AZ-Interview Brad Pitt und die neue Offenheit im Alter

Brad Pitt: "Mein Instinkt sagt mir, was richtig und was falsch ist. Ich bin ein Qualitäts-Junkie." Foto: imago/AFLO

Am Donnerstag startet der Sci-Fi "Ad Astra" mit Brad Pitt im Kino. Im AZ-Interview spricht er über Einsamkeit, seelische Verletzungen und eine Neudefinition von Männlichkeit.

 

Der Schauspieler und oscarprämierte Filmproduzent Brad Pitt wurde am 18. Dezember 1963 in Shawnee in Oklahoma geboren und wuchs in Missouri auf.

1991 wurde er mit "Thelma & Louise" bekannt. Robert Redford engagierte ihn für "Aus der Mitte entspringt ein Fluss" (1992), und "True Romance" (1993) war die erste Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino. Neben "Seven" waren "Fight Club" und die "Ocean's"- Reihe große Erfolge.

AZ: Mr. Pitt, sind Sie glücklich mit dem fertigen Film "Ad Astra"?
BRAD PITT: Glücklich ist ein weiter Begriff. Dieser Film eröffnet eine neue Dimension, war allerdings der bisher schwierigste. Es fiel mir schwer, als Roy McBride keine Emotionen zeigen zu dürfen, die Schmerzen und Wunden der Kindheit scheinbar unberührt hinter einer Fassade zu verschanzen, die falschen Halt verspricht. Es gibt viele Möglichkeiten, vor seinen Gefühlen zu fliehen, dazu gehört auch die Flucht in die Einsamkeit.

Brad Pitt: "Leben heißt manchmal auch Schmerz"

Haben Sie Angst vor Einsamkeit?
Ich fürchte mich nicht davor. Uns ging es darum, Einsamkeit zu porträtieren. Einsamkeit bedeutet aber etwas anderes, als alleine zu sein. Dies glaubhaft zu vermitteln, war nicht einfach. Einsamkeit ist universell, wir alle durchleben sie an bestimmten Punkten unserer Existenz. Nur Größenwahnsinnige verdrängen sie. Roy McBride ist nicht nur allein, er ist auch bewusst Einzelgänger. Eine simple Gewissheit dürfen wir nie vergessen: Wir kommen allein auf diese Welt und verlassen sie auch wieder allein. Und Leben heißt manchmal auch Schmerz.

Brad Pitt über die Neudefinition des Mann-Seins

"Ad Astra" ist in seinem Mix aus Meditation, Psychodrama und Action anders als übliche Sci-Fi-Filme. Dazu geht es noch um Selbstfindung im Weltraum. Ein bisschen viel, oder?
Dass Regisseur James Gray diese Geschichte im Weltraum spielen lässt, fand ich faszinierend, er kennt sich in der Filmgeschichte aus und hat eine sehr elegante Art des Erzählens, wenn er Kontemplation mit Action mischt. Es gefällt mir, dass er etwas anderes bietet als Treffen mit Aliens oder intelligenten Lebewesen, sondern die Frage stellt: Was ist, wenn da nichts ist? Roy McBride ist kein strahlender Held oder Eroberer fremder Galaxien, sondern ein in sich zerrissener Mensch und auf sich selbst zurückgeworfen. Er ist mit einer großen Leere konfrontiert, geht auf eine innere Reise, ohne zu wissen, wohin die führt. Dabei geht es auch um eine Neudefinierung von Maskulinität.

Wie äußert sich die?
Bisher musste der Mann ein Macher sein, stark und respektiert. Emotionen galten als Zeichen von Schwäche. Dieses Image halte ich für lächerlich und überholt. Statt sich zu unseren Sehnsüchten zu bekennen, zu unseren Träumen, zu unseren Beziehungen und zu unserer Liebe, lassen wir niemanden an uns heran. Wir müssen uns selbst besser kennen lernen und lernen, uns mit unseren Fehlern anzunehmen. Wir alle schotten einen Teil unserer Persönlichkeit ab, aber mit zunehmendem Alter verweigern wir uns diesen läppischen Spielchen um unser Superego und offenbaren unsere seelische Verletzbarkeit.

Brad Pitt: "Ich glaube an den Sieg der Humanität"

Wie gehen Sie so eine ambivalente Figur an?
Ich versuche, diese Figur mit Leben zu füllen, mich auf die dunkle Seite zu fokussieren und die Probleme wahrhaftig rüber zu bringen. Wenn ich nicht an die Figur glaube und sie fake, wird auch der Zuschauer nichts mit ihr anfangen können. Ich grabe in meinen eigenen Gefühlen und mache die Rolle dadurch real.

Wir denken oft, dass Menschen im All die alltäglichen Querelen hinter sich lassen. Aber auf dem Mond geht es rechtlos zu wie im Wilden Westen. Der Homo sapiens scheint sich nicht zu ändern. Sind Sie dennoch optimistisch für die Zukunft?
Ich gehöre nicht zu denen, die alles idealisieren, aber ich glaube an den Sieg der Humanität. Trotz allen Streits und aller Kriege, es wird immer Menschen geben, die für das Gute kämpfen und am Ende siegen.

Brad Pitt: "Ruhm kann ziemlich lästig sein"

Was bedeutet Ihnen Ruhm?
Aufmerksamkeit und Ruhm können ziemlich lästig sein und an die Substanz gehen. Ständig steht man unter Beobachtung, jeder glaubt, das Verhalten eines Promis beurteilen zu können. Es hat gedauert, bis ich mich nicht mehr um die Meinung anderer geschert habe. In Zukunft werde ich mich stärker der Produktion von Filmen widmen. Als Produzent stehe ich nicht so im Mittelpunkt.

Trotz Ihrer 55 Jahre wirken Sie wunderbar entspannt, Energie geladen und jugendlich. Was ist Ihr Geheimrezept?
Da machen Sie mich richtig verlegen. Ich führe jetzt ein gesünderes Leben als noch vor einigen Jahren. Während der Woche lebe und ernähre ich mich gesund, am Wochenende schummel ich aber etwas, sonst wäre es doch zu langweilig. Und Fitness mache ich auch vier Mal die Woche. Bei einer körperlich anspruchsvollen Rolle tue ich viel dafür, dass sie echt wirkt.

Brad Pitt: "Ich bin ein Qualitäts-Junkie"

Wie wählen Sie ihre Rollen aus, wie Projekte als Produzent?
Ich muss von Anfang an überzeugt sein, dass die Story stimmt. Mein Instinkt sagt mir, was richtig und was falsch ist. Ich bin ein Qualitäts-Junkie. Wenn man mit Regisseuren wie David Fincher, Marc Forster oder Steven Soderbergh gearbeitet hat, kann man sich nicht mehr mit einem niedrigeren Niveau zufrieden geben, weiß man, die Magie eines Films zu schätzen. Leider scheuen die Studios Risiken immer mehr, schrecken oft vor einer hohen Finanzierung zurück. Diese Lücke füllen Streaming-Plattformen. Wichtig ist, trotz allem sich und seinen Ansprüchen treu zu bleiben.

Was heißt für Sie Qualität?
Vielleicht hilft ein Vergleich: Es gibt Polyester und Seide, das eine wird achtlos verscherbelt, das andere achtsam vermarktet und gewürdigt.

Sie glänzen in Tarantinos "Once Upon A Time In Hollywood", und in "Ad Astra" werden Sie für den Oscar gehandelt…
Es ist viel zu früh, darüber zu spekulieren. Wer nur mit starrem Blick auf das Goldmännchen arbeitet und danach giert, verliert seine Kreativität.

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