AZ-Filmkritik Wagnis Menschlichkeit

Ihr wächst die Sache letztlich nicht über den Kopf: Ariane Ascaride als mutige Geschichtslehrerin. Foto: Neue Visionen

Der französische Spielfilm „Die Schüler der Madame Anne“ zeigt wie Mut und Aufklärung Welten verändern. Eine Klasse übt den Aufstand, die Schule kapituliert und schreibt die Schüler schon ab.

In der 11. Klasse am Léon-Blum-Gymnasium im Pariser Vorort Créteil sind die Verhältnisse so aus dem Ruder gelaufen, dass eine Rückkehr zu geordneten Verhältnissen ausgeschlossen scheint.

Aggressionen, Raufereien und Gewalt haben unter den jungen Leuten so überhandgenommen, dass sich das Lehrerkolleg außerstande fühlt, eine Wende zum Guten einzuleiten. Die Klasse scheint verloren, ihre aus ethnischen und religiösen Motiven herrührenden Konflikte unüberwindbar, das Abitur ein utopisches Fernziel ohne Realitätsbezug.

Da betritt, dem Geist der Revolte wacker die Stirn bietend, wie ein Deus ex machina die Geschichtslehrerin Anne Guegen (Ariane Ascaride) das Klassenzimmer und verschafft sich durch ihre geradlinige und aufgeschlossene Art Autorität. Indem sie den verwahrlosten Jugendlichen die Tür zu der Schatzkammer des Wissens aufstößt, gelingt es ihr, etwas zu wecken, was in ihnen völlig verkümmert zu sein scheint: Wissbegierde, Forschungsdrang und Lerneifer. Durch die Teilnahme an einem Wettbewerb zu dem Thema „Kinder und Jugendliche im System der Konzentrationslager der Nazis“, in dem an die 50 000 französische Schüler um den Sieg streiten, weckt sie in ihnen jene Begeisterungsfähigkeit und Empathie, die die Chance zum schulischen Erfolg in sich tragen.

Mit einem modernen Märchen die Wahrheit erzählen

Der Spielfilm „Die Schüler der Madame Anne“ klingt wie ein modernes Märchen, wurde aber tatsächlich von Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar nach einer wahren Begebenheit gedreht. Der Film hat seine Stärken, wo er das Konfliktpotential beleuchtet, das in einer multikulturellen Gemeinschaft vorhanden ist, weil religiöse und soziale Differenzen zu Abgrenzungen führen.

Anhand von Einzelschicksalen schildert die Regisseurin, nach welch unterschiedlichen Kriterien junge Menschen Weichen für ihre Zukunft stellen: Da sehen wir die rebellische Mélanie, die das Projekt zunächst boykottiert, sich dann aber – nach der Lektüre eines Buches über die Shoa – ihm anschließt. Da erleben wir den Unfrieden säenden Konvertiten Olivier, der sich seit seinem Übertritt zum Islam Brahim nennt und aus dem Projekt aussteigt, weil sein Fanatismus die Erinnerung an den Holocaust nicht zulassen kann. Und da begegnen wir dem sympathischen Moslem Malik, der Madame Anne nach Kräften unterstützt, weil er von Nächstenliebe und Humanität durchdrungen ist, und der sich schützend vor sie stellt, als sie von dem Anführer von Brahims radikaler Gang physisch angegangen wird.

Aus Individualisten wird eine Einheit

Dass trotz dieser brisanten Gemengelage Madame Anne die Klasse schließlich zu einem erfolgreichen Team zusammenschweißen kann, ist dem Besuch eines Zeitzeugen geschuldet, der bis Januar 2015 wirklich gelebt hat: der Auschwitz- und Buchenwaldüberlebende Léon Zyguel. Sein Bericht über das Leiden im KZ, das man nur mit der Hilfe von Freunden und Mitstreitern überleben konnte, beeindruckt die Klasse so sehr, dass sie ihre Einstellung überdenkt und zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammenwächst.

So gutgemeint der Film damit von seiner Grundaussage her auch ist, wirkt er an gewissen Stellen durch seine aufklärerisch-rousseausche Grundaussage doch etwas naiv. Denn der Gedanke, dass durch die Vermittlung von Vernunft und Bildung der Mensch zu seiner wahren Natur findet, mag im Einzelfall richtig sein. Doch wo Hass, Fanatismus und soziale Ungleichheit den Ton angeben, sind die Gräben oft zu tief, um jenen menschenverbindenden Willen zur Erkenntnis in Gang zu setzen, den der Film voraussetzt.

 

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