AZ-Interview Die Freuden und Sorgen des Münchner Nikolaus

Nikolaus Martin Bayerl Foto: Daniel von Loeper

Seit 18 Jahren besucht der Münchner Martin Bayerl als Nikolaus Familien mit Kindern. Die sind schon mal frech – aber immer begeistert. Und zur Not gibt's ja den Krampus.

München - Im Bischofs-Gewand, mit Stab und goldenem Buch zieht er dieser Tage wieder für den Heimat- und Brauchtumsverein Lechler durch Münchner Häuser. Ein Interview über Samtfliegen, Ho-ho-hos und Nikolaus-Nachwuchs.

AZ: Herr Bayerl, wann haben Sie selbst aufgehört, an den Nikolaus zu glauben?
MARTIN BAYERL: Oh, das ist eine gute Frage. Daran kann ich mich tatsächlich nicht mehr erinnern. Aber mein kleiner Sohn, der ist neun, der glaubt noch dran. Ich denke, neun oder zehn Jahre ist die Grenze.

Ich hätte gedacht, dass das schon früher ist.
Das kommt vielleicht drauf an, wie der Nikolaus verpackt wird. Bei Kindern, die ihn ständig im Kindergarten, im Fernsehen und im Einkaufszentrum sehen, kommen sicher früher Zweifel. Mein Sohn jedenfalls glaubt schon noch dran. Es ist aus Kindersicht ja auch beeindruckend, dass der Nikolaus so gut über einen Bescheid weiß.

Wenn die wüssten, dass das von den Eltern kommt...
Das ist tatsächlich der größte Teil der Arbeit. Diese zweimal drei Stunden Nikolausbesuche sind eigentlich überschaubar - aber die ganze Kommunikation vorher mit den Eltern zieht sich über Wochen hin.

"Ho, ho, ho"? Gibt es nicht!

Und dann gehen Sie in die Familien rein und hoffen, dass alles passt.
Ich habe in meinem goldenen Buch die Informationen, die die Eltern vorbereitet haben. Namen und Alter der Kinder präge ich mir auf dem Weg in die Wohnung ein und versuche dann, das richtig zuzuordnen. Das ist manchmal nicht so einfach, wenn sich mehrere Familien zusammentun und dann sitzt da eine größere Gesellschaft.

Haben Sie sich schon mal im Namen vertan?
Nein, schiefgegangen ist da noch nichts.

Wie gut ist Ihr "Ho, ho, ho"?
Um Gottes Willen! Sowas mache ich nicht. Das ist sehr amerikanisch. Von diesem Coca-Cola-Weihnachtsmann grenzen sich unsere Nikoläuse ganz deutlich ab. Ich ziehe wirklich im Bischofs-Gewand herum, mit Mitra und weißen Handschuhen, schon sehr edel. Das Kostüm richtet eine Freundin auch jedes Jahr wieder her. Da muss der Bart gekämmt werden, die Falten ausgehängt. Ich schminke mich auch. Allerdings sehe ich jedes Jahr authentischer aus, inzwischen habe ich auch schon eigene graue Haare.

Wie arbeiten Sie sich in die Nikolaus-Rolle ein?
Das ist gar keine wirkliche Rolle. Ich komme in die Familien rein, gucke mir die Kinder an und spreche sie dann persönlich an. Deshalb möchte ich auch keine vorformulierten Texte von den Eltern bekommen, sondern nur Stichworte.

Ab wann geht das Gefühl bei Ihnen los: Bald bin ich wieder der Nikolaus?
Das geht ganz früh los, schon Mitte Oktober, wenn die ersten Eltern anfragen.

Der Nikolaus und sein Chauffeur

Ich hätte gewettet, dass die Familien den nächsten Nikolaus-Besuch schon direkt nach dem aktuellen mit Ihnen planen.
Nein. Bis gestern habe ich auch noch Leuten absagen müssen. Da denken wirklich manche, wir hätten am 5. Dezember um 17 Uhr noch extra einen Termin genau für die freigehalten, die zwei Tage vorher fragen.

Wie viele Menschen benikolausen Sie ungefähr im Jahr?
Gar nicht so viele, wie wir gern besuchen würden. Wir sind ja Ehrenamtliche, die damit die Jugendkasse ihres Trachtenvereins füllen, wir machen das nicht gewerblich. Wir sind pro Tour in ungefähr acht Familien. Pro Besuch kalkulieren wir eine halbe Stunde.

