AZ-Interview Augenthaler: "Nach den 42 Sekunden ging es mir besser"

Turbulente Tage: Klaus Augenthaler (r.) und der damalige Wolfsburg-Pressesprecher Kurt Rippholz 2007. Foto: imago

Klaus Augenthaler spricht in der AZ über seine legendäre Pressekonferenz beim VfL in Wolfsburg und sein Traineramt in Donaustauf.

 

Donaustauf - Der 59-Jährige spielte von 1975 bis 1991 für den FC Bayern und wurde 1990 Weltmeister. Er trainierte unter anderem Leverkusen, Wolfsburg und Unterhaching und ist mittlerweile beim SV Donaustauf.

AZ: Hallo Herr Augenthaler, ich hätte ein paar Fragen. Aber ich würde Sie gerne selbst stellen. Nicht, dass Sie das übernehmen und diese dann beantworten.
Klaus Augenthaler (lacht):
Ist gut.

Und schon wissen Sie, warum ich anrufe. Wie oft sind Sie in diesen Tagen auf Ihre 42-Sekunden-Pressekonferenz angesprochen worden?
Gar nicht. Das kommt vielleicht noch.

Ihr Auftritt, die kürzeste Pressekonferenz der Bundesliga-Geschichte, feiert dieser Tage 10-jähriges Jubiläum. Am 10. Mai 2007 haben Sie als Trainer des VfL Wolfsburg Ihren Monolog folgendermaßen begonnen: "Guten Tag. Es gibt vier Fragen und vier Antworten. Die Fragen stelle ich, die Antworten gebe ich auch."
Das habe ich damals aber nicht aus Jux und Dollerei gemacht, sondern weil die Journalisten immer wieder die gleichen Fragen gestellt haben. Es ging immer um die Aufstellung, die Taktik, die Stimmung in unserer Mannschaft und um den Gegner. Auf der anderen Seite wurden in den Medien seit ein paar Wochen mögliche Nachfolger von mir gehandelt. Mit meiner Aktion wollte ich die Fans wachrütteln, dass es nicht um meine Person geht, sondern einzig und allein um den VfL Wolfsburg.

Sie kämpften damals gegen den Abstieg.
Richtig. Und wir haben in den letzten beiden Spielen noch einen Punkt gebraucht, um uns zu retten. Ich wollte den Fokus auf unser bevorstehendes Auswärtsspiel in Aachen lenken. Die Alemannia stand mit drei Punkten Rückstand einen Platz hinter uns auf Rang 16, hatte aber die viel schlechtere Tordifferenz.

Wusste überhaupt jemand von Ihrem Vorhaben?
Nur mein Co-Trainer Robert Roelofsen. Manager Klaus Fuchs nicht, er saß auf dem Podium und war etwas irritiert. Ein Wolfsburger Journalist meinte an jenem Tag zu mir: "Damit hast Du uns ganz schön vor den Kopf gestoßen!" Er fand die Aktion aber gut.

Sind Sie heute stolz auf diese Pressekonferenz?
Na ja, stolz – hinterher ist man immer schlauer. Damals ging’s mir besser nach den 42 Sekunden. Meine Entlassung stand ja praktisch schon vorher fest.

Obwohl Sie dann zwei Tage später mit dem 2:2 in Aachen den entscheidenden Punkt zur Rettung geholt haben?
Ja. Vor dem letzten Spiel gegen Bremen eine Woche später kam Lothar Sander, der damalige VfL-Aufsichtsratsboss, in meine Trainerkabine, und überreichte mir ein DIN-A-4-Blatt. Darauf stand, was ich nach dem Spiel auf der Pressekonferenz sagen sollte. Ich las mir den Zettel durch und sagte: "Herr Sander, das ist doch im Grunde genommen meine Entlassung?" Er meinte dann etwas verlegen, das hätten auch andere mit entschieden. Das war zwei Stunden vor dem Anpfiff. Ich habe mit meinem Kollegen Thomas Schaaf (damals Werder-Trainer, d.Red.) gesprochen, der meinte: "Das geht ja gar nicht!" Anstandshalber bin aber im Stadion geblieben, habe mich aber nicht wie sonst immer neben die Trainerbank gestellt, sondern mitten unter die Ersatzspieler gesetzt.

Wusste die Mannschaft von Ihrer Entlassung?
Ich habe es Ihnen bei der Taktik-Besprechung erzählt. Es gab aber keine. Ich habe nur die Aufstellung an eine Flip-Chart geschrieben und gesagt: "Jungs, ich bin nicht mehr euer Trainer. Taktisch könnt ihr spielen, wie ihr wollt."

Der VfL verlor 0:2, noch am selben Abend gab der Verein Ihre Entlassung bekannt. Haben Sie sich das Video mit der 42-Sekunden-PK in den letzten zehn Jahren hin und wieder angeschaut?
Nicht bewusst. Wenn dann zufällig, weil es mir jemand gezeigt hat. Eine Sache stört mich dann immer: Dass ich einen Kaugummi im Mund hatte.

Sie haben im Februar 2016 beim damaligen Siebtligisten SV Donaustauf angeheuert, kämpfen momentan in der Landesliga Mitte, der 6. Liga, um den Aufstieg.
Es sind noch zwei Spieltage. Am Samstag können wir mit einem Heimsieg gegen Osterhofen unseren zweiten Tabellenplatz verteidigen. Dann geht es in die Relegationsspiele zum Aufstieg. Eine harte Nuss.

Hätte denn der SV Donaustauf die Bayernliga im Kreuz?
Ja. Wir wären gerüstet.

Werden Sie dann noch Trainer sein?
Das würden wir dann nach den Aufstiegsspielen besprechen.

Haben Sie es jemals bereut, dass Sie als Bundesliga-Trainer so unterklassig trainieren?
Nein, es macht großen Spaß, wir trainieren drei Mal pro Woche. Die Jungs spielen am Wochenende oft so, als gäbe es kein Morgen, als müssten sie nicht am Montag wieder in ihrem Beruf antreten. Das ist toll.

Einmal hat Ihnen ein Spieler per SMS vor dem Abschlusstraining mitgeteilt, dass er nicht kommen könne, weil er Karten für ein Justin-Bieber-Konzert habe. Ein anderer sagte ab, weil er mit seinem Vater Holz hacken müsse.
Ja, das gehört dazu. Ich erzähle Ihnen noch eine Geschichte: Letzte Woche hatten wir vor einem wichtigen Spiel im Training keinen Torwart. Warum? Unser Stammtorhüter sagte ab, weil sein Vater Geburtstag hatte. Aber auch der Ersatztorwart konnte nicht. Er war ebenfalls eingeladen. Also sind mein Co-Trainer und ich im Training ins Tor gegangen – das ging auch.

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