AZ-Interview Ehemaliger JVA-Leiter: "Gefängnisse sind irrsinnig"

Autorenprofil Ruth Schormann
Ein Zaun mit Stacheldraht umgibt die Justizvollzugsanstalt in Straubing, wo Thomas Galli sieben Jahre lang tätig war. Sie hat die höchste Sicherheitsstufe in Bayern Foto: Armin Weigel/dpa

Das sagt der ehemalige JVA-Leiter Thomas Galli aus Augsburg. Er hält den derzeitigen Justizvollzug für menschenunwürdig und gefährlich. Im AZ-Gespräch erklärt er warum – und wie es besser gehen könnte.

 

AZ-Interview mit Thomas Galli: Der 47-jährige Jurist hat Justizvollzugsanstalten in Sachsen und Bayern geleitet. Er ist Autor mehrerer Sachbücher über den Gefängnisalltag und arbeitet seit 2016 als Rechtsanwalt in Augsburg.

AZ: Herr Galli, Sie waren jahrelang Gefängnisdirektor. Sind Sie froh, dass Sie sich gerade nicht als JVA-Chef mit Corona beschäftigen müssen.
THOMAS GALLI: Da bin ich sehr froh, ja. Ich beneide die Kolleginnen und Kollegen gerade nicht, es ist sicher eine schwierige Situation.

Sie haben den Justizvollzugsanstalten den Rücken gekehrt, weil Sie mit dem System nicht einverstanden sind und arbeiten nun als Anwalt.
Ich vertrete jetzt als Anwalt viele Inhaftierte und muss schon sagen, dass die Situation bei vielen an der Belastungsgrenze nagt, die ja teilweise seit Monaten keinen persönlichen Besuch mehr empfangen durften.

Aber es gab zum Beispiel in der Straubinger JVA die Möglichkeit, per Skype zu telefonieren und den anderen so immerhin am Bildschirm zu sehen.
Das könnte ein Vorteil aus Sicht der Inhaftierten sein, dass viele Anstalten oder Bundesländer, wo Skype bisher nicht ermöglicht wurde, das auch beibehalten.

Finden Sie, dass Straftäter in deutschen Gefängnissen menschenunwürdig behandelt werden?
Gefängnisse an sich sind menschenunwürdige Institutionen.

Thomas Galli: Isolation ist unnötig und kontraproduktiv

Weil man eingesperrt ist?
Das können jetzt vielleicht mehr Menschen nachvollziehen, was diese Isolierung bewirkt. Außerdem ist sie unnötig – und letztlich sogar kontraproduktiv.

Sie meinen, dadurch werden weitere Straftaten nicht verhindert, sondern heraufbeschworen?
Wenn man die Kriminalität dadurch senken könnte, dass man die Menschen von der Familie und der Außenwelt abschneidet, könnte man drüber reden, aber das ist nicht der Fall.

Es gibt aber doch Resozialisierungsmaßnahmen. In den Anstalten wird mit den Leuten doch gearbeitet?
Resozialisierungsmaßnahmen werden gesamtgesellschaftlich gar nicht richtig ernst genommen. Das wird ja gar nicht hinterfragt, was aus den Leuten wird, die in Haft waren und ob sie danach wirklich weniger oft straffällig wurden.

Worum geht es dann Ihrer Ansicht nach wirklich bei Gefängnissen?
Sie werden an etwas ganz anderem gemessen als der Sinnhaftigkeit ihrer Resozialisierungsmaßnahmen: Es geht darum, dass niemand ausbrechen darf. Da ist der Skandal dann groß, wie jetzt kürzlich beim Fluchtversuch des Attentäters in Halle. Menschen, die in der Haft arbeiten, versuchen schon mit Ausbildungsangeboten und Therapien und so weiter, etwas zu bewirken. Doch Statistiken zeigen, dass die Gesamtmaßnahme Strafvollzug nicht rückfallreduzierend, sondern rückfallverstärkend wirkt.

Häftlinge drohen im Gefängnis abzurutschen

Aber für viele kann es doch eine Chance bieten, dass sie zum Beispiel in der Haft eine Ausbildung bekommen?
Absolut, ja. Ich plädiere ja auch nicht dafür, dass wir alles abschaffen, was in der Haft geleistet wird. Es gibt sehr viele sinnvolle Ansätze, aber bei dem genannten Beispiel ist das Sinnvolle der Ausbildungsabschluss, nicht, dass jemand dann noch drei Jahre Haft verbüßen muss und dort in die Subkultur in der Anstalt abrutscht und nur noch andere Straftäter kennt.

Was wieder kontraproduktiv wirken könnte.
Eben, das ist ja vielen nicht bewusst, glaube ich. Dass Gefängnisse nicht erfunden worden sind, um Kriminalität zu reduzieren, sondern, um eine große Anzahl von Menschen möglichst kostengünstig unterzubringen. Sonst käme man ja niemals auf diese irrsinnige Idee, ein paar Hundert, in großen Anstalten Tausende junge Männer geschlossen in eine Anstalt zu sperren über Monate oder Jahre. Da kann doch unterm Strich nichts Vernünftiges rauskommen. Und erst recht nicht, wenn das alles Straftäter sind, die alle oft einen schwierigen biografischen Hintergrund haben oder Drogen- oder Gewaltprobleme. Es muss also darum gehen, diese Grundidee zu hinterfragen.

