AZ-Filmkritik "Zwischen den Jahren": Rache ist dunkel

Peter Kurth. Foto: temperclayfilm

"Zwischen den Jahren" ist ein gelungener deutscher Film noir über Schuld und Sühne.

 

"Ich bin nicht gut mit Menschen" bremst Becker, wie der stark tätowierte Mann ohne Vornamen heißt, die Flirtversuche einer Frau, mit der er gerade anbandelt. Er hat nicht nur schnellen Sex mit ihr, sondern spürt auch so etwas wie Zuneigung. Aber in Worte fassen, kann er seine Gefühle nicht.

Peter Kurth, im vergangenem Jahr mit dem Deutschen Filmpreis für "Herbert" ausgezeichnet, als ehemaliger Boxer, der unter der tödlichen Muskelschwundkrankheit ALS leidet, kämpft auch hier wieder um ein bisschen Würde und kommt nicht aus dem Verlierermodus heraus.

Vor 18 Jahren hat er bei einem Einbruch eine Frau und ein Kind "weg gemacht". Nach seiner Entlassung aus dem Knast versucht dieser Mann ein Stückchen Zukunft zu ergattern, einen Hauch von Glück im Job als Wachmann und in der beginnenden Beziehung. Als sich zufällig sein Blick mit dem eines anderen durch das U-Bahn-Fenster kreuzt, ahnt er, ihm ist kein Glück gegönnt.

Ein Sozial- und Psychodrama und rasanten Thriller-Elementen

Denn der Fremde ist der immer noch verzweifelte Witwer, der ihn hartnäckig verfolgt und Rache will für den Tod von Ehefrau und Tochter, ihm keine Ruhe lässt, ihn in die Enge treibt, bis Becker in seiner Hoffnungslosigkeit zurück schlägt... Kurth, derzeit Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart und von der Zeitschrift "Theater Heute" 2014 zum "Schauspieler des Jahres" gewählt und auch im Kino eine Ausnahmeerscheinung, spielt mit psychologischer Präzision, hinter dem kompakten Körper versteckt sich eine seelische Zerbrechlichkeit, Blicke und Gesten sind stille Hilfeschreie. Mit seinem ebenfalls innerlich zerrütteten Gegenpart Karl Markovic bildet er ein überragendes Schauspielerduo, das sich in Wut, Hass und Angst verstrickt.

Lars Henning landet einen Debut-Volltreffer mit dieser exorbitanten Mischung aus Sozial- und Psychodrama und rasanten Thriller-Elementen, ein deutscher Film Noir über Schuld und Sühne, vergebliche Reue und vergessene Moral. Die meisten Szenen spielen in finsteren Winternächten mit Menschen, die sich im Schatten ducken. Becker ist auch ein Symbol für diejenigen, über die es in Brechts Dreigroschenoper heißt "die im Dunkeln sieht man nicht".


Kino: Neues Maxim

R: Lars Henning (D, 97 Min.)

 

0 Kommentare