AZ-Interview Dorothee Bär: "Im Internet fehlt Kinderstube"

Die eigene Partei als Sitzgelegenheit: Dorothee Bär nach der CSU-Vorstandssitzung am Montag vergangener Woche in der CSU-Parteizentrale in der Mies-van-der-Rohe-Straße. Foto: Michael Tinnefeld/API

CSU-Politikerin Dorothee Bär spricht über die guten und schlechten Seiten der Sozialen Medien – und sie verrät, was ihr Traumjob als Teenager gewesen ist.

 

AZ: Frau Bär, zum Warmwerden würde ich Sie bitten, die nächsten Sätze zu vervollständigen.
DOROTHEE BÄR:
Okay, gern.

Politik sollte nicht immer so bierernst sein, weil...
... ernst muss sie schon sein, aber es sollte auch mal ein Augenzwinkern geben. Auf der einen Seite erwarten die Menschen zu Recht, dass man sich ernsthaft mit Themen beschäftigt, und auf der anderen Seite schätzen sie es auch, wenn sie merken, dass die Politikerinnen und Politiker Menschen sind. Ironie funktioniert natürlich auch nicht immer, aber ich lasse es trotzdem nicht, weil es mir auch sonst keinen Spaß machen würde.

Das denkt Dorothee Bär über Angela Merkel und Markus Söder

Angela Merkel ist für mich…
… diejenige, auf die ich vereidigt bin. Das nehme ich sehr ernst. Ich bin ihre persönliche Staatsministerin und sie ist für mich jemand, mit der ich wirklich täglich in großer Loyalität zusammenarbeite. Aber vice versa. Sie unterstützt mich sehr bei meinen Vorhaben. Deswegen sag ich immer: Die oberste Digitalfrau in Deutschland ist die Bundeskanzlerin, weil sie auch zugelassen hat, dass die Digitalisierung den Schwerpunkt im Kanzleramt hat. Das ist für mich natürlich eine ganz große Unterstützung, weil alle anderen Ministerien von uns koordiniert werden, immer mit Rückendeckung der Kanzlerin.

Wie oft sehen Sie sich?
Schon mehrere Tage pro Woche, selbst in sitzungsfreien Wochen. Es ist ja auch jede Woche Kabinett. Es hängt auch davon ab, wie viele Auslandsreisen sie und ich haben. Ich bin selbst auch viel im Ausland, auch in Vertretung für sie – wie jetzt Ende Mai in Kanada beim großen digitalen Symposium.

Markus Söder ist für mich…
… ein sehr langer Weggefährte und Freund. Wir arbeiten seit 25 Jahren zusammen, ich bin jetzt das zweite Mal seine Stellvertreterin – erst in der JU, jetzt in der CSU. Er ist also ein ganz enger Begleiter, den ich nicht nur politisch sehr schätze, sondern auch im Persönlichen. Und mit dem es auch Spaß macht, Politik zu machen.

Gibt es eine Franken-Connection?
Ich glaube, wir würden uns auch verstehen, wenn wir nicht aus Franken wären. Es gibt ja auch große Differenzen: Er ist Club-Fan, ich bin glühender FC-Bayern-Fan. Bei dem Thema kommen wir nicht zusammen.

Als Fränkin liebe ich den FC Bayern, weil...
... es von Kindesbeinen an eine Liebe ist. Ich verstehe also die Frage nicht. In der Liebe wird man ja auch nicht gefragt, warum hast du dich nicht in jemanden aus deinem Dorf verliebt? Man kann sich seine Liebe nicht aussuchen.

Eine Frage, die ich Ihnen nicht ersparen kann...
Bitte!

Ich mag Latex weil, ...
… ich mag Latex gar nicht und hatte es auch noch nie an.

Doro Bär: Auffälliges Kleid beim Computerspielpreis

War das kein Latex-Kleid neulich beim Deutschen Computerspielpreis?
Nein, das Kleid, von dem Sie sprechen, war aus Leder. Es wurde einmal falsch geschrieben, und dann haben es alle falsch übernommen.

