AZ-Interview Eiskunstlauf-Star Savchenko: "Blut, Schweiß und goldene Tränen"

Aljona Savchenko gewann mit Bruno Massot Gold bei den Olympischen Spielen 2018 Foto: picture alliance/Peter Kneffel/dpa

AZ-Interview mit Aljona Savchenko: Die Eiskunstläuferin holte sich im Paarlauf sechs Mal den WM-Titel, gewann zwei Mal Bronze bei Olympischen Spielen (2010 und ‘14), ehe sie ihre Karriere an der Seite von Bruno Massot mit Gold bei Olympia 2018 in Pyeongchang krönte.

 

AZ: Frau Savchenko, wenn man aus deutscher Sicht an die Spiele 2018 denkt, erinnert man sich an das Sensationssilber der Eishockeyspieler und Ihre Eiskunstlauf-Kür, die Ihnen mit Bruno Massot Gold einbrachte. In welchem Moment wussten Sie damals, hier passiert etwas Magisches auf dem Eis?
ALJONA SAVCHENKO: Diesen Zauber habe ich das erste Mal gespürt, als unser erstes Element geklappt hat – besser als je zuvor! Mitte der Kür war mir klar, dass etwas Besonderes vor sich geht. Etwas, dass ich in meinem ganzen Leben nie vergessen werde. Aber wir mussten danach ja noch drei Paare abwarten, weil wir nach dem Kurzprogramm nur Vierte waren. Es war eine Zeit voller Spannung, voller Anspannung, bis klar war, dass mein Lebenstraum von Gold in Erfüllung gegangen war. Aber ich muss eins sagen...

Wir sind ganz Ohr.
Ich hatte vor dem Wettkampf eine Vorahnung. Ich hatte das Gefühl, dass etwas Spezielles passieren würde, dass mein olympischer Weg noch nicht zu Ende war. Auf der eine Seite sagte ich mir: Wenn es jetzt nicht gelingt, sollte es einfach nicht sein, dann ist es mein Schicksal, dass ich nie Olympiasiegerin werde, dann kann ich es nicht ändern. Aber irgendwie hatte ich diese Ahnung. Während der Kür hatte ich dann das Gefühl, das ist Perfektion! Wenn ich sie mir heute ansehe, entdecke ich Kleinigkeiten, die man hätte besser machen können (lacht).

Sie hatten bei der Ausarbeitung der Kür insistiert, dass das Element der Unendlichkeit, der Ewigkeit von Ihnen beiden geformt wird. Es folgte der Lauf für die Ewigkeit.
Es sind so viele Sachen zusammengekommen, die sich wie ein Puzzle zusammengefügt haben. Es waren meine fünften Olympischen Spiele, das Symbol Olympias sind die fünf Ringe. Mein Kostüm hatte die Farbe, in der die Halle geschmückt war, obwohl das Kleid Monate vorher gefertigt war, wir also nichts davon wussten. Es sollte einfach sein.

Aljona Savchenko: Hatte auch Glück

Schicksal.
Ja, Schicksal.

Es gibt den Spruch: Blut, Schweiß und Tränen sind für den Erfolg nötig. Bei Ihnen waren es Blut, Schweiß und letztlich goldene Tränen.
Das stimmt, Blut, Schweiß und viele goldene Tränen. Mehr als Blut und Schweiß. Ich bin zum Glück in meiner Karriere von dramatischen Verletzungen ziemlich verschont geblieben.

Trotzdem: Es sieht so leicht, so elegant aus, wenn Sie laufen, dahinter steckt aber extrem hartes Training, Haben Sie eine Ahnung, wie oft Sie in Ihrer Karriere gestürzt sind?
Oh Gott, nein. Das kann man wohl nicht zählen. Das Erste, was man als Kind lernt, ist Stürzen. Die höchste Kunst im Eiskunstlauf ist, zu verbergen, wie schwer es ist, dass man stattdessen eine Leichtigkeit nach außen trägt. Die andere Seite ist die Anstrengung, um da hinzukommen. Man macht tausende Mal am Tag die gleiche Bewegung, bis sie sitzt. Der Zuschauer, der die Eleganz bewundert, sieht natürlich nicht die sechs, acht Stunden harter Arbeit am Tag, die da reinfließen. Es braucht stundenlanges Training am Tag – jahrelang.

