Box-Legende im AZ-Interview Axel Schulz: "Als Freund würde ich Wladimir raten: Hör auf..."

"Ich habe üble Prügel bezogen", sagt Schulz (l.) über seinen Kampf im Jahre 1999 gegen Klitschko. Foto: dpa

"Als Freund würde ich Wladimir raten: Hör auf, doch als Boxer würde ich sagen: Mach weiter!", sagt Axel Schulz, der von Klitschko 1999 in den Box-Ruhestand geprügelt wurde. "Er muss wissen, ob er jetzt Angst hat, Schläge einzustecken"

 

München - Axel Schulz boxte drei Mal um die WM im Schwergewicht, verlor aber jeweils. Nach seiner vernichtenden Niederlage 1999 im EM-Kampf gegen Wladimir Klitschko beendete er seine Karriere. Ein Comeback 2006 misslang.

AZ: Herr Schulz, Wladimir Klitschko hat im Jahre 1999 Ihre Karriere mit seinen Stahlhammer-Fäusten regelrecht zerstört. Ist jetzt Klitschkos sportliches Ende nach der Abbruch-Niederlage gegen Anthony Joshua gekommen?
AXEL SCHULZ:
Das kann wirklich nur ein Mann entscheiden: Wladimir. Nur er kann wissen, wie es in tief in ihm drinnen aussieht. Es ist sicher so, dass er sich sagen wird: Ich habe Joshua doch gehabt. Es hat nur ein winziges Bisschen gefehlt. Hätte er nachgesetzt, würde jetzt kein Mensch darüber reden, ob Klitschko weitermachen sollte, dann hätte er nämlich den Ring als Sieger verlassen. Von dem her verbieten sich alle Klugscheißer-Sprüche, was Wladimir machen soll. Nur er kann sagen, wie es weitergeht. Aber: Ein anderer Gegner als Joshua macht für mich keinen Sinn mehr für Wladimir. Nur der Rückkampf zählt, alles andere ist Quatsch.

Klitschko hat eine tolle Leistung geboten, dabei aber auch schwerste Treffer genommen. Jetzt könnte er den Ring als großer Boxer und vor allem ohne große körperlichen Schäden verlassen.
Absolut. Ich habe damals in meinem Comeback-Kampf gegen Brian Minto eine leichte Gehirnblutung erlitten. Boxen ist ein gefährlicher Sport. Gerade im Schwergewicht. Es ist auch so, dass ich Wladimir als Freund und Mensch raten würde, die Boxhandschuhe an den Nagel zu hängen. Aber als ehemaliger Boxer würde ich wahrscheinlich sagen: Mach weiter. Er hat drei Optionen: Nicht mehr boxen. Boxen und gewinnen – oder boxen und verlieren. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.

Wie geht man mit so einer Niederlage um, wenn die Welt Zeuge ist, wie man vor seinem Gegner am Boden liegt?
Niederlagen im Boxsport sind immer sehr persönlich. Die tun richtig weh. Vor allem in der Seele. Aber Wladimir kennt das schon, er hat das gegen Corrie Sanders 2003 und ein Jahr später gegen Lamon Brewster erlebt. Er hat das bisher perfekt ausradieren können. Ob er das wieder kann, weiß ich nicht. Er hat harte Treffer genommen. Ich würde ihm raten, intensives Sparring zu betreiben, bevor er seine Entscheidung trifft. Bei mir war es so, dass ich nach meiner Niederlage gegen Wladimir, bei der ich üble Prügel bezogen habe, einfach Angst davor hatte, weitere Schläge einzustecken. Diese Angst war bei meinem Comeback gegen Minto nicht weg. Mit so einer Angst braucht man nicht in den Ring zu steigen. Da muss sich Wladimir genau hinterfragen.

Was war für Sie am Ende ausschlaggebend, dass Klitschko verloren hat? In der sechsten Runde war Joshua eigentlich schon stehend k.o.
Wladimir hatte ihn. Aber er hat ihn davonkommen lassen. Ich habe nicht verstanden, warum er da nicht richtig nachgesetzt hat. Das heißt: Eigentlich weiß ich es genau. Klitschko wusste, dass angeschlagene Boxer am gefährlichsten sind und davor hatte er Angst. Auch als Joshua provozierend auf ihn eingeredet hat, war klar, wie fertig der ist. Das tun nur Boxer, die angeschlagen sind. Dass er diesen Kampf verloren hat, ist unglaublich unbefriedigend für Wladimir. Wie viel er sich vorgenommen hatte, hat man ja gesehen. Er war unfassbar schnell auf den Beinen, ging ein hohes Tempo. Es war ein Kampf der Generationen, aber einer, in dem das Alter keine Rolle gespielt hat.

Kann Joshua das Boxen die nächsten Jahre dominieren?
Er hat alles, was es dafür braucht. Aber auch er muss diesen Kampf erstmal verarbeiten und verkraften. Er war das erste Mal in seiner Karriere am Boden. Er hat nun die Erfahrung seiner eigenen Verletzlichkeit, seiner Besiegbarkeit gemacht. Wie er damit umgeht, ob er die richtigen Lehren zieht, wird spannend.

Warum ist es für Boxer so schwer, abzutreten? Die Liste derer, die weit über ihren Zenit geboxt haben, ist lang und prominent: Muhammad Ali, Evander Holyfield, Mike Tyson – um nur einige zu nennen.
Die Öffentlichkeit denkt immer, dass es nur das Geld ist. Auch bei mir hieß es: Hat er es nötig, hat er seine Kohle durchgebracht? Was die wenigsten verstehen, ist, dass Boxen unser Leben ist. Der Sport hat dich begleitet seit deiner Jugend, du liebst ihn, er ist ein Teil von dir. Man hat Angst vor dieser Endgültigkeit, weil ein großer Teil deines Lebens wegbricht. Boxen ist nicht wie Fußball, wo ein Spieler noch ein paar Jahre in China, den USA oder wo auch immer die Karriere ausklingen lassen kann. Das ist ein Abschied auf Raten. Wenn du beim Boxen aufhörst, dann war es das. Es ist für Nichtboxer vielleicht schwer zu verstehen, aber es fehlt dir einfach ein Stück in deinem Leben. Ein Stück, das du liebst. Bei mir war es so. Und wenn Wladimir sich nicht wirklich sicher ist, dass es das für ihn war, wird es auch ihm fehlen. Er muss sich seiner Entscheidung wirklich sicher sein, sonst sagt er wahrscheinlich bald: Ich mache ein Comeback. Davon würde ich ihm aber abraten.

 

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