AZ-Filmkritik „Wild Plants“: Im nächsten Leben Pfirsich

Humus aus Kompost schaffen und dann raus in die Stadt zum Begrünen. Foto: Real Fiction

Nicolas Humbert philosophiert in seinem Dokumentarfilm „Wild Plants“ über Menschen und Pflanzen.

 

Fast zehn Minuten vergehen ohne ein Wort, Bilder eines Hundes, der auf einer Eisfläche rutscht und dann wie gehetzt über laut klirrende Eisbrocken rennt, Hände, die in der Erde wühlen, sprießendes Unkraut, eine Schneelandschaft, durch die ein Zug donnert, ein Feld mit Schneeglöckchen, leere Fensterhöhlen in Detroits verlassenen Häusern, schwarze Vogelschwärme am Himmel. Gesichter von Jung und Alt, Männern und Frauen.

Dann zwei Männer bei der Arbeit in einem wilden Garten, eine Diskussion über den Kreislauf von Leben und Tod im Kompost. Der Ältere philosophiert über „Transformation“, dem jüngeren Helfer ist es egal, ob er als Erdbeere oder Pfirsich wieder auf die Welt kommt.

Der Begriff der Umwandlung und Veränderung zieht sich wie ein roter Faden durch den mit Symbolik und Metaphorik gespickten essayistischen Dokumentarfilm über den Aufbau neuer und Rückgewinner alter Lebensräume, die Rückkehr zu den Wurzeln der menschlichen Existenz.

Entschleunigung in einer von Hektik geprägten Zeit

Nicolas Humbert („Step Across the Border“, „Middle oft the Moment“) konzentriert sich auf die Entschleunigung in einer von Hektik geprägten Zeit, um die Suche nach verlorener Ursprünglichkeit, die Verbindung zwischen Mensch und ungebändigter Natur.

Dazu besucht er die „Urban Gardeners“ in Detroit, einen indianischen Philosophen im Reservat Pine Ridge, die innovative Landbau-Kooperative „Jardins de Cocagne“ in Genf. Die „Wild Plants“ sind nicht nur Gewächse, die sich auf brachem Land ansiedeln, sondern auch Individuen, die allein oder in der Gruppe ihren oft wunderlichen Utopien folgen.

Bei der filmischen Forschungsreise stellt der in München geborene Schweizer sich und den Zuschauern Fragen nach ungewohnten Gestaltungsmöglichkeiten im Umgang mit Pflanzen.

Und der kann auch mal ganz subversiv sein wie beim Zürcher „Samenbomber“ Maurice Maggie, der nächtens mit Rucksack durch die Bankenstadt zieht und Samen von Malven und Kürbissen aussät, eine Form von Widerstand gegen die verordnete Ordnung.   


Kinos: Arena, Breitwand im Schloss Seefeld

Regie: Nicolas Humbert (D/CH, 111 Minuten)

 

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