AZ-Interview Caritas-Chef Falterbaum: "Bettler gehören auch zur Stadt"

Caritasdirektor Georg Falterbaum wünscht sich größeren Zusammenhalt in München. Foto: Daniel von Loeper

Im AZ-Interview spricht der Chef der Caritas, Georg Falterbaum, über steigende Altersarmut, hohe Mieten und darüber, warum er das Alkoholverbot am Hauptbahnhof kritisch sieht.

 

Der 55-Jährige Georg Falterbaum ist seit Juli 2017 Direktor der Caritas in München und Freising.

AZ: Herr Falterbaum, München ist eine reiche Stadt. Ist Armut hier überhaupt ein Problem?
Georg Falterbaum: Ohne Reichtum gäbe es keine Armut. Insofern ist Armut in München ein großes Problem. Vielleicht sogar insbesondere in so einer reichen und reich-wirkenden Stadt. Selbst, wenn die Armut hier oft versteckt ist.

In München sieht man manchmal alte Menschen, die Pfandflaschen an den U-Bahnhöfen sammeln. Deutet das auf einen Anstieg von Altersarmut hin?
Genau können wir das nicht sagen, aber wir können natürlich beobachten, wie viele Menschen bei uns Hilfe suchen. Wir sehen sehr wohl, dass sich die Zahlen dort erhöhen. Der Umfang der versteckten Armut ist natürlich auch für uns nur schwer greifbar. Aber gerade in den Altenservicezentren beobachten wir durchaus einen Besucher-Anstieg.

"Teure Mieten sind ein hohes Armutsrisiko"

Menschen ziehen weg, weil sie sich München nicht mehr leisten können.
Das Thema Wohnraum ist ganz zentral. Unsere Jahreskampagne 2018 ging genau um dieses Thema. Wir müssen Wohnraum für alle sozialen Schichten in München zur Verfügung stellen. Das ist wichtig für bedürftige Menschen selbst, aber auch für Menschen, die kein Problem haben, in München hohe Mieten zu bezahlen.

Warum das?
Auch diese Menschen brauchen Kindergärtner, U-Bahnfahrer und Krankenpfleger, die irgendwo wohnen müssen. Die gesamte Stadtgesellschaft ist darauf angewiesen, dass alle Menschen in München leben können, die auch Dienstleistungen für unsere Gesellschaft erbringen. Das Thema Wohnraum ist entscheidend, gerade im Zusammenhang mit Armut. Teure Mieten sind ein hohes Armutsrisiko, gerade in München.

Und was muss man dagegen tun?
Da muss konkret gegengesteuert werden mit dem Bau neuer Wohnungen. Ob da jetzt Mietpreisbremsen oder Deckelungen weiterhelfen, wage ich zu bezweifeln. Dadurch entsteht keine einzige neue Wohnung. Die Probleme liegen Jahrzehnte zurück, das Thema wurde damals nicht mit dem nötigen Engagement verfolgt.

Caritas hat Kampagne "Vermieter mit Herz gesucht" gestartet

Ist das jetzt besser?
Das kann man noch nicht sagen. Es wird Jahre dauern, bis sich nachhaltig etwas ändert. Kurzfristige Versprechungen, wie Mietdeckel, werden das Problem nicht lösen. Wir brauchen neuen Wohnraum und das geht nicht über Nacht. Außerdem erleben wir Vorbehalte in der Bevölkerung, wenn es um konkrete Neubauten vor der eigenen Haustür geht.

Was macht die Caritas zu dem Thema?
Wir versuchen, darauf aufmerksam zu machen: Teurer Wohnraum verursacht Armut. Die zweite Frage ist, was tun wir ganz konkret. Unseren Mitarbeitenden bieten wir Wohnraum an, damit sie in München Fuß fassen können und dann hier als Erzieher oder Pfleger arbeiten können. Wir haben auch eine Kampagne "Vermieter mit Herz gesucht!" gestartet, bei der wir Vermieter suchen, die erschwingliche Wohnungen für unsere Mitarbeiter zur Verfügung stellen.

Wie kann man denn Menschen helfen, die von Armut bedroht sind?
Erst einmal ist es wichtig, Bewusstsein zu schaffen, dass es keine Schande ist, wenn man arm ist und sich Hilfe holt. Gerade die Menschen, die älter sind, kommen aus einer Zeit, als man anders mit Armut umgegangen ist, als es heute der Fall ist.