Würden Sie es trotzdem noch mal anziehen oder war es im Nachhinein ein Fehler?
Es war genau zu dem Anlass passend. Ich war nicht beim Deutschen Juristentag oder beim Ärztekongress. Ich habe das Gefühl, dass ich mich zu jeder Veranstaltung passend kleide. Ich bin den Weltkulturerbelauf in Bamberg auch nicht in High Heels gelaufen, sondern selbstverständlich in Turnschuhen. Beim Deutschen Computerspielpreis, wo alle als Cosplayer mit Flügeln und Schwertern und Perücken herumlaufen, dachte ich im Vorfeld, ich falle gar nicht groß auf.

Überrascht von der Resonanz?
Ja, in dem Umfang schon. Vor allem, weil ich die letzten Jahre auch verrückte Kleider anhatte und es da niemanden interessiert hat. Vielleicht lag es daran, dass ich da "nur" eine Staatssekretärin aus einem Ministerium war. Ich begleite ja den Preis seit elf Jahren, habe ihn auch ins Leben gerufen und hatte die letzten vier Jahre immer was Ausgefalleneres angehabt, und es hat nie jemanden so interessiert.

Als Staatsministerin hat es einen anderen Wumms.
Genau.

Sie investieren täglich viel Zeit in Soziale Medien, oder?
Nicht täglich. Ich glaube, am letzten Donnerstag habe ich nichts gemacht.

Ich folge Ihnen auf Instagram und habe nicht den Eindruck, dass es große Pausen gibt.
Ich mache viel, ja, aber nichts gezwungen. Ich poste nur etwas, wenn ich Lust dazu habe und es passt. Ich mache auch mal nichts.

Wie viel Zeit geht da täglich drauf?
Wie oft atmen Sie am Tag?

Keine Ahnung.
Das macht man halt so nebenbei. Wenn ich jetzt nicht mit Ihnen im Auto auf dem Weg zum Flughafen wäre, würde ich in meine Accounts schauen und etwas posten. Ich fahre ja immer mit dem Zug nach Berlin – und in der Zeit arbeite ich, lese, höre Podcasts und beschäftige mich mit Social Media.

Als Digitalministerin muss man das wohl auch, oder?
Ich habe es auch davor gemacht. Für mich ist Instagram so ein Wohlfühlort, auch wenn es da sicher auch den einen oder anderen Verrückten gibt. Aber es ist auf jeden Fall netter, wesentlich angenehmer und im Ton moderater. Facebook ist eine Plattform, die ich sehr stark für die eigene Heimat – auch für den Wahlkreis – nutze. Da finden sich alle Altersstufen. Und Twitter ist schon recht bösartig. Zu 99,9 Prozent wird da Negatives von sich gegeben oder es werden andere beschimpft. Bei ganz unterirdischen Kommentaren schaue ich zuerst nach, wie viele Follower die Person hat – das ist meist nicht einmal im zweistelligen Bereich. Oft ist es so, je weniger Follower, desto heftiger sind die Kommentare.

Spott gibt es auch mitunter für die Social-Media-Aktivitäten von Markus Söder ...
Warum? Bei Markus Söder bewundere ich, dass er sein Social-Media-Verhalten auch als Ministerpräsident beibehalten hat. Bei mir gab es auch Stimmen, als ich Staatsministerin geworden bin, die sagten, jetzt ginge das alles aber nicht mehr so locker und flapsig, wie ich das manchmal eben mache. Aber ich habe immer gesagt: Nein, ich lasse alles, wie es ist, schließlich habe ich mich als Mensch nicht geändert. Als MP ist das natürlich noch mal etwas ganz anderes. Dass er nach wie vor zeigt, wie er mit seiner Labradorhündin Fanny spazieren geht, oder fränkische Bratwürste postet, finde ich gut.

Soziale Netzwerke: Was macht man gegen Hasskommentare?

Muss man nicht etwas unternehmen gegen die ungefilterte Hasskultur im Internet?
Müsste man tatsächlich. Aber das hat ja auch viel mit Werten zu tun und Respekt. Es bräuchte keine Gesetze und man müsste auch nichts unternehmen, wenn sich alle daran halten würden, was sie schon von ihren Uromas beigebracht bekommen haben. Es wäre eben schon vieles besser, wenn einfach eine gewisse Kinderstube auch im Internet eingehalten würde. Dass man eben Dinge lässt, die sich nicht gehören.

