AZ-Interview dicht & ergreifend: Bayerische Reime mit Inhalt

George Urkwell (l.) und Lef Dutti sind dicht & ergreifend. Am Freitagabend treten sie in der Muffathalle auf. Foto: Leon Zarbock

Die bayerische Rap-Gruppe dicht & ergreifend stellt ihr neues Album "Ghetto mi nix o" vor. Das AZ-Interview.

 

München - Der Siegeszug des Dialekts geht weiter: Bayerische Volksmusik ist längst nicht mehr uncool, zahllose Rockbands singen auf Bairisch – und die Mundart-Rapper von dicht & ergreifend räumen richtig ab. Nach einer erfolgreichen ersten Tour ist jetzt ihr zweites HipHop-Album "Ghetto mi nix o" erschienen. Am Freitagabend stellen sie es in der Muffathalle vor.

AZ: Sie kommen aus der Gegend von Dingolfing und rappen auf Bairisch. Sie leben aber in Berlin. Wieso?
GEORGE URKWELL: Wir leben schon seit zehn Jahren dort, haben da studiert: Fabian Grafikdesign, ich Kamera für Spiel- und Dokumentarfilm. Da zieht man nicht einfach wieder weg, wenn man sich eingegroovt hat.

In München machen Sie die Muffathalle voll. Haben Sie in Berlin ähnlichen Erfolg?
LEF DUTTI: Nein, auf keinen Fall. Aber letztes Jahr sind immerhin 250 Leute zu unserem Konzert gekommen.

Aber die verstehen doch kein Wort.
LEF DUTTI: Das haben wir nicht überprüft. Aber sie gehen da hin, weil sie’s interessant finden, dass wir auf Bairisch rappen. Und sie können sich auch einfach zur Musik bewegen.
GEORGE URKWELL: Ich glaube, dass fünfzig Prozent der Zuschauer Exil-Bayern sind, die in Berlin wohnen.

Vor kurzem haben Sie im heimischen Landratsamt den Kulturpreis des Landkreises Dingolfing-Landau erhalten. Wie war’s?
LEF DUTTI: Beim Reinkommen war das schon ein komisches Gefühl, weil da alles nach Etikette geht. Aber das wäre im Landratsamt Köpenick auch nicht anders.

Die Laudatio hat Hannes Ringlstetter gehalten. Woher kennen Sie sich?
GEORGE URKWELL: Wir waren schon zwei Mal in seiner Sendung, wir schätzen uns gegenseitig. Uns wurde gesagt, dass wir einen Laudator brauchen, ich habe ihn angerufen und er hat gesagt: Ich bin sofort dabei.
LEF DUTTI: Er hat sich in seiner Rede als Heimatkulturpfleger ausgegeben, der die Verleihung des Preises in letzter Sekunde verhindern muss...
GEORGE URKWELL: ... weil wir das klassische bayerische Kulturgut nicht in Ehren halten, sondern in den Dreck ziehen.
LEF DUTTI: Dann hat er die Rolle verlassen und einen Text von uns vorgelesen, in dem es darum geht, wie die Natur in der Heimat vor die Hunde geht.
GEORGE URKWELL: Er hat es vorgelesen wie ein Gedicht. Und ohne Beat merkt man: Das sind Reime mit enorm viel Aussage und Inhalt.

Haben Sie danach trotzdem noch gerappt?
LEF DUTTI: Nein, weil da keine g’scheite Anlage war.

Ziehen Sie Ihre Heimat denn wirklich so in den Dreck?
GEORGE URKWELL: Nein, wir versuchen immer, Humor reinzubringen, so dass man leichter Zugang zu jemandem findet, dem unsere Inhalte nicht so taugen – und der sich dann vielleicht beim Lachen ertappt.

Wie sind die Reaktionen in ihrer Heimat auf ihre kritischen Texte?
LEF DUTTI: Es gibt auf dem Dorf definitiv noch negative Reaktionen.
GEORGE URKWELL: Zum Beispiel auf den Song "Immer no", in dem es darum geht, dass im Lokalfußball offen Rassismus gepflegt wird. Meine Eltern haben eine Wirtschaft, und meine Mutter ist etwas ins Kreuzfeuer geraten. Die meisten trauen sich nicht, ihr gegenüber etwas zu sagen, aber intern werden die schon lästern. Aber wenn ich heimkomm und die Jungs von der Mannschaft da sind, spielen sie in der Wirtschaft trotzdem die Songs.

Ihre Texte sind extrem lang. Können Sie alle auswendig?
LEF DUTTI: Freilich. Wenn ein Song fertig ist, kann ich den Text. Ich höre den ja tausendmal, bis die Aufnahme fertig ist. Aber ich kann nicht mitten im Text einsteigen. Es muss von Anfang bis Ende sein.

Haben Sie einen Teleprompter oder eine andere Sicherung?
LEF DUTTI: Wir sind zu zweit. Wenn der eine etwas vergisst, sollte der andere so fit sein, um einzuspringen.

Wie oft kommt das vor?
GEORGE URKWELL: Maximal drei Mal in einem Konzert.

Wenn Sie also fit sein müssen: Bleiben Sie auf der Bühne nüchtern?
GEORGE URKWELL: Wir trinken maximal eine Halbe davor, um die Synapsen zu lockern.
LEF DUTTI: Aber auf der Bühne wird Bier getrunken.
GEORGE URKWELL: Ich habe im Lauf der Tour aber immer weniger Bier getrunken. Weil ich gemerkt habe, dass es geiler ist, fresh zu bleiben und abliefern zu können. Ich glaube, dass es schlechter wird, je b’suffener man ist. Aber wirklich b’suffen waren wir nie. Man macht ja Sport auf der Bühne. Wir sind keine Kammermusiker. Zwei Stunden geht’s kreuz und quer, bis die Unterhose nass ist.


Das Konzert am Freitag ist ausverkauft. dicht & ergreifend spielen am 30. Juni bei Tollwood. Das Album "Ghetto mi nix o" ist erschienen bei Zipfe Adam Records.

 

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