AZ-Interview Ebel: "Sebastian hat Waffen, die Lewis nicht kennt"

"Beide unterscheiden sich kolossal", sagt Kai Ebel über den Zweikampf zwischen Lewis Hamilton (links) und Sebastian Vettel. Foto: dpa, Kunz/Augenklick

Vor dem Kanada-GP spricht TV-Moderator Kai Ebel in der AZ über den Titelkampf, die Stärke von Ferrari und die nächsten Deutschen in der Formel 1. "Mick Schumacher wird eine Riesengeschichte", sagt er.

 

Der 53-jährige Sportjournalist Kai Ebel berichtet seit 1992 für RTL über die Formel 1. Bekannt wurde er durch seine Interviews aus der Boxengasse und von der Startaufstellung.

AZ: Herr Ebel, Sie reisen mittlerweile seit 25 Jahren mit der Formel 1 um die Welt und haben einiges miterlebt. Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo würden Sie denn diese Saison bisher einordnen?
KAI EBEL: Bislang ist die Saison schon irgendwo zwischen 8 und 9, also fast überragend. Endlich haben wir wieder ein richtiges Duell – und ich liebe solche Duelle. Vor allem, wenn ein Deutscher dabei ist. Sebastian Vettel im Ferrari gegen Lewis Hamilton in einem deutschen Fabrikat, einem Mercedes. Das ist schon besonders.

Sind Sie überrascht, wie stark Ferrari und Vettel zurückgekommen sind?
Auf jeden Fall. Das hat wirklich keiner auf der Uhr gehabt. Aber anscheinend haben sie jetzt wirklich den großen Wurf geschafft und vor allem die neuen Reifen haben sie viel ernster genommen. Nur mal so: Vor der Saison hat Hamilton 50 Kilometer auf den neuen Reifen getestet. Sebastian hat über 1200 Kilometer abgespult. Ferrari hat also viel mehr auf 2017 gepokert.

War Mercedes vom Erfolg geblendet?
Das glaube ich nicht. Aber sie mussten sich 2016 lange auf den Zweikampf Rosberg/Hamilton konzentrieren. Ferrari hat die WM abgeschrieben und für 2017 gearbeitet.

Ist Sebastian Vettel damit ein noch stärkerer Gegner für Hamilton als Nico Rosberg?
Er ist zumindest weniger durchschaubar. Nico hatte ja die gleichen Waffen zur Verfügung. Sebastian aber hat Waffen, die Lewis nicht kennt. Das ist das Tolle an einem Zweikampf zwischen zwei Teams.

Und wer hat jetzt in Kanada die Nase vorne? Auf jeden Fall ein Mercedes oder ein Ferrari. In welcher Reihenfolge wird man sehen. Normalerweise ist es eine Motorenstrecke, das würde für Mercedes sprechen. Die scharfen Kurven beanspruchen aber auch die Bremsen, was ein Vorteil für Ferrari ist.

Sie kennen Vettel und Hamilton aus dem Fahrerlager und von vielen Interviews. Wie geben sich denn beide abseits der Strecken und der Kameras?
Naja, im Fahrerlager machen beide schnell zu wie eine Auster, da heißt es Kopfhörer rein und sich berieseln lassen. Ansonsten unterscheiden sie sich kolossal. Lewis ist der Glamour-Typ, der immer auf Reisen ist. Ich find' das aber irgendwie gut, denn er führt den ganzen Formel-1-Wahn ad absurdum. Von wegen: Wir müssen gegen den Jetlag ankämpfen, fit sein und so weiter. Lewis reist ständig um die Weltgeschichte und steigt trotzdem fit ins Auto. Aber Lewis ist ein lieber Kerl. Ich hab ihn hier erst am Flughafen getroffen, da kann man auch mal über andere Dinge reden. Das macht auch Spaß. Sebastian dagegen ist ruhiger, bodenständiger.

Wem gönnen Sie den Titel?
Aus deutscher Sicht: Vettel auf Ferrari. Das wäre in der Historie von Michael Schumacher die logische Konsequenz.

Sie haben selbst einige brisante Duelle miterlebt, welches war denn bislang das beste?
Um das spannendste sind wir betrogen worden. Das wäre Michael Schumacher gegen Ayrton Senna gewesen im Jahr 1994. Dazu ist es ja durch den tragischen Unfall Sennas leider nicht mehr gekommen. Aber Vettel gegen Hamilton hat schon eine großartige Qualität, weil so gegensätzliche Typen in so traditionsreichen Marken gegeneinader fahren. Die deutschen Fans waren zuletzt verwöhnt: Schumacher, Vettel, Rosberg. Aber was kommt danach? Erstmal hat Sebastian Vettel noch einige Pfeile im Köcher, glaube ich. Mit Nico Hülkenberg und Pascal Wehrlein haben wir zwei weitere tolle Fahrer, die noch nicht in den Autos sitzen, die sie verdienen. Und dann – das wird eine Riesengeschichte – kommt in etwa zwei Jahren der Sohn von Michael Schumacher, Mick, in die Formel 1, ein Riesentalent. Auch Ralf Schumacher hat einen Sohn, David, der schon sehr gut unterwegs ist. Da können wir uns noch auf einiges freuen.

Ihr gutes Verhältnis zu Michael Schumacher ist bekannt, haben Sie noch Kontakt zur Familie oder seiner Managerin? Ich habe Kontakt zur Managerin.
Aber wir reden über andere Dinge, weil ich weiß, dass sie den Genesungsprozess privat halten wollen. Aber ich sage es mal so: Wenn es wirklich was Neues geben würde, dann hätte man es längst vermeldet.

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