AZ-Interview Christian Heger: "Mehr als Backpfeifen"

, aktualisiert am 23.06.2017 - 12:06 Uhr
Nur im Film eine Kämpfernatur: Privat lehnte Bud Spencer jegliche Form von Gewalt ab. In "Banana Joe" muss er Verbrechern im südamerikanischen Dschungel an die Gurgel. Foto: FFM

Das Filmfest zeigt eine Doku über Bud Spencer. Auch ein Forscher hat den Kult-Star unter die Lupe genommen.

 

München - Auf dem Filmfest läuft der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer: "Sie nannten ihn Spencer" handelt vom anhaltenden Kult um den Schauspieler. Der Filmwissenschaftler Christian Heger, der in der Doku auftritt, hat sich ebenfalls mit dem Phänomen Bud Spencer beschäftigt.

AZ: Herr Heger, eine Magisterarbeit über Bud Spencer und Terence Hill ist ungewöhnlich.
CHRISTIAN HEGER: Normalerweise schreibt man über Filmkunst und Autorenfilmer. Ich wollte etwas machen, womit ich nicht nur den Betreuer zur Lektüre ermuntern kann. Ich hatte den Anspruch zu zeigen, dass die Filme keine dumpfen Backpfeifen-Proll-Filme für Minderbemittelte sind.

Was haben Sie herausgefunden?
Ich konnte filmhistorische Querbezüge zu den Laurel & Hardy-Filmen herstellen, zu Slapstick-Klassikern der Zwanziger. Spencer und Hill haben mit ihren Regisseuren intensiv Stummfilm-Komik studiert. Und die artistischen Prügelszenen sind gekonnt einstudiert. Die Stuntmen waren Meister ihres Fachs, wie ein Ballett, hat Bud Spencer mal gesagt. Da steckte eine große Kunstfertigkeit dahinter, besonders beim Entdeckerregisseur der beiden, Enzo Barboni, der sich E.B. Clucher nannte.

Wieso nannte er sich um?
Im italienischen Genrekino gaben sich alle englische Namen, um sich international zu vermarkten. Spencer hat sich nach dem Budweiser-Bier benannt, das er so gern getrunken hat, und nach Spencer Tracy.
Die Spencer-Filme haben sehr unterschiedliche Qualität.
Enzo Barboni hat noch in den Achtzigern Filme mit den beiden auf hohem komödiantischem Niveau gemacht, zum Beispiel "Vier Fäuste gegen Rio". Aber Bud Spencer hat in der zweiten Hälfte der Siebziger drei Filme pro Jahr gedreht, da war natürlich einiges an Ausschussware dabei. Aber die Filme haben bis heute super Einschaltquoten. Das liegt auch an der Synchronisation.

Wieso das denn?
Die Filme sind im Deutschen viel witziger als im Original. Sie hatten hier diesen phänomenalen Erfolg durch die sehr freie Synchronbearbeitung von Rainer Brandt. Der fing in den Siebzigern an, von den 1:1-Übersetzungen abzuweichen. Wenn die Münder der Darsteller nicht zu sehen waren, hat er die Chance genutzt und noch einen flapsigen Satz reingedichtet.

Wie haben Regisseur und Produzenten das aufgenommen?
Die haben sich gefreut, denn das hat sich in barer Münze ausgezahlt. Und das hatte Rückwirkungen auf die Dreharbeiten in Italien. Als ein Stuntman bei einem "Plattfuß"-Film seinen Text vergessen hatte, meinte Bud Spencer: "Das macht eh Rainer Brandt in Berlin." Die Filme wurden mit einem internationalen Cast gedreht, am Set hat jeder in seiner Sprache gesprochen. Auch die italienische Fassung wurde komplett synchronisiert. Sogar Spencer und Hill wurden in Italien von professionellen Sprechern nachsynchronisiert.

Wieso?
Weil die beiden nicht die Stimmen hatten, die man mit diesen Charakteren auf der Leinwand verbindet.

Wie erklären sich den anhaltenden Hype um Bud Spencer?
Er spielt eine sehr einfache, archetypische Figur und ist die ideale Projektionsfigur für ein junges Publikum: eine Vaterfigur, ein Beschützer. Und die komische Interaktion mit Terence Hill basiert auf Gegensatzpaaren – sie ergänzen sich.

Bud Spencer war nicht nur Schauspieler. Was hat er noch gemacht?
Der war ein Tausendsassa. Er war als Schwimmer bei Olympia, war in der italienischen Wasserballmannschaft, hat in den Sechzigern Popsongs gesungen und produziert. Während seiner erfolgreichen Zeit hat er ein Lufttaxi-Unternehmen gegründet, außerdem eine Firma für Kindermode gegründet, die schnell bankrott ging. Und er hat als Erfinder Patente angemeldet: für eine elektrische Spielzeugmaus, eine Einweg-Zahnbürste mit integrierter Zahnpasta und einen Spazierstock mit ausklappbarem Tisch. Kurz vor seinem Tod hat er noch eine CD herausgebracht und vier Bestsellerbücher. Und in Schwäbisch-Gmünd wurde ein Schwimmbad nach ihm benannt.

Wie kam es denn dazu?
Da wurde ein neuer Tunnel gebaut und die Bevölkerung im Internet aufgerufen, Namensvorschläge zu unterbreiten. Ein Spencer-Fan hat alle Fans mobilisiert, "Bud-Spencer-Tunnel" vorzuschlagen. Er konnte die meisten Unterstützer auf sich vereinen, aber der Magistrat der Stadt wollte keinen "Bud-Spencer-Tunnel" haben. Um die öffentliche Meinung nicht gegen sich aufzubringen, haben sie das öffentliche Schwimmbad in "Bud-Spencer-Bad" umbenannt. Weil er in seiner Zeit als Schwimmer mal in dem Bad geschwommen haben soll. 


"Sie nannten ihn Spencer", heute um 20.45 Uhr im Mathäser, mit Live-Musik des Bud Spencer Heart Chor.
Auch am 27. Juni, 17.30 Uhr, Carl-Orff-Saal.

 

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