Wer ist "wir"?
Der Nikolaus, der Krampus und ein Fahrer. Ich kann ja schwer selber fahren im Kostüm und habe auch keine Zeit, einen Parkplatz zu suchen. Wir fahren ja meistens mitten im Berufsverkehr herum!

Wie werden Sie empfangen?
Sehr unterschiedlich. Manche Familien bereiten eine richtige Feier vor. Meistens wird der Nikolaus erwartet, man hat ihm einen Stuhl bereitgestellt - er ist ja nicht mehr der Jüngste und hat ein schweres Buch. Aber das ist wirklich kreuz und quer: In der einen Familie macht der Papa im Unterhemd die Tür auf und verschwindet wieder in seinem Computerzimmer – im nächsten Haus stehen da die Kinder mit Samtfliege und Kleidchen und spielen einem am Klavier was vor.

Glauben alle richtig an Sie?
Meistens sind in den Familien große Kinder und kleine Geschwisterkinder und die großen machen das meistens den kleinen zuliebe noch mit. Viele Familien besuchen wir schon seit Jahren. Deren Kinder sind eigentlich fast schon zu alt für unsere Nikolaus-Besuche, dafür werden dann Nachbarn und Verwandte mit ihren Kindern eingeladen, um die Tradition am Leben zu halten. Das ist schon rührend.

Also immer alles harmonisch?
Naja. Da sagt man schon mal: "Willst du nicht nächstes Jahr deine Zähne besser putzen?" und dann kommt ein "Nö".

Der Krampus ist dieses Jahr eine Frau

Was macht man da?
Cool bleiben. Notfalls hat man ja den Krampus dabei, der knurren kann. In manchen Regionen rasselt der mit seinen Ketten oder stampft mit dem Stab auf den Boden. Der Krampus spricht ja nicht.

Warum spricht der nicht?
Weil da oft genug eine Frau im Kostüm steckt. Meine Lebensgefährtin ist zum Beispiel in diesem Jahr der Krampus.

Sie haben Krampus-Sorgen!
Normalerweise haben wir zwei Nikoläuse und jemand von der Jugend macht den Krampus. Dieses Jahr ist der Appell dafür aber etwas ungehört verhallt. Das ist leider oft so, mit dem Brauchtum und überhaupt dem Ehrenamt, weil es nichts dafür gibt. Und ein älterer Krampus, den wir haben, ist in diesem Jahr leider beruflich verhindert. Wir machen das eben alle nebenher.Nikolaus Martin Bayerl mit Knecht Ruprecht Carmen Genzinger

Nikolaus Martin Bayerl mit Knecht Ruprecht Carmen Genzinger

Das klingt ein bisschen nikolausmüde.
Ich würde gern einmal den Nikolausstab an jemand Jüngeren übergeben, der schon ein paar Jahre als Krampus in die Lehre gegangen ist. Aber natürlich macht es mir auch Spaß. Vor allem, wenn die Eltern später noch einmal berichten, wie begeistert die Kinder waren und dass sie immer noch vom Nikolaus erzählen.

Warum haben Sie angefangen, sich den Bart umzuhängen?
Das ist eine Familientradition. Den Nikolausstab habe ich praktisch von meinem Vater übernommen. Und es ist ja auch eine schöne Aufgabe!

Was mögen Sie daran am liebsten?
Dass man wirklich schon so sehnsüchtig erwartet wird. Die leuchtenden Augen dann. Und wenn man wirklich sieht, wie die Kinder größer werden, wenn man die Familien begleitet. Man hat irgendwann das Gefühl, man kennt die Familien, dabei trifft man sie ja nur ein Mal im Jahr. Man sieht aber auch traurige Sachen. In einer Familie ist einmal kurz vor Nikolaus der Vater gestorben. Und bei meinem Vater als Nikolaus standen einmal zwei Namen auf der Liste, es war dann aber nur ein Kind da. Das Geschwisterchen war im Himmel. Mit so etwas wird man auch konfrontiert. Da muss man sehr einfühlsam sein.

Wer spielt bei Ihnen Zuhause den Nikolaus?
(lacht) Da ist die Oma meines Sohnes der Krampus und bringt einen Nikolaus mit. Und da können Sie sich dann endlich mal zurücklehnen! Auch nicht! Da lernt man vorher mit den Kindern ein Gedicht oder ein Lied, und wenn man einen gewissen Anstand hat, räumt man ja vorher für den Nikolaus auf und dekoriert.

 

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