Savchenko kann Bronze-Medaillen jetzt wertschätzen

Haben Sie durch den Gewinn der Goldmedaille auch Ihren Frieden mit den beiden Bronzenen zuvor gemacht?
Ja, jetzt kann ich diese Bronzenen schätzen. Wenn ich aber acht Jahre zurückblicke, dann nicht. Diese Bronzene hat mir gesagt, dass ich verloren habe, dass ich vier Jahre verloren habe, weil mein Traum nicht in Erfüllung ging. Sie waren für mich nicht Ausdruck des Erfolges, sondern des Misserfolges. Mit der Zeit sieht man die Dinge mit anderen Augen. Ohne diese Bronzenen, hätte ich nicht meine Geschichte gehabt, wie sie ist. Ich bin jetzt dankbar, dass ich diese zwei Bronzenen gewonnen habe.

Die sind nicht mehr im Keller?
Die Zeiten sind vorbei (lacht).

Ihre Karriere ist eine Erfolgsgeschichte. Nicht schlecht für jemanden, dem die Trainer anfangs sagten, dass man für diesen Sport nicht geeignet ist.
Das tat weh. Eislaufen war meine Leidenschaft. Ich musste mich als kleines Kind entscheiden zwischen Eiskunstlauf und Klavierspielen, weil meine Eltern nicht beides finanzieren konnten. Ich habe mich für den Sport entschieden. Zu hören, dass man nicht geeignet ist, war hart. Aber zum Glück hatte ich meine Eltern, die immer bedingungslos an mich geglaubt haben, die gesagt haben: Du schaffst es! Aber auch gesagt haben, gib nur das Beste, das ist alles, was man verlangen kann. Es ist sehr wichtig, dass die Menschen, die dich begleiten, für dich da sind. Diesen Faktor darf man nicht unterstützen. Das hilft dir, den Glauben an dich in einer Phase, in der man noch nicht weiß, was man kann, nicht zu verlieren.

Savchenko veröffentlicht eigenes Buch

Sie haben jetzt Ihr Buch: "Der lange Weg zum olympischen Gold" veröffentlicht, was ist Ihre Intention damit?
Als ich klein war, habe ich davon geträumt, die Beste zu sein. Als ich Juniorenweltmeisterin war, wollte ich Weltmeisterin werden. Als ich das war, wollte ich Olympiasiegerin sein. Auf dem Weg dorthin habe ich – wie alle anderen – meinen Schlüssel zum Erfolg gesucht. Ich habe viele Bücher über andere Sportler gelesen, Filme geschaut. Wie haben die es geschafft? Ich hoffe, dass ich mit dem Buch vielleicht jemandem die Inspiration und Motivation geben kann, die ich selber durch Bücher erhalten habe. Motivation, nie aufzugeben und seinen Träumen zu folgen.

Welche Bücher waren das?
Etwa von den Klitschko-Brüdern, die aus meiner Heimat Ukraine stammen. Oder Usain Bolt. Das war die letzte Biografie, die ich auf dem Weg zu den Spielen 2018 gesehen habe. Ich habe mir viele Dokumentationen angeschaut. In dem Jahr habe ich mir gesagt, irgendwas muss ich finden, damit ich Erfolg habe. Vielleicht hat das geholfen. Nach unserem Sieg haben mir viele Menschen gesagt, meine Geschichte sollte sogar verfilmt werden, einige sagten sogar – es ist wie ein Weihnachtsmärchen. Von daher ist das Buch, hoffentlich, nur der Anfang. Zusammen mit der Autorin haben wir uns entschieden, die Biografie anderes als gewohnt aufzubauen und meinen Weg anhand von kleinen Szenen zu erzählen.

Sie wurden lange von Ingo Steuer trainiert, mit dem Sie privat liiert waren. Wie kann es funktionieren, dass man Streitereien im Beruf nicht in das Privatleben übertragt?
Es ist sehr schwierig. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort, dass man nichts mit seinem Chef anfangen soll. Aber Liebe hört nicht auf den Kopf. Das waren schwierige, schmerzhafte Momente. Aber ich bin auch für diese Zeit dankbar. Ohne diese Zeit, ohne Ingo, wäre ich nicht dorthin gekommen, wo ich bin.

Gibt es etwas, was Sie in Ihrer Karriere bereuen?
Wie es mit meinem alten Laufpartner Robin Szolkowy auseinanderging, dass ich ihm nicht selber gesagt habe, dass ich – anders als er – die Karriere fortsetze, hätte anders laufen können. Das bedaure ich. Das war mein Fehler. Leider kann ich die Zeit nicht zurückdrehen. Wir unterhalten uns, aber es gab nicht das große, klärende Gespräch. Vielleicht kommt es noch. Aber es dauert seine Zeit, bis man alles versteht, bis man etwas ausräumen kann. Ich würde mich freuen, wenn die Zeit noch kommt.

 

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