"München engagiert sich stark für arme Menschen und gegen Armut"

Wären solchen Aufgaben nicht eigentlich Aufgabe der Stadt oder des Staats?
Selbstverständlich ist und bleibt die Stadt München für ihre Einwohner und deren Wohlergehen verantwortlich. Üblicherweise jedoch erbringen freie Träger wie beispielsweise die Caritas Leistungen für die Menschen. Hilfsangebote werden eigentlich erst dann von öffentlicher Stelle angeboten, wenn es sonst kein Angebot gibt. Dazu kommt aber natürlich, dass wir von der Stadt auch stark finanziell unterstützt werden. München engagiert sich stark für arme Menschen und gegen Armut. Es wäre falsch zu sagen, die Landeshauptstadt zieht sich aus ihrer Verantwortung.

Sie sind also mit der Stadt zufrieden?
Insgesamt: ja. Aber immer noch ist die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen größer als unser Angebot, das wir vorhalten können. Wenn man aber zum Beispiel jetzt sieht, dass die Staatsregierung jährlich dreistellige Millionenbeträge ausgibt, um den Besuch von Kitas in den ersten beiden Jahren pauschal zu bezuschussen, ohne irgendeine soziale oder inhaltliche Komponente, dann könnte man das Geld vielleicht besser verwenden. Durch die pauschale Bezuschussung der Kitakosten verbessert sich ja nicht die Qualität der Kitas oder werden mehr Plätze geschaffen. Wäre es nicht besser, Armen zu helfen oder unseren Zusammenhalt in der Gesellschaft zu fördern?

Bettelverbot, Alkoholverbot am Hauptbahnhof: Manchmal hat man das Gefühl, die Stadt versuche, arme Menschen zu verdrängen?
Es gibt in München ungefähr 9.000 Obdachlose Menschen. Das sind sehr viele. Da jetzt in der Umgebung des Hauptbahnhofs das Alkoholverbot gilt, werden wir als Caritas ab Herbst den Menschen bei uns einen Aufenthaltsraum anbieten, wo sie betreut Alkohol konsumieren können.

"Alle Menschen haben einen Platz in München"

Warum tun Sie das?
Das machen wir auch als Zeichen, dass wir diese Menschen nicht wegdrängen, sondern ihnen helfen wollen. Wir verstecken diese Menschen nicht. Unsere Gesellschaft besteht aus Arm und Reich. Es ergibt aus unserer Überzeugung keinen Sinn, diese Menschen zu verstecken oder zu verdrängen.

Sind Bettel- und Alkoholverbot also falsch?
Ganz soweit würde ich nicht gehen. Aber: Es leben viele Menschen in München. Ob arm, ob reich, ob alt, ob jung, ob alkoholabhängig oder nicht: Alle Menschen haben einen Platz in München. Es ist keine saubere Stadt nur für Touristen, die sich hier wohlfühlen müssen. München ist eben bunt, mit allen Gegebenheiten und Umständen, die es gibt. Dazu zählen auch bettelnde oder flaschensammelnde Menschen, solange sie friedlich sind.

Was macht es mit einer Stadt, wenn Armut einfach unter den Teppich gekehrt wird und alles perfekt scheint?
Das ist dann eben ein Schein, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Es ist gut für eine Gesamtbevölkerung, wenn man nicht nur in der Zeitung liest, "es gibt arme Menschen, es gibt behinderte Menschen, es gibt Menschen mit Alkoholproblemen", sondern wenn man das auch sieht und sehen muss. Das ist ein Bestandteil unserer Gesellschaft. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft gut darin ist, Armut in den Hintergrund zu rücken und die schöne heile Welt zu präsentieren. Wir als Caritas sehen das kritisch.

Zusammenhalt scheint ein wichtiges Thema zu sein. Manchmal hat man das Gefühl, wir drängen arme Menschen aus der Stadt, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus nehmen zu. Wird unser Zusammenhalt in München weniger?
Das ist eine schwierige Frage. Darüber abschließend zu urteilen, wäre von mir vermessen. Unser Anliegen ist es, einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken. Man sollte die Vielfältigkeit in unserer Stadt nicht verstecken müssen. Das Alkoholverbot am Hauptbahnhof ist natürlich ein Indiz, dass man das heute eher verstecken will. Aber das Problem ist ja nicht weg. Die Menschen sind ja trotzdem da, sie gehen halt nur woanders hin.

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