Aber ist es so günstiger?
Das rechnet sich in der Form nur kurzfristig. Es bringt ja nichts, wenn ich hier Geld einspare, aber langfristig entstehen viele soziale Folgekosten, weil die Leute wieder straffällig werden, weil sie keine Arbeit bekommen und so weiter...

Was wären dann Ihrer Ansicht nach die vernünftigen Alternativen, von denen Sie auch in Ihrem Buch schreiben?
Mir geht es darum, dass wir wegkommen von dem Automatismus: Gerichtsurteil gleich Freiheitsstrafe. Ich plädiere dafür, dass die Gerichte über die Höhe eines Unrechts entscheiden und dann ergibt sich ein breiter, gesetzlich festgeschriebener Rahmen von Rechtsfolgen, etwa die Dauer gemeinnütziger Arbeit, über den ein Gremium entscheidet, in dem – das ist ganz wichtig – die Opfer vertreten sind, sie brauchen mehr Mitspracherecht bei der Bestrafung. Das würde vielen von ihnen helfen. Außerdem sollten Psychologen und Soziologen in dem Gremium sitzen und Vertreter der Allgemeinheit. Wir müssen, glaube ich, das Strafen mehr in die Mitte der Gesellschaft rücken.

So könnten Alternativen für Gefängnisstrafen aussehen

Und es soll keiner mehr eingesperrt werden?
In bestimmten Fällen ist es schon sinnvoll, Menschen aus ihrem normalen Umfeld rauszunehmen und sie für einen gewissen Zeitraum zu überwachen und in ihrer Freiheit einzuschränken. Aber das sollte in realitätsnahen, dezentralen Wohngruppen stattfinden. Dann könnte ich mir genau Gedanken machen, wen ich da zusammen unterbringen kann, ohne, dass sie sich gegenseitig mit ihrer kriminellen Energie anstecken und wie mit denen individuell gearbeitet werden kann.

Das klingt nach deutlich mehr Arbeit, als alle zusammen in eine Anstalt zu stecken.
Es würde aber viel weniger Menschen betreffen, die man dann individueller und sinnvoller behandeln könnte – da könnten sogar Kosten eingespart werden, wenn man sich auf die schweren Fälle konzentriert.

Und die anderen lässt man so davonkommen?
50.000 Menschen in Deutschland verbüßen pro Jahr eine Ersatzfreiheitsstrafe, etwa fürs Schwarzfahren, weil sie das Bußgeld nicht bezahlen können. Da könnte man sich mehr Mühe geben, das zu umgehen, genauer hinschauen, ob jemand doch kleine monatliche Raten zahlen kann oder eben durch gemeinnützige Arbeit, dass man die Busse reinigen muss, um ein Gespür zu kriegen, wo das Geld fürs Ticket gebraucht wird. Die allermeisten Menschen könnte man mehr einbinden und mehr in die Verantwortung nehmen. Aber es wird zu wenig versucht.

Manchen muss die Freiheit entzogen werden

Zurück zu denen, die sich schwererer Vergehen schuldig gemacht haben. Wie könnte man sie überwachen, wenn sie dezentral untergebracht sind.
Zum Beispiel mit elektronischen Fußfesseln. So könnte man überprüfen, dass ein gegen seine Frau gewalttätig gewordener Mann nicht mehr in die Stadt kommen kann, in der seine Partnerin lebt. Den Grad an Sicherheit, den wir jetzt haben, könnten wir mit andern Mitteln auch herstellen – ohne die schädlichen Nebenwirkungen von Gefängnissen. Natürlich gibt es aber einige wenige, etwa sadistische Sexualmörder, denen die Freiheit notfalls auch lebenslang entzogen werden muss, und die man auch nicht mit elektronischer Fußfessel herumlaufen lassen kann. Für diese wenigen schlage ich eine dorf- oder inselartige Unterbringung in Anlagen vor, die gegen Flucht gesichert und bewacht sind.

Und welche Art von Strafe soll es dann noch geben?
Gemeinnützige Arbeit. Ganz wichtig ist auch die Schadenswiedergutmachung. Die Hälfte aller jetzigen Inhaftierten etwa sitzen wegen Vermögens- und Eigentumsdelikten. Da zeigen Befragungen der Geschädigten, dass es denen am wichtigsten wäre, dass der Schaden wiedergutgemacht wird.

Hat sich Ihrem Eindruck nach etwas am System geändert, seit Sie vor einigen Jahren angefangen haben, mit Ihrer Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen und sie in Büchern darzulegen?
Es ändert sich schon was, meiner Wahrnehmung nach. In dem neuen Buch versuche ich eben, realistische Alternativen aufzuzeigen. Es gibt ja den freien Vollzug, der in Sachsen jetzt auch für Erwachsene künftig möglich sein soll – das ist ja genau mein Ansatz, die Leute in Wohngruppen statt in geschlossenen Anstalten unterzubringen. Insgesamt ist es ein langwieriger und schwieriger Prozess, aber ich bleibe da weiter dran und bin optimistisch.


Thomas Galli: "Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen" (312 S.; 18 Euro) ist bei Edition Körber erschienen.

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