AZ-Interview "Die Griechen sind extrem verunsichert"

Der Politikwissenschaftler Charalampos B. Karpouchtsis wurde 1987 in Thessaloniki geboren und wuchs in Deutschland und Griechenland auf. Foto: Verena Lehner / Lokales

Politikwissenschaftler Babis Karpouchtsis über die Stimmung in Griechenland und das anstehende Referendum

AZ: Herr Karpouchtsis, es sind turbulente Zeiten für das griechische Volk. Wie steht es momentan zu seinem Premier Alexis Tsipras?
Charalampos Babis Karpouchtsis: Ich glaube, dass der Rückhalt aus dem Volk für Alexis Tsipras und seine Regierung weniger geworden ist, genauso wie in seiner eigenen Partei. In einer Umfrage vor zwei Wochen hieß es noch, dass 60 Prozent der Griechen ihm vertrauen. Momentan steht es für ihn eher Fünfzig zu Fünfzig.

Liegt das allein an seinen Entscheidungen des vergangenen Wochenendes?
Das würde ich nicht sagen. Eine Abstimmung darüber, ob das griechische Volk bei diesem harten Sparporgramm überhaupt noch mitziehen möchte, ist prinzipiell nichts Schlechtes. Das ist Demokratie.

Warum also der bröckelnde Rückhalt?
Die Menschen in Griechenland sind insgesamt verunsichert, sehr sogar. In manchen Teilen des Landes, vor allem in den Ballungsräumen und Städten, macht sich Panik breit. Andererseits sind viele des Ganzen einfach auch müde geworden. Die Menschen wissen nicht mehr, wie es weitergeht und sind sich nicht mehr hundertprozentig sicher, ob ihre Regierung das Richtige tut.

Tut sie das Richtige?
Sagen wir so: Viele Griechen haben durch die Regierung von Tsipras ihren verlorenen Stolz wiederbekommen. Seine Regierung hat härter gekämpft, härter verhandelt als die anderen Regierungen zuvor. Tsipras hat die Verhandlungen mit den Euroländern wieder auf Augenhöhe gebracht. Das war gut für die Menschen.

Würden Sie sagen, die Griechen haben eine solche Regierung gebraucht?
Ich will es anders ausdrücken: Griechenland brauchte dringend eine Regierung ohne Vorgeschichte. Damit meine ich eine Regierung mit einer weißen Weste, die mit den ganzen Korruptionen und Schachereien vergangener Jahren nichts zu tun hatte. Deshalb wurde Tsipras von den Griechen gewählt, weil er für einen Neuanfang steht und versprochen hat, die innenpolitischen Probleme anzupacken. Dafür hat er momentan nur keine Zeit.

Aber es wurden doch Fehler gemacht.
Natürlich. Ohne jetzt Namen nennen zu wollen, muss ich sagen, dass das arrogante Auftreten so mancher Politiker Griechenland nicht gerade gutgetan hat und die Verhandlungen erschwert hat.

War die Ankündigung des Referendums ein bewusster Schritt von Alexis Tsipras hin zum Grexit?
Das würde ich nicht sagen. Wenn die Griechen am kommenden Sonntag mit „Nein“ gegen das Reformpaket stimmen, dann heißt das noch nicht automatisch, dass Griechenland die Eurozone verlässt.

Was bezweckt er dann mit der Abstimmung?
Es war für ihn der einzig noch mögliche Schritt, weil er das Reformpaket nicht mehr innerhalb seiner Partei rechtfertigen konnte. Sein Rückhalt seitens der linken Gruppierungen der Syriza bröckelt. Das Referendum würde auch die Diskussion um seine Person beenden.

Worüber stimmt das griechische Volk am Sonntag überhaupt ab? Die Euro-Finanzminister wollen das Hilfspaket nicht verlängern, somit gibt es de facto auch keinen Reformvorschlag mehr.
Gute Frage. Wir müssen abwarten, wie die Volksabstimmung formuliert wird. Lässt Tsipras über das aktuelle Reformpaket abstimmen, denke ich, dass die Griechen mit knapper Mehrheit dagegen sein werden.

Und dann? Geht das Ganze von vorne los?
Momentan läuft es darauf hinaus, dass Griechenland ab Dienstag von der Eurogruppe als bankrott erklärt werden kann. Ich hoffe allerdings, dass sich bis dahin die Verantwortlichen – vielleicht hinter den Kulissen, ohne Öffentlichkeit – nochmal zusammensetzen und eine Lösung suchen werden.

Wie geht es mit der Regierung Tsipras in Griechenland weiter? Die Oppositions-Parteien, allen voran die Nea Dimokratia, sind auf Angriff. Kann sie die Regierung zu Fall bringen?
Das ist möglich. Die Nea Dimokratia wird die Zeit bis zum Referendum massiv nutzen, so viel Angst vor einem Grexit und seinen Folgen zu schüren, dass die Griechen mit einem klaren „Ja“ für das Reformpaket stimmen könnten. Dann muss Tsipras das Ergebnis akzeptieren und die Syriza als linke Partei von der Regierungsverantwortung zurücktreten.

Wie ist derzeit das deutsch-griechische Verhältnis?
Ich muss zugeben, es ist momentan sehr schwierig. Innerhalb Griechenlands herrscht eine Anti-Stimmung gegen die deutsche Politik. Allerdings nicht generell gegen das deutsche Volk, sondern gegen bestimmte Politiker wie Wolfgang Schäuble. Ich reise viel zwischen beiden Ländern hin und her und versuche zu vermitteln. Wir hatten von 1990 bis 2005 ein wunderbares Verhältnis. Ich wünsche mir sehr, dass es sich bald verbessert.

 

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