Als Staatsministerin für Digitalisierung sind Sie auch mit Jugend-Sprech vertraut. Wie ist Ihr Verhältnis zur Jugend und wie wichtig ist es?
Das ist sehr wichtig. Früher kamen einem die eigenen Eltern weltfremd vor, da sie diesen Sprech nicht beherrscht haben. Man bildet sich immer ein, dass einem das nicht passieren wird. Jetzt habe ich eine Tochter, neben meinen zwei Kleineren, die in wenigen Wochen im Teenageralter sein wird und manchmal sagt sie auch: Mama, kennst du das Jugendwort? Das muss ich dann durchaus öfters mit "Nein" beantworten. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, es ist wichtig, aber es ist auch ein wichtiger Prozess, zu erkennen, dass da Welten zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung liegen.

Bräuchte es eigentlich ein eigenes Digital-Ministerium – losgelöst vom Kanzleramt?
Die wichtigste Frage ist die nach den Zuständigkeiten. Wir haben jetzt in Bayern ein eigenes Digitalministerium, da kann man sich dann anschauen, was funktioniert und was nicht. Judith Gerlach leistet an dieser Stelle genau wie ich echte Pionierarbeit und macht das richtig gut. Es liegt ja auch dort nicht alles Digitale im Digitalministerium. Es gibt Bereiche wie Breitbandausbau, der ist in Bayern im Wirtschaftsministerium, im Bund im Verkehrsministerium. Die Frage ist, holt man aus 14 Ministerien alles Digitale raus, bündelt es in einem Haus und hat dann 14 analoge Ministerien? Das halte ich für nicht sehr überzeugend. Ich bin in der Frage für gute Lösungen offen.

Ist es nicht so, dass Deutschland, was die Digitalisierung betrifft, nicht da ist, wo es sein müsste?
So pauschal ist die Aussage nicht richtig. Wir haben Bereiche, in denen wir sehr gut sind. Wir haben Bereiche, in denen wir mitspielen – und dann gibt es welche, höflich ausgedrückt, wo noch sehr viel Luft nach oben ist. Deshalb muss man differenzieren. Wir haben auf der einen Seite, wenn wir mal zur KI gehen, eine sehr gute Grundlagenforschung. Wir haben mit der TU München eine Universität, die wirklich State of the Art ist. Hätten wir fünf solcher TUs, hätten wir solche Diskussionen in Deutschland überhaupt nicht. Dann haben wir Industriebereiche wie die Sensorik, bei der wir spitze sind. In über die Hälfte aller Autos weltweit ist deutsche Sensorik verbaut. Da dürfen wir nicht nachlassen. Dann haben wir aber Bereiche wie die Plattform-Ökonomie, Stichwort Google oder Facebook, bei der wir so gut wie alles verschlafen haben.

Dorothee Bär wollte Promi-Chefradakteurin werden

Was macht Doro Bär in vier, fünf Jahren – noch Digitales?
Das wird man sehen. Ich mache meinen Job mit sehr großer Begeisterung und Leidenschaft und bin auch dankbar, dass ich für Digitalisierung zuständig bin. Das Thema beschäftigt mich nun seit 20 Jahren, davon seit 17 Jahren im Parlament.

Spüren Sie Vorbehalte?
Von wem?

Von den Menschen. Es heißt ja, Technik könnten nur Männer.
Das war im Verkehrsministerium am Anfang schwieriger, ich war die die erste Logistikkoordinatorin der Bundesregierung. Da waren viel mehr Vorbehalte, auf den Veranstaltungen war ich oft die einzige Frau. Das war damals komplizierter als mit Digitalisierung.

Sie sind abgehärtet?
Sowieso.

Haben Sie einen Traumjob?
Als Teenager wollte ich Chefredakteurin von der "Bunten" werden. Im Moment habe ich meinen Traumjob gefunden.

 

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