spieler, hatte nur vier Wochen frei, bin mit Spezln nach Mallorca an den Ballermann geflogen. Just zu dieser Zeit hat mein Berater angerufen und gesagt, dass es ein Angebot vom FC Bayern gäbe. Das ist für einen Jungen, der vom Land kommt, Balljunge im Olympiastadion bei den Sechzgern war, eigentlich unerreichbar. Dann habe ich auf Mallorca mit Felix Magath telefoniert und mir zusichern lassen, dass ich eine realistische Chance habe, zu spielen, was sich bis zu meiner Verletzung ja auch bestätigt hat.

Wie war das, durch München zu gehen, und gerade von Blau zu Rot gewechselt zu sein?
Am Anfang war es krass. Als Fußballer, der zu einem Rivalen wechselt, wird man von einigen Personen nicht mehr als normaler Mensch wahrgenommen, sondern eher als jemand, der was ganz Schlimmes gemacht hat. Ich musste das Gästebuch auf meiner Homepage schließen, weil krasseste Beschimpfungen dabei waren, von beiden Seiten. Ich habe mir Rat von Jens Jeremies geholt und ich hatte im Trainingslager ein Gespräch mit den Bayern-Fanklubs. Es gab dann auch noch das Ablösespiel zwischen Sechzig und Bayern im Olympiastadion. Da haben einige Leute auf der einen Seite gesungen: ‚Görlitz, du Sau, zurück zum TSV‘. Einige auf der anderen Seite haben geschrien: ‚Görlitz, du Judas‘.

Und Sie standen im Olympiastadion und haben was gedacht?
Im Fußball muss man sich davon verabschieden, dass die Leute hinterfragen: Ist er vielleicht trotzdem ein netter Kerl? Einer, mit dem man ein Bier trinken gehen könnte? Es war schwierig. Ich bin dann lieber bei mir auf dem Land auf Bierzeltpartys gegangen als hier in München ins P1. Wenn die Leute auf mich zugekommen sind, habe ich mit ihnen geredet und ihnen meine Entscheidung erklärt.

"Viele wollen sich mit den Löwen profilieren"

Sechzig erlebt turbulente Jahre. Wie nehmen Sie die Löwen wahr?
Ich habe das Gefühl, dass sich der Verein gerade erdet. Zur Zeit von Karl-Heinz Wildmoser gab es eine Hierarchie, da hat einer angeschafft und das hat das ganze Konstrukt Sechzig zusammengehalten. Als das zusammengefallen ist, kamen plötzlich alle, die davor keine Chance gegen den mächtigen Wildmoser hatten. Jetzt, so mein Gefühl, wollen sich viele mit den Löwen profilieren. Beim FC Bayern sprechen immer die Gleichen und zwar mit einer Stimme. Diese Geschlossenheit vermisse ich bei Sechzig.


WHALE CITY bringt am 8. März ihre neue Single "Daylight" raus. Das Video dazu wurde in einer 22-Stunden-Session in München gedreht. Die Band ist zudem im März auf Clubtour in Deutschland – und spielt am 30. März im Milla Club im Glockenbachviertel (Rest-Tickets gibt es unter diesem Link).

 

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